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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 11:50 Uhr

Alkohol und Nikotin : Sylt hat ein Alkohol-Problem

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Illegale Drogen sind nach Einschätzung von BBZ-Suchthelfer Lars-Michael Wittmeier eher die Ausnahme.

Sylt hat ein Drogenproblem. Doch nicht die illegalen Rauschmittel wie Haschisch, Kokain und Crystal Meth machen den Suchthelfern Sorgen. Es sind die ganz normalen Drogen des Alltags: Alkohol und Zigaretten. Die Insel ist stark von Gastronomie geprägt – Schnaps ist allgegenwärtig. Wer davon nicht mehr loskommt, erhält Unterstützung bei der Suchtkrankenhilfe des Beratungs- und Behandlungszentrums Sylt (BBZ).

„Alkohol ist das primäre Problem,“ sagte Lars-Michael Wittmeier bei einem Vortrag vor dem Sozialausschuss der Gemeinde Sylt. Der Sozialpädagoge ist seit 2011 beim BBZ tätig, zuständig für den Bereich Suchtkrankenhilfe. Oft höre er, dass Crystal Meth auf der Insel stark verbreitet sei. „Aber ich habe tatsächlich erst zwei Klienten gehabt, die Crystal Meth mal probiert haben – noch weit von der Abhängigkeit entfernt.“ Dass Sylt ein großes Problem mit illegalen Drogen habe, sei für ihn nicht erkennbar. „Gehen sie mal nach Frankfurt, den Bahnhof runter – da sehen Sie ein Drogenproblem, aber nicht hier.“

Illegale Drogen könne man problemlos kaufen. „Wer sie konsumieren will, bekommt sie – auch hier auf Sylt.“ Doch die schlimmsten Drogen, die auch in die Illegalität führen können, seien Alkohol und Zigaretten.

Kernauftrag der Suchtkrankenhilfe beim Beratungs- und Behandlungszentrums im Kirchenweg 37 sei die Beratung von Gefährdeten, Abhängigen und deren Angehörigen. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um Alkohol-, Drogen-, Medien- oder Spielsucht handelt. „Jeder kann in unsere Beratungsstelle kommen – egal, welche Suchtproblematik er aufweist und welchen Grad die Erkrankung angenommen hat. Wir vertreten den Suchtkranken und sind für ihn da.“

Meistens würden die Patienten von ihrem Hausarzt an das BBZ vermittelt, manchmal auch nach einer Behandlung von der Nordseeklinik oder von den Fachkrankenhäusern auf dem Festland. Die Zahl der betreuten Klienten liege meist zwischen 160 und 200, im Jahr 2015 waren es 197 Menschen – 129 Männer und 68 Frauen.

Das BBZ ist eine Einrichtung des Diakonischen Werkes, liegt also in kirchlicher Trägerschaft. Auf Sylt werden rund 270  000 Euro investiert, um Angebote von der Suchtprävention bis zur ambulanten Suchtbehandlung für die Menschen vorzuhalten. Siebzig Prozent der Kosten werden über die Zuschüsse der Sylter Gemeinden refinanziert. Die Gemeinde Sylt stellt 157  000 Euro bereit. Der Rest kommt vom Land, vom Kreis, aus Eigenmitteln und aus den erzielten Einnahmen, etwa von Rentenversicherungen und Krankenkassen.

Lars Wittmeier wies darauf hin, dass Suchthilfe nicht nur Geld kostet, sondern langfristig auch Geld spart. Wie zum Beispiel bei der Prävention junger Menschen: Fachkräfte gingen in die Schulen und informierten Kinder und Jugendliche über Drogen. Die enge Vernetzung mit der Diako Nordfriesland ermögliche darüberhinaus ein einzigartiges Vorsorgeprojekt: „Wir nehmen Schüler mit in die Fachklinik und zeigen ihnen, was es heißt, in eine Suchterkrankung zu fallen.“ Dabei hätten die Jugendlichen auch die Möglichkeit, mit Betroffenen zu sprechen, die sich gerade in der Therapie befinden, und ihren Lebensweg kennenzulernen.

Auf Sylt betreut das BBZ aber auch 75 Heroinabhängige. Die Einrichtung vermittelt sie in Ersatzprogramme, sie werden mit Methadon versorgt. Damit kämen die Betroffenen aus der Illegalität heraus, das Risiko von Beschaffungskriminalität sinkt. Rund ein Viertel der Klienten im Ersatzprogramm hätten es geschafft, dauerhaft vom Substitut loszukommen.

„Jugendliche Komasäufer – sind die ein wachsendes Problem?“, wollte SPD-Fraktionschef Gerd Nielsen von Wittmeier wissen. Der Suchthilfeexperte bestätigte, dass es Fälle gab, in denen Zwölfjährige zum Alkohol gegriffen haben – ein besonderes Risiko für die dauerhafte Gesundheit der jungen Menschen. Er habe es auch schon mit Haschisch rauchenden Kindern zu tun gehabt. Beim Cannabis liege der Wirkstoffgehalt aufgrund neuer Züchtungen heute wesentlich höher als vor zehn, zwanzig Jahren. Bei Minderjährigen, die relativ unauffällig zum Cannabis greifen, könne sich schnell eine Psychose entwickeln. „Bei einem Zwölfjährigen wird bei einer Alkoholvergiftung im Kopf genauso viel zerstört wie beim Cannabis-Rauchen.“ Das seien aber Einzelfälle – die Hauptgruppe der Suchtkranken sei zwischen 18 und 35 Jahre alt.

Christian Thiessen (Insulaner/Piraten) fragte im Sozialausschuss, ob Aufputschmittel auf Sylt verbreitet seien – etwa in der Gastronomie, um die langen Arbeitstage und die Saison überstehen zu können. „Es gibt natürlich die Klienten, die Kokain und Speed konsumieren“, erläuterte Wittmeier. Primäres Aufputschmittel sei aber der Alkohol. „Was meinen Sie, wie viele Menschen gerade im gastronomischen Bereich mit Alkohol ihre Arbeit überhaupt erst hinbekommen?“ Bei einem bestimmten Suchtgrad „funktionieren“ die Betroffenen nur noch unter Alkoholeinfluss. Also müssten sie morgens anfangen zu trinken und über den Tag weiter konsumieren. „Erst später, vielleicht nach einem halben Jahr, wenn der Körper nicht mehr kann, treten Symptome auf – dann merkt man, dass man Hilfe braucht.“

Eine neue Herausforderung für die Suchthilfe seien zunehmend ältere Klienten. Auch bei ihnen sei „Alkohol nur Mittel zum Zweck“. Diese Menschen versuchten, ihre Einsamkeit, ihre Krankheit oder ihre finanziellen Sorgen im Alkohol zu ertränken. Auch hier gäbe es eine hohe Dunkelziffer.

Wie der Alkoholkonsum erfolgreich eingedämmt werden könnte, lasse sich beim Nikotin abgucken. „Auch das Rauchen war über Jahrzehnte gesellschaftlich anerkannt.“ Das Wissen um die immensen gesundheitlichen Folgekosten und die Schädigung durch das Passivrauchen habe sich durchgesetzt. „Deswegen stigmatisiert man das Rauchen und man grenzt Raucher immer mehr aus.“ Beim Alkohol sei bislang das Gegenteil der Fall – „noch wird der Alkoholkonsum gefördert.“


Kontakt zum BBZ unter Tel. 04651-8222020

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erstellt am 23.Nov.2016 | 05:12 Uhr

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