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Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 23:04 Uhr

Sylter Rettungskräfte : Neue Technik rettet Menschenleben

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit kurzem ist die Feuerwehr auf Sylt mit einem neuen Spezialfahrzeug unterwegs. Aber wozu brauchen die Experten dieses Gefährt?

Langsam legt Thorben Prösch mit Daumen und Zeigefinger eine Art Joystick um. Konzentriert kneift der Westerländer Feuerwehrmann seine Augen zusammen, als er sein Ziel – einen Balkon im dritten Stockwerk eines Wohnhauses – anvisiert. Lautlos hebt sich die rund ein mal 2,20 Meter große Plattform, die an einem schlanken Kranarm auf einem Spezialfahrzeug befestigt ist, in die Luft. Prösch simuliert die Rettung eines Verletzten, den er über einen Balkon in Sicherheit bringen will. Rund 30 Meter in die Höhe kann der Kranarm mit dem kleinen Podest ausgefahren werden. Der 30-Jährige lenkt den Kran des knallroten Spezialfahrzeugs mit dem spröden Namen „Teleskopmast B32“, das seit rund zwei Jahren zum Fuhrpark der Westerländer Feuerwehr gehört. Es ersetzt seinen völlig veralteten Vorgänger.

Auch dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) auf der Insel macht es das Spezialgefährt einfacher, zu helfen. „Die Arbeitsfläche ist viel größer – dadurch wird die Arbeit enorm erleichtert“, sagt ein Rettungsassistent. Direkt vom Fenster aus kann der Sanitäter den Verletzten versorgen. Nachdem die Patienten noch in der Wohnung vom Notarzt stabilisiert werden, bringt sie die Plattform am Teleskopmast dann „schonend“ nach unten. Neben Steuermann und Patient könne jetzt auch der Arzt mitfahren, sagt der DRK-Mann. „Das ist sehr komfortabel.“ Zudem müssten Rollstuhlfahrer – die im Falle einer akuten Behandlung das Haus nicht selbst verlassen können – nicht mehr aus dem Rollstuhl steigen, um in ein Krankenhaus gebracht zu werden.

„Der Korb kann sowohl vertikal, als auch horizontal ausgefahren werden“, erläutert Feuerwehrmann Prösch. Bevor er das hochmoderne Fahrzeug steuern durfte, hat er an zahlreichen Wochenenden geübt und Theoriestunden genommen. „Die Ausbildung besteht aus drei Teilen“, sagt Wehrführer Jörg Elias. Zunächst müssen die künftigen „Maschinisten für Hubrettungsfahrzeuge“ über einen geeigneten Führerschein verfügen. Im nächsten Schritt folgt eine mehrwöchige Einweisung auf der Insel umfasst. Schließlich kommt die Hamburger Berufsfeuerwehr nach Sylt, um den Anwärtern unter anderem zu zeigen, wie das Fahrzeug aufgestellt werden muss, bevor der Teleskoparm ausgefahren werden kann. „Es ist sehr wichtig zu wissen, wie das 18 Tonnen schwere Auto reagiert, damit es nicht umkippt“, sagt Elias.

Besonders wichtig für die Einsatzkräfte sei der Kranausleger: „Denn es kommt sehr häufig vor, dass verletzte Menschen oder kranke Personen nicht durch das Treppenhaus transportieren können“, erläutert Wehrführer Elias. Mit der Spezialplattform könnten diese bequem aus dem Fenster nach unten gebracht werden – ganz ohne mühsames Treppensteigen.

Drei Leute braucht man, um das 750  000 Euro teure, gemeindefinanzierte Konstrukt im Einsatz zu lenken: Der Gruppenführer gibt vom Boden aus Anweisungen, während der Maschinist unten auf dem Fahrzeug sitzt und dem Truppenmann im „Korb“ Anweisungen gibt. „Der Kontakt zum Mann am Boden ist sehr wichtig, denn er kontrolliert, ob das Fahrzeug noch sicher steht“, erklärt Prösch, der die Maschine seit 15 Monaten steuern darf. Er ist einer von rund zwölf der insgesamt 86 aktiven Feuerwehr-Kameraden, die diese Zusatzausbildung absolviert haben.

Rund 35 Mal wurde das Fahrzeug seit seiner Anschaffung auf der gesamten Insel eingesetzt. Erst vor wenigen Tagen ist eine ältere Dialysepatientin über den Balkon aus ihrem Haus „gehoben“ und in ein Krankenhaus gebracht. Wenn es brennt, können die Löschkräfte die Flammen direkt bekämpfen – an der Plattform ist ein großes Wasser-Wenderohr befestigt, das sowohl von oben, als auch von unten gesteuert werden kann. Aber auch, als zuletzt ein Auto im Graben gelandet war, konnten die Experten mit dem Teleskoparm das Fahrzeug bergen. „Das wäre mit dem alten Fahrzeug nicht möglich gewesen“, sagt Elias. Anders als jetzt hatte der Korb des alten Gefährts keinen offenen Einstieg, zudem konnten nur höchstens zwei Personen damit fahren.

Mit seinen Wärmebild- und Zoomkameras, den Anschlüssen für Sauerstoffmasken und Wasser sowie den 1000 Watt starken LED-Leuchten und mehreren Stromanschlüssen – darunter auch eine 400 Volt-Dose – erinnert das Fahrzeug an ein Konstrukt aus der Zukunft. Benutzt werden mussten die meisten Extras bisher allerdings nicht. Die Westerländer Feuerwehr sucht übrigens dringend noch leerstehende Gebäude, in denen sie ihre Manöver mit dem „Teleskopmast B32“ trainieren kann.

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erstellt am 10.Sep.2016 | 05:30 Uhr

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