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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 20:45 Uhr

Mückenplage auf Sylt : Rantumbecken als Quelle des Übels?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die vielen Mücken in den vergangenen Wochen nervten Gäste und Insulaner. Ursache der Plage soll das Rantumbecken sein

Sven Paech fühlt sich angegriffen: Seit einigen Tagen werfen Insulaner, aber auch Urlaubsgäste dem Deich- und Sielwart des Rantumbeckens vor, er sei mitverantwortlich für die Mückenplage auf Sylt. Mehrere Wochen lang sind auf Sylt ungewöhnlich viele Stechmücken umhergeschwirrt (wir berichteten). Anti-Mückensprays waren in Apotheken und Drogerien nahezu ausverkauft, Ärzte berichteten von „so vielen Patienten mit Mückenstichen wie noch nie“. Die Betroffenen seien mit ausgeprägten – teilweise sogar „handflächengroßen“ – Schwellungen, Blasenbildungen oder Hauteinblutungen in die Arztpraxen der Insel und in die Asklepios Nordseeklinik gekommen.


Mücken brauchen stehende Gewässer, um Eier abzulegen
Jetzt, da der Herbst begonnen und die Mücken größtenteils wieder weg sind, suchen die gepiesakten Menschen nach einem Schuldigen – und einige glauben offensichtlich, ihn in Sven Paech gefunden. Denn die lästigen Zweiflügler brauchen stehende Gewässer beziehungsweise deren Nähe, um ihre Eier abzulegen: Das Rantumbecken mit seinen Sielanlagen (siehe Abbildung oben) scheint deshalb für vielen Laien der ideale Mückenbrutplatz auf der Insel zu sein. „Die Kritiker behaupten, dass zu viel Wasser im Rantumbecken sei und die vielen Mücken dort ihre Eier ablegen könnten“, sagt Paech. Diesen Vorwürfen widerspricht der gelernte Wasserbauer vehement: „Das ist Salzwasser, da sind keine Mücken drin.“ Richtig sei nur, dass der Wasserstand im Becken in diesem Jahr höher sei als sonst. „So hoch hatten wir den noch nie seit ich hier bin“, erklärt Sven Paech, der seit rund zehn Jahren als Sielwart in Rantum arbeitet. Das zusätzliche Wasser soll einen Schilfgürtel in dem Naturschutzgebiet zurückdrängen. „Daran kann ich nichts machen“, sagt Paech, zu dessen Aufgaben auch der Küstenschutz zählt.

„Das halte ich für unwahrscheinlich und für ein Gerücht“

Biologen allerdings machen andere Faktoren auf der Insel für die vielen hungrigen Plagegeister verantwortlich. Dass sich die Mücken im Rantumbecken vermehrt haben, glaubt auch Rainer Borcherding nicht. „Das halte ich für unwahrscheinlich und für ein Gerücht“, sagt er. In reinem Salzwasser könnten sich die Insekten nicht entwickeln und würden daher auch keine Eier legen. Allerdings müsse man zunächst wissen, welche der bundesweit rund 60 Mückenarten es ist, die in diesem Sommer zahlreichen Menschen die Nachtruhe raubte, bevor man die Frage nach der ungewöhnlich hohen Verbreitung beantworten könne. „Alles andere wäre pure Spekulation“, sagt Biologe Borcherding, der bei der Schutzstation Wattenmeer in Husum unter anderem für die Koordination der der Umweltbildung sowie Planung der Ausstellungen und biologische Fachfragen zuständig.

Borcherding geht davon aus, dass ein „zufälliges Zusammentreffen mehrerer günstiger Ereignisse“ zu der starken Verbreitung geführt habe. Dazu zählt der Experte unter anderem den warmen Spätsommer, der für eine zusätzliche Mücken-Generation gesorgt habe. „Wir hatten ja eine längere Schönwetterperiode mit warmen Temperaturen und wenig Wind“, sagt Borcherding. Normalerweise würden Regen oder Sturm zu dieser Jahreszeit einige der Insekten dezimieren. Eine Mückenart hätten es bei den guten Bedingungen vermutlich geschafft, ein zweites Mal ihre Eier abzulegen. Bis zu drei Mal pro Jahr können die Weibchen für Nachwuchs sorgen, bevor sie sterben. Zusätzlich könnten der feuchte Frühling und Frühsommer dazu geführt haben, dass die Mücken mehr Eier gelegt haben und dadurch mehr Larven geschlüpft seien. Regnet es viel, bilden sich entsprechend zahlreiche Wasserstellen und bestehende Stellen werden vergrößert. Somit erweitern sich auch die möglichen Fortpflanzungsoberflächen für die Mücken. Teilweise reichen dafür bereits kleinste Wassermengen wie in Baumhöhlen, Felsmulden oder Pfützen.

Auf der Seite www.mueckenatlas.de, die alle Mückenfunde deutschlandweit verzeichnet, sind für Sylt bisher keine speziellen Mückenvorkommen eingetragen. Einzig ein Fund – vom März diesen Jahres in Tinnum – findet sich dort. Das Projekt unterstützt seit 2012 Forschungsarbeiten zum Stechmücken-Monitoring in Deutschland und hat bereits interessante und für die Wissenschaft wertvolle Resultate erbracht. Etwas Gutes haben die Mückenschwärme aber doch – denn des einen Juckreiz ist des anderen Futter. „Mücken sind eine ideale Nahrung für Singvögel, Möwen und Fische“, heißt es vom Naturzentrum in Braderup.

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erstellt am 26.Sep.2016 | 05:30 Uhr

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