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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 04:16 Uhr

Rantumer Inge-Deich auf Sylt : „Prost auf den Deich, und dass er hält“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im sechsten Teil unserer Serie in Kooperation mit der Stiftung Küstenschutz Sylt geht es heute um den Rantumer Inge-Deich.

Die östliche Küste der Gemeinde Rantum war lange Zeit nur wenig gegen Sturmfluten geschützt. Als um 1800 die wenigen Häuser durch die wandernden Dünen versandet worden waren, nutzte man das noch vorhandene Baumaterial, um im Osten des Ortes das Dorf wieder neu aufzubauen. Es entstand das vierte Rantum. An eine Küstenschutzsicherung für die neue Siedlung im Osten hatte zu der Zeit niemand gedacht. Fünf Familien lebten in dem kleinen Ort. Landwirtschaft und etwas Fischerei bestimmte das Leben, eine Schule gab es auch. Für eine Kirche fehlte allerdings das Geld. Es wurden Lahnungsfelder errichtet, wohl eher zur Landgewinnung, als zum Schutz der Küste.


Die Errichtung eines Deiches war immer wieder Thema


Bei größeren Sturmfluten erlebte man „Land unter“. Das Land um die Häuser herum wurde überflutet. So wie man es auch von den Halligen kannte. Als im Jahre 1937 von der Wehrmacht das Rantumer Becken errichtet worden war, hatten die Rantumer Bürger gebeten, den neuen Deich für die Wehrmachtsanlagen bis in den Süden des Ortes zu verlängern. Das Thema wurde nicht als wichtig erachtet. Es blieb bei dem Halligcharakter der Rantumer Ortslage. Nach dem Ende des Krieges begann der Neuaufbau. Auch in Rantum entstanden viele neue Häuser. Diese wurden im Dünengebiet errichtet, einige an Linie der Inselbahn entlang. Die Siedlung „Am Sandwall“ entstand.

Die Errichtung eines Deiches im Osten der Gemeinde war immer wieder ein Thema. Die Gemeinde selbst hatte nicht die Geldmittel um ein solches Bauwerk zu errichten. Die Landesregierung sah die Notwendigkeit wohl, andere Küstenschutzmaßnahmen im Lande wurden jedoch als viel wichtiger eingeschätzt.

In Rantum hatte man sich daran gewöhnt, dass in den Häusern an der Wattseite bei einer Sturmflut die Häuser vom Wasser umspült wurden. Einige neue Häuser waren mit einem Keller errichtet worden. Die Bewohner mussten einiges dafür tun, um das Wasser nicht im Keller zu haben. Nach der für Sylt dramatischen Sturmflut am 24. November 1981 stand halb Rantum wieder unter Wasser. Die Häuser hatten zwar keinen äußerlichen Schaden erlitten, aber innen hatte das Wasser bis zu einem Meter hoch gestanden. Neue Fußböden, neue Tapeten, neue Möbel: Es war stets großer Aufwand nötig nach einem Sturmschaden das Haus für die nächste Saison vorbereiten zu können.

Im Jahre 1986 besuchte der damalige Chef des Westerland Tiefbauamtes, Friedrich Hentrich, den Bürgermeister der Gemeinde Rantum. Er berichtet von dem Problem, dass bei dem Neubau der
Lorenz de Hahn Straße und der geplanten Straße von Westerland bis „Oase zur Sonne“ sehr viel Klei-Boden aus der Baugrube entnommen werden sollte und irgendwo abgelagert werden müsste. Er fragte, ob die Rantumer dazu eine Idee hätten. Die Rantumer überlegten nicht lange. Sie hatten eine Idee. Den Neubau eines Deiches im Osten des Dorfes. Die Idee kam bei den Gesprächsteilnehmern gut an. Allen war aber klar, dass nun viel Arbeit geleistet werden musste. Der Landschaftszweckverband der Insel Sylt erwies sich als guter Helfer in dieser Sache. Die Landesregierung musste als Genehmigungsbehörde gefragt werden. Die sagt zwar „Ja“, aber einen Zuschuss gab es nicht. Die nächste Hürde waren die Grundstücke auf denen der Deich erreicht werden sollte. Das war alles Privatbesitz. Der größte Teil der Liegenschaften gehörte Frau Annelie Mahler-Nissen, sie war die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters Bernhard Nissen. Sie wohnte in dem Anwesen „Rantum-Inge“. Anfangs zögerte sie etwas, aber sie war für den Bau und stellte ihre Grundstücke kostenlos zur Verfügung. Diesem Beispiel folgten auch die anderen Grundstückseigner.

Die Grundstücke konnten genutzt werden, der Kleiboden war da, es fehlte Sand, viel Sand und Geld um die Arbeit zu bezahlen. Es erfolgte ein Aufruf an die Rantumer Bürger um Spenden für den Deich zu sammeln. In kurzer Zeit kamen 50  000 D-Mark zusammen, auch von Bürgern die auf der Düne wohnten. Die damals auf Sylt tätige „Stiftung Deutscher Küstenschutz“ hatte sich angeboten für Rantum Sand zu besorgen. In einer groß angelegten Imagekampagne für die Stiftung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bauwirtschaft kamen 200 Lastkraftwagen auf die Insel
gefahren, mit Sand. Das Land Schleswig-Holstein belohnte dieses Engagement mit einem Förderbetrag von 100  000 D-Mark. Der Landschaftszweckverband Sylt führte die Baumaßnahmen durch und sorgte für die Finanzierung unter Einbezug der Spenden. Es war eine große Solidarmaßnahme der Insel Sylt für das kleine Rantum.


Das Besondere: Ein Deich auf privatem Grund


Im Jahre 1987 war der Deich im Osten des Dorfes Rantum fertig. Es war eine Besonderheit in Deutschland: Ein Deich auf privaten Grund. Es gab keine Nutzungsverträge. Es gab nur den Willen die Sicherheit durch den Deich zu haben. Im Dezember 1988 gab es wieder eine Sturmflut. Gespannt beobachten die Kameraden der Feuerwehr Rantum, ob der Deich hielt. Sie wachten die ganze Nacht. Der Bürgermeister ging mit seinem Stellvertreter in der Nacht auch an dem neuen Deich entlang. Bei dem Haus „Rantum Inge“ war noch Licht. Die beiden Herren klopften vorsichtig an der Tür. Frau Mahler-Nissen bat die Herren in Haus. In der Wohnstube bat sie die beiden Platz zu nehmen. Sie wirkte etwas verängstigt. Auf einmal stand sie auf und kam mit einer Flasche Cognac zurück. „Prost auf den Deich, und dass er hält“ sagte sie erleichtert. Er hat gehalten, bis heute. Die Landesregierung hat in der Zwischenzeit die Pflege des Deiches, der auf privaten Grund steht, in ihre Zuständigkeit übernommen, obwohl es ja kein richtiger Deich ist. Für einen Landeschutzdeich ist er zu niedrig und zu schmal. Es fehlen Deichverteidigungsweg und Treibselabfuhrweg. Doch in dem Ortsteil Rantum ist man froh, dass dieser „Deich“ besteht.

Helge Jansen initiierte im Jahre 2007 die Gründung der Stiftung Küstenschutz Sylt. Bis heute ist er der Vorsitzende dieser Stiftung.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 05:11 Uhr

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