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Sylter Rundschau

04. Dezember 2016 | 05:03 Uhr

Inselkind : Schnelle Geburt auf dem Sylter Autozug

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die kleine Hanna hatte es eilig: „Wir waren noch auf dem Autozug drauf, als das Köpfchen kam“, sagt ihre Mutter.

Erst sah es nach einer entspannten Fahrt mit dem Rettungswagen ins Husumer Krankenhaus aus, doch dann ging alles ganz schnell: Am Donnerstag Abend hat die Sylterin Christin Wolter (26) ihr Kind auf der Überfahrt mit dem Sylt Shuttle bekommen. „Wir waren noch auf dem Autozug drauf, als das Köpfchen kam“, erzählt die Mutter. „Als wir runterrollten, kam auch der Rest.“

Die kleine Hanna hatte es ungewöhnlich eilig, das Licht der Welt zu erblicken. Am Donnerstagabend gegen 19 Uhr alarmieren Christin Wolter und ihr Lebenspartner Lars Dethlefs mit einem Anruf unter der 112 den Sylter DRK-Rettungsdienst. Bei Schwangerschaften holen die Rettungssanitäter stets eine Hebamme dazu – Rufdienst hatte an dem Abend Heidrun Hepper. Die Hebamme entscheidet sich für den Transport nach Husum. Die Einsatzleitstelle informiert den Autozug, der ein paar Minuten auf den Rettungswagen wartet und gegen 20 Uhr in Richtung Festland abfährt. Bei stärkeren Wehen wäre auch der Rettungshubschrauber alarmiert worden, doch das wollte Christin Wolter vermeiden – zudem ihr Partner keinen Platz in dem Helikopter gehabt hätte.

Die Fahrt mit dem Autozug dauert etwas länger als planmäßig, drei Mal muss der Zug halten und kommt erst gegen 21 Uhr in Niebüll an. „Aber das Kind war schneller“, erzählt Hebamme Heidrun Hepper. Irgendwann unterwegs werden die Wehen stärker, der Muttermund öffnet sich. Die Besatzung des DRK-Wagens – Rettungssanitäterin Nicole Johannsen und Rettungsassistent Benjamin Graf – sieht schon die Niebüller Bahnanlagen, als es hinten im Laderaum zur Sache geht. Beim Runterrollen von der Verladerampe ist die Geburt vollendet, Mutter und Kind sind wohlauf. Zehn Minuten – länger hat die Schlussphase nicht gedauert. Zwischen der ersten Wehe und dem ersten Schrei des kleinen Bündels sind fünfeinhalb Stunden vergangen.

In Niebüll wartet schon der Rettungswagen, der Mutter, Vater und Hebamme eigentlich ins Husumer Krankenhaus bringen sollte, damit die Sylter Besatzung gleich wieder zurück auf die Insel fahren kann. Doch die Niebüller können unverrichteter Dinge wieder abziehen. Der jungen Mutter geht es gut, weder sie noch das Baby müssen ins Krankenhaus. Also bleiben die vier im Sylter Rettungswagen und fahren mit dem letzten Autozug wieder zurück auf die Insel. Um kurz vor 23 Uhr ist die Familie wieder zurück in Westerland und die Oma, die auf Leon (4) und den Hund aufgepasst hat, darf wieder nach Hause. Hanna soll das Mädchen heißen, es ist 50 Zentimeter groß und 3350 Gramm schwer.

Eine Geburt auf dem Autozug – an soetwas können sich weder die Hebamme Heidrun Hepper noch der DRK-Rettungsstellenleiter Arne Dekarz erinnern. „Aber wir werden in Zukunft immer wieder Dinge dieser Art erleben“, glaubt Heidrun Hepper – eine Konsequenz aus der Schließung der Sylter und Niebüller Kreißsäle.

Dekarz ist froh, dass die Zusammenarbeit mit dem Hebammen-Rufdienst so gut klappt, der im letzten Oktober eingerichtet wurde. Für die Überfahrt ins Krankenhaus plant Dekarz knapp zwei Stunden ein – egal, ob nach Husum oder nach Flensburg. Wenn die Hebamme auf Sylt entscheidet, dass die Zeit drängt, wird der Hubschrauber gerufen – der legt die Strecke in 15 Minuten zurück.

Normalerweise werde den schwangeren Müttern empfohlen, mindestens zwei Wochen vor der Geburt ins Boardinghouse nach Husum oder Flensburg zu ziehen, erläutert Heidrun Hepper. Sie hat drei Jahrzehnte Erfahrung als Hebamme, ist seit 14 Jahren auf Sylt tätig, gemeinsam mit zwei weiteren Hebammen. Ungefähr 100 Babys brächten Sylter Mütter im Jahr zur Welt – dieses Jahr erlebe sie sogar einen Babyboom. Doch seitdem die Niebüller Geburtsstation geschlossen ist, weil dort nicht genügend Hebammen zur Verfügung stehen, seien die Einrichtungen in Husum und Flensburg permanent überfüllt und überfordert. Die Hebammen müssten dort drei, vier Frauen auf einmal betreuen, beklagt die Sylterin.

Christin Wolter und ihr Partner Lars Dethlefs sind jedenfalls froh, dass die Geburt ohne Komplikationen überstanden ist. Mittwoch, wenn die Inselverwaltung aus dem Betriebsausflug zurück ist, werden sie die Geburt von Hanna auf dem Standesamt anzeigen. Auf der Geburtsurkunde wird im Feld „Geburtsort“ die Gemeinde Sylt stehen – das hat Christin Wolter schon am Wochenende per E-Mail mit Bürgermeister Nikolas Häckel abgeklärt. Die amtliche Begründung: „Da Mutter und Kind den Rettungswagen nach der Geburt nicht verlassen haben und unmittelbar zurück nach Sylt gefahren sind, hat das Standesamt Sylt am Sonntag entschieden, den Geburtsort Sylt auch in das Register einzutragen.“ Darüber freut sich besonders Papa Lars – damit ist nun schon die fünfte Generation seiner Familie auf Sylt geboren worden.

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erstellt am 12.Sep.2016 | 23:03 Uhr

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