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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 16:38 Uhr

Bahnverkehr nach Sylt : Notarzteinsatz in Pendlerzug

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sanitäter mussten eine junge Frau im Zug versorgen. Ab Montag startet der Schienenersatzverkehr mit Reisebussen auf dem Autozug.

Rettungseinsatz auf dem Morsumer Bahnhof: Im randvoll besetzten Pendlerzug zwischen Klanxbüll und der Insel Sylt ist gestern Morgen gegen 8.15 Uhr eine junge Frau bewusstlos zusammengebrochen. Ein Rettungswagen war im Einsatz, verlor auf dem Weg nach Morsum jedoch wertvolle Zeit an einem geschlossenen Bahnübergang. Fahrgäste warteten draußen auf dem Bahngleis, während die Frau im Abteil versorgt wurde. Der Zug (7.31 Uhr ab Niebüll) erreichte Westerland schließlich mit rund halbstündiger Verspätung gegen 8.40 Uhr. Unter den zahllosen Berufspendlern in dem Zug war auch Stephan Wiese, Inhaber der Insel-Apotheke in Westerland. Wiese kennt das Bahnchaos vor allem zur morgendlichen Hauptverkehrszeit; abends nach Ladenschluss ist der größte Ansturm schon vorbei, wenn er die Rückfahrt nach Klanxbüll antritt. Was das Pendeln angeht, hat sich der Pharmazeut eine dicke Haut zugelegt: „Man ist ja froh, wenn man einen Platz zum Stehen hat.“ Auch gestern seien in Klanxbüll Reisende am Gleis zurückgeblieben. Dass die junge Frau in Morsum kollabierte, wundert Wiese nicht – die engen Platzverhältnisse und die Sauerstoff-Armut im Zug machten vielen Passagieren zu schaffen.

Dass die unzuverlässige Bahnverbindung für das Leben auf der Insel viele negative Folgen hat, weiß auch Wiese aus dem eigenen Betrieb. Als verantwortlicher Apotheker muss er zu den Ladenöffnungszeiten stets anwesend sein. Er nimmt zwar schon den früheren Zug, aber gestern konnte er die Insel-Apotheke erst mit 20-minütiger Verspätung um 8.50 Uhr öffnen.

Sogar im Kieler Landtag spielte der Notarzteinsatz auf dem Morsumer Bahnhof gestern eine Rolle. Nach einem Dringlichkeitsantrag der Piraten-Fraktion war das Thema „Zugverkehr nach Sylt“ an die Tagesordnung als Punkt 29b angehängt worden. Verkehrsminister Reinhard Meyer bezog Stellung zu dem Desaster und erläuterte die aktuelle Situation. Am Donnerstag habe sich in Husum eine Expertengruppe aus Vertretern des Fahrzeugherstellers Bombardier, des Kupplungsherstellers Faiveley, von NOB, Paribus, der Regionalbahn Schleswig-Holstein und von Nah.SH getroffen. Alle arbeiteten „mit Hochdruck“ an einer Lösung, allerdings müssten die Pendler „auf Sicht“ mit der derzeitigen Situation leben, erklärte Meyer in der Dringlichkeitsdebatte. Die Opposition schäumte: Der Minister sei überfordert, die Informationspolitik versage, die Situation eskaliere. Das Problem mit der Kupplung der Reisezugwagen sei seit dem 6. Oktober bekannt, NOB, Nah.SH und Wirtschaftsministerium hätten viel früher reagieren müssen.

Die Fahrgäste seien „an der Nabelschnur“ wirklich gebeutelt, räumte Meyer ein. Allein am Freitag Morgen hätten wieder „30 bis 50 Fahrgäste in Klanxbüll wegen Überfüllung des Zuges“ nicht mitgenommen werden können. Es fehlten im Schnitt 40 Prozent der Sitzplätze. Das Problem: „Ersatzzüge zu finden ist schwierig, da Verkehrsunternehmen und Hersteller keinen Pool haben“, so der Minister. Und: Ersatz-Waggons seien oft alt und störanfällig.

In der kommenden Woche sollen nun 18 Wagen und ein Triebwagen die Lage etwas mildern, kündigte Meyer an. Dem Vorschlag, Reisebusse mit Pendlern auf dem Autozug nach Niebüll zu befördern, räumte er während der Debatte keine großen Chancen ein – das sei aufwändig und zeitraubend.

Vielleicht haben die Proteste der Opposition etwas bewirkt, denn gestern Abend um 18.05 Uhr wurde der Schienenersatzverkehr über den Autozug plötzlich Realität: Die Pressestelle von Nah.SH kündigte für kommende Woche an, dass ein SVG-Bus mit 89 Sitzplätzen morgens um 6.05 Uhr vom Bahnhofsvorplatz Niebüll startet. In Gegenrichtung fährt der Bus um 16.30 Uhr vom ZOB in Westerland ab. Für Besitzer einer Fahrkarte des SH-Tarifs ist die Fahrt kostenlos. Eine Stunde und zehn Minuten soll die Tour dauern, der Bustransfer ist erstmal für fünf Tage geplant.

Ab Montag fahren auch wieder die IC Hamburg-Westerland und der Syltshuttle Plus. Gestern Abend meldete der Nahverkehrsverbund des Landes, dass die DB beide Fernzüge bis zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember für den SH-Tarif freigegeben habe. Die Fernzüge hatten wegen der Gleisbauarbeiten auf der Strecke am 5. November eine Pause eingelegt. Die Abfahrtszeiten sind ab Hamburg-Hauptbahnhof um 11.16 und 13.16 Uhr (beide täglich) sowie 15.48 Uhr (nur donnerstags bis sonntags), ab Niebüll um 14.01, 16.01 Uhr (beide täglich) und 18.31 Uhr (nur donnerstags bis sonntags). Ab Westerland starten die Fernverkehrszüge um 9.26 Uhr (ab Montag täglich), 10.56 Uhr (ab 25. November freitags bis montags) und 15.26 Uhr (ab Montag täglich).

Für das Wochenende erwartet die Nord-Ostsee-Bahn einen stabilen Betrieb mit ausreichend Kapazitäten, heißt es in der Pressemitteilung von Nah.SH.

Wie sich die Bahnkrise entwickelt, wollen Minister Meyer und Nah.SH-Chef Wewers am Montag vor Ort in Augenschein nehmen. Um 14 Uhr ist ein Krisengespräch beim Verein Sylter Unternehmer anberaumt. Im Anschluss daran haben die Kaufleute zu einer Pressekonferenz eingeladen.

Für zusätzliches Kopfschütteln hat die Nachricht gesorgt, dass die DB in den nächsten Tagen ihre Reisezentren in Niebüll und Westerland jeweils für anderthalb Wochen schließt. Die Räume werden renoviert, es gibt frische Möbel. Bürgervorsteher Peter Schnittgard bezeichnete es als unmöglich, dass die DB in diesen Tagen auch noch die letzten verfügbaren Ansprechpartner aus den Bahnhöfen abzieht.

In Niebüll sind die Handwerker schon von diesem Montag an bis zum 30. November im Einsatz, in Westerland vom 29. November bis zum 8. Dezember. Währenddessen verweisen die Bahngesellschaften ihre Fahrgäste an den Ticketverkauf an den Automaten oder im Internet. Die Ticketautomaten werden übrigens erneuert – rechtzeitig zum Betreiberwechsel am 11. Dezember stellt die DB an elf Standorten an der Westküste 15 Automaten auf.

Der Flixbus, der bis Oktober Westerland mit Flensburg, Kiel, Hamburg und weiteren Haltestellen verbunden hat, ist derweil noch im Winterschlaf. Er sollte im Dezember wieder Sylt mit dem Festland verbinden, doch das beschränkt sich nach aktuellen Informationen auf den Zeitraum von 28. Dezember bis 1. Januar 2017. Dann legen die grünen Busse wieder eine Pause ein. Erst im Frühling soll Sylt wieder an das Flixbus-Netz angeschlossen werden. Doch bis dahin dürften im Bahnverkehr hoffentlich wieder normale Verhältnisse einkehren.

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erstellt am 19.Nov.2016 | 09:39 Uhr

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