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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 05:39 Uhr

Immobilien auf Sylt : Streit um EU-Richtlinie: Mit sechzig zu alt für den Hauskauf?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ein neues Vergabegesetz zwingt Geldinstitute zu einem Kreditverbot für ältere Menschen. Jetzt hagelt es Kritik.

Keine Chance mehr auf einen Hauskredit – für Menschen über sechzig ist das vielfach Realität. Ursache ist ein neues EU-Gesetz, das eigentlich die Verbraucher schützen soll. Banken müssen seit März darauf achten, dass Kreditkunden ihr Darlehen noch zu Lebzeiten zurückzahlen können. „Mit sechzig Jahren sind sie damit nicht mehr kreditwürdig“, bringt es der Sylter Makler Peter Peters auf den Punkt. „Da haben die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel regelrecht geschlafen.“

Mit der neuen Wohnimmobilien-Kreditrichtlinie reagieren die EU-Verbraucherschützer auf die geplatzte Immobilienblase in den USA. Verbraucher sollen davor geschützt werden, sich beim Immobilienkauf finanziell zu überheben. Die US-Banken hatten im großen Stil Kredite vergeben, ohne die Sicherheiten der Kunden unter die Lupe zu nehmen. Die Krise verschärfte sich noch, weil es in den USA – ähnlich wie in Großbritannien und den skandinavischen Ländern – üblich ist, nur die Zinsen zu zahlen, aber kaum die Kreditsumme zu tilgen. Das ging so lange gut, wie die Immobilien an Wert zulegten und schnell wieder zu versilbern waren – bis das System dann kollabierte.

Vor zwei Jahren hat Brüssel deshalb die neue Richtlinie beschlossen, die bis zum März 2016 von den Mitgliedsstaaten in nationale Gesetze umzuwandeln war. „Doch Berlin hat noch eine Schippe draufgelegt,“ kritisiert Martin Jessen von der Sylter Bank. Die Banken hätten nun die klare Vorgabe, dass eine Rückzahlung der Darlehenssumme während der statistischen Lebenserwartung des Kunden gewährleistet sein müsse. Bei der Kreditwürdigkeitsprüfung sind nun das Einkommen sowie das frei verfügbare Vermögen ausschlaggebend.

Und das kann zu dramatischen Problemen führen. Jessen berichtet von einem Fall auf Sylt, in dem eine ältere Dame ihren Lebensabend im Elternhaus verbringen wollte, statt ins Pflegeheim umzuziehen. Um die Kosten für die häusliche Pflege aufbringen zu könne, wollte sie ihr „beträchtliches Hauseigentum“ mit einer Grundschuld belasten – eigentlich kein Problem für die Bank, der bisher das Vermögen der Kreditnehmerin als Sicherheit ausgereicht hat. Doch seit April 2016 seien der Bank die Hände gebunden, sie hätte ein Kreditvergabeverbot aussprechen müssen. Der Wunsch der alten Dame sei nur mit Hilfe ihrer Kinder umzusetzen gewesen – sie wurden als Kreditnehmer eingetragen. Doch das funktioniert nicht in allen Fällen – etwa, wenn keine jungen Angehörigen vorhanden sind oder diese mit ihrem Besitz nicht für den Kredit haften wollen.

Eine Richtlinie zum Verbraucherschutz, die den Konsumenten „aber eher entmündigt“, sieht Martin Jessen in der Vorgabe der Verbraucherschützer. Andere Sylter Kreditinstitute reagieren verhaltener auf die neuen Vorschriften. „Die Wohnimmobilien-Kreditrichtlinie dient dem Schutz der Verbraucher, dem auch wir uns schon immer verpflichtet gefühlt haben,“ heißt es zum Beispiel bei der Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa). „Aussagen, dass Menschen, die 60 Jahre und älter sind, keinen Kredit mehr bekommen, können wir allerdings so pauschal nicht bestätigen, weil jeder Kunde ganz individuell betrachtet und beraten wird,“ sagt Peter Hansen, der bei der Nospa für die Immobilienfinanzierungen der Region Nordfriesland verantwortlich ist. Konkrete Auswirkungen auf den Sylter Wohnungsmarkt habe die Richtlinie aus seiner Sicht bisher nicht.

„Wir berücksichtigen natürlich die Richtlinie,“ bestätigt Stephan Allermann von der Hypo-Vereinsbank, der die Abteilung Baufinanzierung Schleswig-Holstein leitet. „Wir verzeichnen aber dadurch keine negativen Auswirkungen auf die Kreditvergabe für unsere Kunden im Immobilienfinanzierungs-Geschäft hier auf Sylt.“ Seine Bank sei bei der „privaten Baufinanzierung, auch im Sinne der Kunden und aus Sicht des Risikomanagements, schon immer sehr solide und konservativ vorgegangen.“

Weniger zurückhaltend äußert sich ein Kenner der Immobilienwirtschaft: „Die neuen Regeln gehen total am Leben vorbei,“ ärgert sich der Sylter Makler Peter Peters. „Als würde man mit 60, 65 Jahren nicht mehr am Leben teilhaben können.“ Verbraucherschutz sei ein wichtiges Thema, doch hier hätten die Politiker deutlich über’s Ziel hinaus geschossen. „Wir reglementieren uns zu Tode“, beklagt der Immobilienexperte.

Ähnlich negative Entwicklungen bedrohen Hauseigentümer noch bei anderen aktuellen Diskussionspunkten: Zum einen die Beitragssatzungen der Gemeinden, die Anlieger beim Straßenausbau mit bis zu fünfstelligen Euro-Beträgen belasteten, obwohl sie neben dem Hauseigentum über gar kein freies Vermögen verfügen. Und zum anderen Überlegungen, die Grundsteuer an den aktuellen Verkehrswert der Grundstücke anzupassen. Beides Entwicklungen, die in der Konsequenz zu Notverkäufen durch die Hauseigentümer führen könnten.

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erstellt am 30.Aug.2016 | 04:55 Uhr

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