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Sylter Rundschau

29. August 2016 | 02:08 Uhr

Geburtshilfe auf Sylt : Schwere Vorwürfe gegen Sylter Gynäkologen

vom

Ein Vierteljahr nach der Schließung der Geburtshilfe in der Nordseeklinik werden einstige Beleg-Ärzte in einem Spiegel-Artikel massiv kritisiert.

Vorwürfe gegen die Gynäkologen, die bis Ende vergangenen Jahres als Belegärzte in der Geburtshilfe der Asklepios Nordseeklinik gearbeitet haben: In einem gestern erschienenen Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ heißt es, dass in der Geburtenstation offenbar jahrelang „gegen die Regeln der ärztlichen Sorgfalt“ verstoßen worden sei.

Unter anderem wird den Ärzten vorgeworfen, Kinder von Risikoschwangeren auf die Welt geholt zu haben, die eigentlich in einer besser ausgestatteten Klinik hätten entbunden werden müssen. In zwei internen Untersuchungen, die der Asklepios–Konzern 2012 und 2013 veranlasste, sei unter anderem von fehlenden oder verschwundenen Patientenakten und Dokumentationen die Rede. Die Klinik selbst hatte Ende vergangenen Jahres auf „Qualitätsmängel“ in der Geburtshilfe aufmerksam gemacht – allerdings erst, nachdem sie über Monate verschiedene andere Gründe für die Schließung der Station vorgebracht hatte. Die Schließung der Geburtenstation  hatte auf der Insel für heftige Kritik am Asklepios Konzern gesorgt (wir berichteten). Die Klinik habe die Qualitätsmängel zunächst nicht öffentlich angesprochen, weil versucht worden sei, „den beiden Gynäkologen eine gesichtswahrende Beendigung der Geburtshilfe“ zu ermöglichen, heißt es von Seiten Asklepios. Zu den Vorwürfen, die im Spiegel-Artikel aufgeworfen werden, erhielt die Sylter Rundschau von den Gynäkologen keine Stellungnahme. Dr. Rainer Stachow, der seit 2006 hunderte  Geburten als Kinderarzt in der Nordseeklinik begleitet hat, nimmt die Gynäkologen und die Beleghebamme der Nordseeklinik vor dem im Spiegel implizierten Vorwurf in Schutz, in der Geburtenstation der Nordseeklinik sei unverantwortbar gearbeitet worden: „Bei allen Geburten, bei denen ich dabei war, wurde gut, vernünftig und verantwortungsbewusst gearbeitet.“ Auch die beiden Gynäkologen seien darauf bedacht gewesen, keine unnötigen Risiken einzugehen.

In der Diskussion um die vermeintlichen  Mängel, die sich die beiden Sylter Gynäkologen zu Schulden  kommen gelassen haben sollen, geht es unter anderem  um ein Kind, das nach seiner Geburt in der Nordseeklinik halbseitig gelähmt war. Laut Spiegel geht ein Gutachter davon aus, dass diese Behinderung mit Geburtsstrapazen zusammenhängt, die vermeidbar gewesen wären.

In einem anderen Fall, in dem ein Kind 2012 kurz nach der Geburt starb, hat der Hamburger Rechtsanwalt Burkhardt Müller-Sönksen im Januar dieses Jahres Strafanzeige beim Landgericht Flensburg wegen aller in Betracht kommender Delikte gestellt. Wer sein Mandant in dieser Sache ist, möchte der Anwalt nicht sagen. In seinem Schreiben an das Landgericht bezieht sich Müller-Sönksen auf ein Gutachten, das von einer Schlichtungsstelle nach dem Tod des Kindes in Auftrag gegeben wurde. Anhand des Gutachtens wirft Müller-Sönksen  unter anderem die  Frage auf, ob die zuständige Hebamme  die werdende Mutter nicht direkt zur Geburt in eine Klinik mit einer besseren Versorgungsstufe hätte schicken müssen. Weiter heißt es in der Argumentation des Anwalts, die Hebamme habe den Gynäkologen wohl zu spät alarmiert. Außerdem habe die Kardiotokografie, also das Registrieren und Aufzeichnen der Herzschlagfrequenz und der Wehen, phasenweise nicht richtig funktioniert. Hier kritisiert der Gutachter, dass die Messungen nicht über den Kopf des Kindes vorgenommen worden seien, womit der Zustand des Babys während der Geburt überwacht werden kann.  Das Kind, das laut Gutachten nach der Geburt in Lebensgefahr schwebte, hatte blockierte Atemwege und wurde vom Gynäkologen reanimiert. Ein Kinderarzt wurde hinzugezogen – nach Interpretation des Anwalts zu spät. Momentan prüft das Landgericht Flensburg die Strafanzeige.

 Ob neben Gynäkologe oder Hebamme auch die Nordseeklinik wegen dieses und eines weiteren Todesfalls juristische Folgen zu befürchten hat, ist unklar.  Eine Eckernförder Hebamme hatte Strafanzeige wegen mangelnder Organisationsverantwortung gestellt. Laut Spiegel bedeutet dies, dass  Asklepios als Träger unter Umständen trotzdem haftbar sein kann, obwohl die beiden Gynäkologen als Belegärzte tätig waren. Asklepios weist dies zurück - und verweist auf die beiden internen Untersuchungen, mit deren Ergebnissen die beiden Gynäkologen konfrontiert worden seien. Diese zusätzliche „Qualitätssicherung“ sei mehr, als in anderen Kliniken getan werde.

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erstellt am 25.Mär.2014 | 06:00 Uhr

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