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Sylter Rundschau

09. Dezember 2016 | 18:34 Uhr

Aussterbende Nachtclubs : Partykultur auf Sylt: Schluss mit lustig?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Clubbesitzer auf Sylt beklagen, dass die jungen Insulaner in den Kneipen, Bars und Diskotheken auf der Insel fehlen.

Sylt | Sven Meyer hat keine Lust mehr. Nach rund 23 Jahren in der Nacht-Gastronomie will der Inhaber des P3-Clubs in der Westerländer Paulstraße seinen Laden am Sonnabend dicht machen. Der Grund für seinen Entschluss: Die Jugendlichen auf der Insel fehlen – dadurch entfällt für die Sylter Club- und Barszene eine wichtige Einnahmequelle.

Das Durchschnittsalter der Besucher sei für die Hotellerie und Restaurants interessant, für ihn jedoch ein „absolutes Desaster und der langsame Genickbruch für die Zukunft“. Für die Zukunft des Nachtlebens auf der Insel sieht er schwarz: „Ich prophezeie, dass es in einigen Jahren keine Nacht-Gastronomie mehr in Westerland geben wird“, sagt er. Vereinzelte Bars und Kneipen – wie zum Beispiel die Gosch-Kneipe und die Wunderbar – würden wohl überleben, „aber sowohl die Umsätze, als auch die Angebote werden, sowohl für die Betreiber als auch die Gäste, irgendwann uninteressant und nicht mehr rentabel sein“. Er habe diesen Trend schon früh erkannt und daher bereits zu Beginn des Jahres um die Auflösung seines Mietvertrages gebeten.

Jugendliche verlassen Eiland nach ihrem Schulabschluss

Tatsächlich ist der größte Anteil der Sylt-Urlauber zwischen 51 und 60 Jahren alt (19,4 Prozent), nur 6,6 Prozent sind zwischen 21 und 30 Jahren (ISTS-Zahlen aus 2015). Für weniger Geld und mit Sonnen- sowie Unterhaltungsgarantie fliegen die Jungen inzwischen lieber nach Mallorca oder Ibiza. Die Sylter Touristiker arbeiten nicht dagegen an – das Abendprogramm für junge Leute ist höchstens ein Randthema.

Hinzu kommt, dass viele Jugendliche, die auf der Insel aufwachsen, das Eiland nach ihrem Schulabschluss verlassen. Um zu studieren, zu reisen, im Ausland zu jobben oder einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Heute ist das für zahlreiche Schulabgänger normal, möglich gemacht wird es durch preiswerte Reisemöglichkeiten und europäische Förderprogramme. Noch vor 15 Jahren war das eher die Ausnahme als die Regel. Dadurch fällt ebenjene – für einige Partyveranstalter wichtige – Gruppe junger Leute als Partygäste aus. Viele kehren erst zur Familiengründung auf die Insel zurück und haben wenig Interesse daran, sich die Nächte bei laut dröhnenden Bässen um die Ohren zu schlagen, da sie sich auf ihre Karriere und aufs Kinderkriegen konzentrieren.

Auch Stefan Köster, der seit rund 20 Jahren rauschende Feste in der Vorhalle des Westerländer Bahnhofs veranstaltete, hört jetzt zunächst auf. Die Deutsche Bahn (DB) hatte ihm – als Eigentümerin der Location – kürzlich verboten, dort weiterhin Feste mit mehr als 200 Personen zu veranstalten – aus Brandschutzgründen. Das sind zu wenige, um den großen Raum zu füllen, sagt Köster. Neben Partys zum Surfcup hatte er Osterfeten, Silvesterpartys sowie WM-Feste organisiert: „Bis zu 1000 Leute haben hier an manchen Abenden gefeiert“, sagt er. Gerade während des Surfcups waren demnach zahlreiche Jugendliche in den Bahnhof geströmt, um dort weiterzufeiern, nachdem das Zelt am Brandenburger Strand geschlossen hatte. Neben Insulanern seien dann auch Gäste vom Festland gekommen.

Sein Ziel sei es stets gewesen, auch jüngeren Leuten auf Sylt eine Partylocation zu bieten. Allerdings beklagt auch Köster eine Abnahme seiner Zielgruppe: Das Fernbleiben sieht er auch im veränderten Partyverhalten der Jugend. „Ich glaube, viele feiern heute lieber Privatpartys zu Hause“, sagt er. Viele, die früher gern in Westerland ausgingen, vergnügten sich heute lieber im Kampener Pony oder im Club Rotes Kliff. Zudem gäbe es in Westerland immer weniger Angebote, weil viele Vorschriften eingehalten werden müssen. „Die Gemeinde Sylt macht es uns nicht leicht.“

„Von der Partyinsel Deutschlands merken wir schon lange nichts mehr“

So radikal wie Meyer und Köster allerdings erleben nicht alle seiner Kollegen die Situation auf der Insel. Andere sind zufrieden mit der Gäste-Situation: „Ich habe gern das reifere Publikum hier, die wissen sich zu benehmen und wie man feiert“, sagt Udo Sonnleitner, Inhaber der Strandoase zwischen Rantum und Westerland. Auf der Außenterrasse seines Restaurants und Cafés veranstaltet er seit rund fünf Jahren jeden Sommer fünf bis sechs große Housepartys. Mehrere DJs legen dann auf. Die Gäste seiner Partys seien zwischen 20 und 60 Jahre alt, die meisten von ihnen Stammgäste – 80 bis 90 Prozent seiner Gäste seien Insulaner. „Unter 20 ist hier kaum jemand“, sagt der Gastronom.

Anders sieht das bei Peter Kliem im Club Rotes Kliff in Kampen aus: Bei ihm feiern nicht nur die jüngeren zwischen 18 und 35 Jahren, sondern auch die ältere Generation. Zu Ostern, Pfingsten sowie in der Hochsaison werden die Partys jedoch für das jüngere Publikum ausgerichtet. In der Vor- und Nachsaison bietet der Club Rotes Kliff zusätzlich Ü-30-Partys, um der wachsenden Gruppe der Älteren die Möglichkeit zu geben, gemeinsam feiern zu können, ohne sich „alt“ vorzukommen. „Außerhalb der Saison sind wenig junge Party-Urlauber auf der Insel“, sagt Kliem, „so müssen wir das geballte Party-Programm von Mitte Juli bis Ende August auf die Beine stellen.“ Sylt werde in den Medien immer noch als die Partyinsel Deutschlands dargestellt, „doch davon merken wir schon lange nichts mehr.“ Strand-Veranstaltungen unter freiem Himmel, die noch vor 2002 möglich waren, gehörten heute der Vergangenheit an. „Auch hier ist ein Umdenken nötig.“

Ruhestörungen werden schneller gemeldet

Auch Kliem stellt sich immer wieder die Frage: Wo will die Insel hin? „Sicherlich soll die Insel für jeden etwas bieten, in erster Linie Ruhe und Erholung, Natur und Entspannung, aber auch vielschichtige Events und Partys dürfen nicht durch Reglementierung und hohe Auflagen ins Koma verfallen.“ Letztendlich habe Sylt die Gäste durch die Extravaganz, durch verrückte Partys und Promis neugierig gemacht. Daher wollten auch viele Gäste mit dabei sein und dieses einmalige Flair miterleben. „Nur leider haben wir mittlerweile den Anschluss verpasst.“ Viele junge Gäste bekämen große Augen, wenn Kliem Anekdoten aus seiner 35jährigen Club-Tätigkeit erzählt. „… und warum gibt es das heute nicht mehr?“, sei dann häufig die Frage.

Peter Kliem hat wenig Verständnis für die Gäste, die vor gut 20 Jahren die wilde Zeit miterlebt haben, nicht vor Sonnenaufgang nach Hause gingen, aber heute die ersten sind, die Anzeige erstatten und zu Unterschriftenaktionen gegen neue Angebote aufrufen.

Einen Wandel bezüglich der Lärmempfindlichkeit sowie dem Brandschutzbewusstsein bestätigt auch das Sylter Ordnungsamt. Bereits vor 20 Jahren war um 22 Uhr Nachtruhe, „allerdings haben sich die individuellen Bedürfnisse und Empfindlichkeiten verändert, sodass der Griff zum Telefonhörer, um eine Anzeige wegen ruhestörenden Lärms auf den Weg zu bringen, heute deutlich schneller getan ist“, sagt Gabriele Gotthardt, Leiterin des Amtes. Auch die Bestimmungen zum Brandschutz seien nicht unbedingt „härter“ geworden – der Brandschutz habe damals wie heute Priorität gehabt. Jedoch gingen die Veranstaltungsbesucher, Behörden und Veranstalter heute sensibler mit dem Thema um.

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erstellt am 15.Okt.2016 | 05:41 Uhr

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