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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 10:44 Uhr

Spätsommer-Plage : Mückenalarm auf Sylt: Die ganze Insel wird gepiekst

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit einigen Tagen sind auf Sylt so viele Mücken unterwegs wie seit Jahren nicht mehr. Die Anti-Mückensprays in Apotheken und Drogerien sind knapp.

Sylt | Es summt leise, dann kitzelt es seicht und kurz darauf folgt ein quälender Juckreiz, der mehrere Stunden oder Tage anhält: Seit rund einer Woche schwirren auf der Insel ungewöhnlich viele Stechmücken umher. Und kaum einer bleibt von ihren Stichen verschont. In Ruhe abends ein Bier trinken und den Sonnenuntergang genießen? Wer nicht Opfer der hungrigen Blutsauger werden will, kann das auf Sylt – zumindest an den meisten Orten – im Moment nur mit reichlich aufgetragenen Anti-Mückencremes und sorgsam gewählter Kleidung.

Sogar durch Jeansstoff stechen die kleinen Insekten – die an manchen Inselorten auch in Schwärmen zu sehen sind. Selbst auf Radfahrern die, obwohl vom Fahrtwind umgeben, lassen sie sich nieder und durchstechen mit Hilfe ihres stechend-saugenden Rüssel die Haut ihrer ahnungslosen Wirte und laben sich an deren Blut. Allein die weiblichen Stechmücken saugen Blut, denn sie brauchen diese eisenhaltige Mahlzeit nach der Befruchtung, um Eier zu bilden. Ihre juckenden Stiche werden, verständlicherweise, von vielen Menschen als „plagend“ empfunden.

Was tun bei Mückenstichen?

Wer von einer Mücke gestochen wurde, sollte „möglichst nicht kratzen“, sagt Oberarzt Dr. med. Werner Kurrat, Dermatologe an der Hautklinik der Nordseeklinik in Westerland. Auch wenn das häufig sehr schwer falle. Beim Jucken kann die Haut verletzt werden – und durch die Wunde dann  Keime eindringen und zu einer Infektion führen. Um den Juckreiz zu unterdrücken, sollte der frische Stich  gekühlt werden: Zum Beispiel mit Quark, Zwiebeln, einem kalten Lappen oder Gel. In schlimmeren Fällen kann eine Cortison-Creme aufgetragen werden. Nicht infizierte Stiche, auf die der Körper keine allergische Reaktion zeigt,  klingen meist nach rund zwei Tagen ab.

Auch für Tiere bedeuten Mückenstiche „Stress pur“, sagt  die Sylter Tierärztin Stephanie Petersen. Zum Beispiel bei Pferden und Hunden käme zudem erschwerend hinzu, dass sie die entsprechenden Stellen nicht selbst jucken können. Besitzer von Pferden, Hunden & Co können  die „zerstochenen“ Körper ihrer Schützlinge auf ähnliche Weise behandeln, wie den eigenen. Das Auftragen einer Cortison-Creme lindert den Juckreiz auch bei Vierbeinern und wirkt zudem entzündungshemmend, sagt Petersen.  Mit Coolpacks aus dem Kühlschrank könnten besonders große Beulen gekühlt werden.

Quelle: Oberarzt Dr. med. Werner Kurrat (Nordseeklinik Sylt). Tierärztin Stephanie Petersen (Sylt)

 

„Es sind auf jeden Fall viel mehr Mücken als sonst unterwegs“, sagt Margit Ludwig, von der Naturschutzgemeinschaft Sylt. So viele dieser Art habe sie zuletzt im Sommer 2002 erlebt. Ein feuchter Frühling und Sommer könnte dazu geführt haben, dass die Mücken mehr Eier gelegt haben und dadurch mehr Larven geschlüpft seien. „Der Mai war auf der Insel sehr sommerlich, der Juli dann sehr nass“, sagt die Expertin. Die Zweiflügler brauchen (stehende) Gewässer beziehungsweise deren Nähe, um ihre Eier abzulegen. Teilweise reichen bereits kleinste Wassermengen wie in Baumhöhlen, Felsmulden oder Pfützen. Regnet es viel, bilden sich entsprechend zahlreiche Wasserstellen und bestehende Stellen werden vergrößert. Somit erweitern sich auch die möglichen Fortpflanzungsoberflächen für die Mücken.

Um sich vor den hungrigen Plagegeistern zu schützen, suchen die Menschen auf der Insel Hilfe in Apotheken und Drogerien. In der Westerländer Insel-Apotheke waren alle Anti-Mückenmittel ausverkauft. „So schlimm hatten wir das noch nicht“, sagt eine Angestellte. Ein Mitarbeiter erzählt von Menschen, die mit richtigen Beulen am Körper vom Strand kämen. „Das so viele Menschen mit Mückenstichen zu uns kommen, ist in den letzten zehn Jahren nicht vorgekommen“, sagt auch Stefan Topp, Inhaber der Bahnhof - Apotheke in Westerland. Schon mehrmals seien die Anti-Mückenmittel seit Donnerstag bei ihm ausverkauft gewesen. Einige Mückengeplagte würden so heftig auf die Stiche reagieren, dass er sie direkt zum Arzt habe schicken müssen, sagt der Apotheker.

Seit Tagen strömen Sylter und Urlauber mit ihren zerstochenen Körpern in die Nordseeklinik in Westerland. „Ich bin hier seit über 20 Jahren als Hautarzt tätig– so viele Patienten mit Stichen, hatten wir noch nie“, sagt Oberarzt Dr. med. Werner Kurrat, Dermatologe an der Hautklinik. Die Menschen kämen mit ausgeprägten – teilweise „handflächengroßen“ – Schwellungen, Blasenbildungen und Hauteinblutungen. In diesem Jahr gäbe es besonders viele Stiche mit intensiver „lokaler allergischer Reaktion“. Menschen würden unterschiedlich reagieren, einige bekämen nur Quaddeln, andere hingegen zeigten eine stärkere örtliche Reaktion des Immunsystems. Um von den Stichen verschont zu bleiben, sollten alle Körperteile bedeckt sein, ein Insektenschutzspray aufgetragen sowie die Fenster mit Mückengittern geschützt werden.

Auch die Tiere sind vor den Plagegeistern nicht gefeit. „Bei den Pferden ist es schlimm mit den Mücken, aber auch bei Hunden, die meist um die Nase herum gestochen werden“, sagt die Sylter Tierärztin Stephanie Petersen. Seit rund einer Woche kämen zahlreiche Tierbesitzer mit ihren von Mücken geschundenen Tieren zu ihr in die Praxis. Vorbeugend helfe es, die Tiere schon morgens mit einer Essig und Wassermischung einzusprühen.

Für die Sylter Gastronomen gibt es angenehmere Besucher, als die kleinen Insekten: „Das ist fürchterlich mit den Mücken“, sagt ein Mitarbeitet des Strandrestaurants Kap-Horn in Hörnum. Rund 80 Sitzplätze mit Blick auf das Meer gibt es hier. „Abends fliehen die Leute förmlich von diesem Ort“, sagt der Angestellte. Innerhalb kürzester Zeit seien am Mittwoch alle mit Stichen übersät gewesen. Überbewerten dürfe man das allerdings nicht, denn „es ist schließlich Sommer – da gehören auch die Mücken dazu“. Auch Sepp Reisenberger sieht den Vormarsch der vielen Flügeltiere gelassen: „Wir haben vorsorglich zwei homöopathische Sprays, mit denen sich die Gäste einsprühen können“, sagt der Chef des Bistro S-Point. Der Laden des Österreichers liegt direkt vor den Dünen in Westerland und ist abends von einer überdachten Glaswand umgeben. Neben Zitronenöl und Lavendel, enthalte die Tinktur auch Nelken und Petersiliensamen. „Das hilft – und wenn es nur psychologisch hilft“, sagt Reisenberger und lacht.

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erstellt am 02.Sep.2016 | 05:00 Uhr

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