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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 00:13 Uhr

Bauprojekt auf Sylt : Streit um das „Iglu mit der Reetdachmütze“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Hörnumer Kersig-Siedlung soll ein modernes Reetdach-Haus gebaut werden. Ein Ärgernis für einige Nachbarn.

Hörnum | „Märchenhügel“ nennen sie die einen, „Hobbiton“ die anderen: Die Kersig-Siedlung in Hörnum thront mit ihren vielen schmucken Friesenhäusern auf einem Hügel hoch über dem südlichsten Inselort. Große, hauptsächlich naturbelassene Grundstücke liegen dort mitten in den Dünen, darauf: ein homogenes Ensemble reetgedeckter Häuser.

Nun erregt der geplante Neubau eines Einfamilienhauses die Gemüter der Anwohner. Im Nielsglaat 7 – auf der Westseite der Siedlung,– möchte Bauherr Hans-Werner Maas, ein Investor aus Hamburg, ein modernes, bis zum Boden mit Reet gedecktes Haus bauen lassen und zieht damit den Ärger seiner zukünftigen Nachbarn auf sich. Denn die fürchten um die Zerstörung des gewachsenen Ensembles und haben Beschwerde beim Bauamt eingelegt. Den Anwohnern gehe es sowohl um das Aussehen und die Bauart, als auch um „Marder, Mäuse und die hohe Feuergefahr“, die das Haus mit sich bringen würde, erklärt der Hamburger Jörg Odenthal, der Jahrzehntelang in der Siedlung ein Haus besaß. „Jetzt kommt da ein Haus hin, das aussieht wie eine schwarze Wand“, ärgert er sich. „Denn auch, wenn das Reet zunächst noch hell ist, ist es in ein paar Jahren nachgedunkelt.“

Die Kersig-Siedlung in den Dünen von Hörnum: Reddachhäuser wie hier gibt es auf der größten nordfriesische Insel Sylt zahlreich.
Die Kersig-Siedlung in den Dünen von Hörnum: Reddachhäuser wie hier gibt es auf der größten nordfriesische Insel Sylt zahlreich. Foto: Zoellner (Archiv)
 

Dem Bauherr mache die Ablehnung gegen sein Vorhaben „traurig“, wie er der Sylter Rundschau sagt. „Ich habe viele Jahre mit dem Architekten Hadi Teherani an dem Entwurf gearbeitet um etwas zu schaffen, was einfach klingt, aber eigentlich gar nicht einfach ist“, so Maas, „nämlich: Wie kann man in so einem wunderschönen Gebiet eine Interpretation von einem modernen Reetdachhaus bauen.“ Insgesamt 26 Entwürfe habe es gebraucht, bis das „Iglu mit Reetdachmütze“, wie Maas es nennt, entstanden ist.

Der Investor sei auf die Entwicklung von Immobilienprojekten spezialisiert und erfahre immer wieder, dass etwas, das neu und anders ist, abgelehnt werde. „Bei den anderen Hauseigentümern besteht jetzt die Angst, dass sich das Gebäude nicht in die Umgebung einfügt oder dass es zu groß ist“, sagt er. Der Neubau sei aber ganz im Gegenteil „winzig klein“, betont Maas. „Wir haben uns natürlich an die Auflagen in der Siedlung gehalten.“ Es sei zu 80 Prozent aus Reet und Maas wisse nicht, „wie man es schöner machen kann, wenn man nicht einfach nachbauen will, was in der Siedlung eh schon steht.“ Das Haus baue er nicht, um es zu vermieten, das sei ihm sehr wichtig. „Ich baue es für mich, um dort meine Urlaube auf Sylt zu verbringen. Deshalb habe ich da auch so viel Herzblut hineingesteckt.“

Der Stararchitekt Hadi Teherani

Der Architekt des modernen Reetdach-Hauses in der Hörnumuer Kersig-Siedlung, Hadi Teherani, ist kein Unbekannter.  Vor allem  in Hamburg tragen viele – weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannte –  Gebäude seine Handschrift:  die Tanzenden Türme am Eingang zur Reeperbahn,  das Dockland, ein schiffsförmiges Kontorhaus am Edgar-Engelhard-Kai,  der zehngeschossige Bürobau Deichtor-Center an der Oberbaumbrücke oder  der Berliner Bogen am Anckelmannsplatz.

Hadi Teherani, 1954 in Teheran geboren, aufgewachsen in Hamburg, ist Architekt und Designer. Der erste „grüne“ Bahnhof Deutschlands am Frankfurter Flughafen und die Kölner Kranhäuser am Rheinufer sind wie viele internationale Projekte zu weithin wirksamen Landmarken geworden.  Abu Dhabi, Berlin, Dubai, Hamburg, Istanbul, Kopenhagen, Rom und Teheran gehören zu den Metropolen, für die geplant wird, wie Moskau und Mumbai. Das E-Bike, der Konferenztisch, Ledersitzmöbel, eine modulare Küche, Leuchten, Showrooms und Flagship Stores gehören ebenso zum Werkverzeichnis des Architekten wie Hochhäuser, Unternehmenszentralen, Behörden, Einkaufswelten, Börsen, Bahnhöfe, Schulen und Universitäten.

Ganz begeistert von dem Vorhaben ist Reetdachdecker Sönke Bartlefsen aus Risum-Lindholm, der den Auftrag erhalten hat, das Haus einzudecken, bzw. einzukleiden. „Ich finde es geil, dass jemand den Mut hat, so eine Haus zu bauen und wir freuen uns tierisch darauf, dass wir das machen dürfen“, sagt er freudig. Eine ähnliches Objekt gebe es in ganz Schleswig-Holstein kein zweites Mal und für einen Reetdachdecker sei so ein Objekt etwas ganz besonderes und eine echte Herausforderung, auf die er sich gut vorbereitet hat: „Ich bin extra nach Holland gefahren, da es dort viele ähnliche Gebäude gibt, bei denen die Fassaden eingekleidet sind. Das wollte ich mir vor Ort angucken um zu sehen, wie so etwas gut und richtig umgesetzt wird“, so der Reetdachdecker. Die Angst der Nachbarn, das Haus sei besonders Feuergefährdet, kann er nicht bestätigen: „Die Brandgefahr ist nicht größer als bei allen anderen Friesenhäusern, die dort stehen“, so Bartlefsen.

Baurechtlich gesehen gibt es gegen den Neubau von Maas keine Einwände. Bereits 2012 wurde das Vorhaben an die Gemeinde herangetragen, die hier jedoch keine Entscheidungsbefugnis hat. „Der Kreis ist die Genehmigungsbehörde für alle Bauvoranfragen, nicht die Gemeinde Hörnum und nicht das Amt in Westerland“, erklärt Ingo Dehn, CDU-Fraktionsvorsitzender , der Anfang 2013, als das Vorhaben in Hörnum vorgestellt wurde, Bauausschussvorsitzender im Inselsüden war. Außerdem liege das Grundstück auf einem sogenannten unbeplanten Innenbereich, also einem Teil der Ortslage, für den es keinen B-Plan gibt.

Ist das der Fall, richten sich die Baugenehmigungen nach § 34 Baugesetzbuch und das bedeutet, dass sich der Neubau lediglich in „Art und Maß der baulichen Nutzung und der Bauweise in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen“ soll. „Wenn da jetzt ein Hochhaus hinkommen würde, wäre das natürlich nicht gestattet, das war hier aber nicht der Fall“, so Dehn. Das, was die Anwohner so stören würde, wäre die Optik des Gebäudes, erklärt er weiter, „und eine Ablehnung oder Zusage darf bei § 34 nicht aufgrund der Gestaltung erfolgen.“ Auch die Gemeinde habe damals nach § 34 entscheiden müssen und habe dem Bauvorhaben zugestimmt. „Fakt ist, wir hatten da keine Wahl. Ob das schön ist oder nicht, ist Geschmackssache.“

Hörnums Bürgermeister Rolf Speth empfindet den Neubau im Sylter Süden sogar als Bereicherung für den Ort. „Es ist ein architektonisches Highlight und ich finde es positiv, dass das Haus gebaut wird, aber es beurteilt natürlich jeder anders, ob ihm das gefällt oder nicht“, sagt Speth. Es handele sich um einen sehr berühmten Architekten, der „viele schöne Häuser gebaut hat und vielleicht wird das ja auch ein schönes Haus“, so der Bürgermeister. Über den enormen Widerstand aus der Nachbarschaft ärgere er sich regelrecht: „Wenn jeder so seine Ansprüche gelten machen könnte, dann bekommt ja keiner mehr eine Hundehütte gebaut.“

Jörg Odenthal hatte bereits 2007 mit anderen Hauseigentümern der Kersig-Siedlung bei einem geplanten Bauprojekt in der gleichen Straße Beschwerde eingelegt. Damals verkaufte der Bauherr schließlich sein Grundstück. Das kommt für Hans-Werner Maas jedoch nicht infrage, auch wenn er Fehler zugibt: „Ich hätte vielleicht schon vor Monaten mit den Nachbarn sprechen sollen“, sagt er. Jetzt allerdings bitte er sie, den Bau nicht vorzuverurteilen „und aus ihrer Komfortzone herauszukommen.“

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erstellt am 13.Okt.2016 | 05:52 Uhr

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