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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 02:19 Uhr

Westerland : Möwen auf Sylt: Warum viele von ihnen irgendwann verschwanden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manche Menschen sind genervt von den lauten Tieren. Dabei erzählt ihre Geschichte Besonderes.

Westerland/Sylt | „Strandräuber“ und „Wegelagerer“ sind Begriffe, die während der Sommersaison auf der Westerländer Promenade immer wieder im Umlauf sind. Gemeint sind allerdings keine zwielichtigen Gestalten, die mit robusten Geschäftsmethoden auf Kurgäste lauern, sondern Möwen, die Nahrungsmittel jeglicher Art, vom Fischbrötchen bis zum Eis, aus den Händen von großen und kleinen Inselgästen rauben – wobei sie lautlos heranschweben und ihre „Beute“ geschickt aufpicken, ohne die Menschenhand zu verletzen.

Eine Silbermöwe mit ihren Jungen in den Inseldünen. Wegen der eingewanderten Füchse sind sie dort mittlerweile verschwunden.
Eine Silbermöwe mit ihren Jungen in den Inseldünen. Wegen der eingewanderten Füchse sind sie dort mittlerweile verschwunden. Foto: Georg Quedens
 

Andere Kurgäste und auch Einheimische beschweren sich über das laute Spektakel auf den Hausdächern. Das Warnjauchzen „Küo-küo-küo“ der Möwen bedeutet, dass sie ihr Revier oder ihr individuelles Umfeld verteidigen.

Die Geschichte der Möwen auf Sylt hat einige besondere Aspekte. Vor etwa 200 Jahren, als die Insel noch ihre Ursprünglichkeit besaß, waren sowohl die Dünen auf der unbewohnten Südspitze Hörnums als auch jene des Listlands in der sommerlichen Brutzeit bevölkert von zigtausend Möwenpaaren, vor allem von Silbermöwen. Die Möwen in Hörnum erhielten regelmäßig Besuch von Amrum und Föhr, deren Bewohner dort Körbe und Eimer voller Eier sammelten, um sie zu Hause als Nahrung zu verwenden. Den Möwen wurde durch Eiersammler kaum Abbruch getan, denn eine Möwe kann bei Verlust des Geleges eine zweite, ja sogar dritte Brut machen.

Im Sylter Inselnorden wurden die Möweneier durch die damals wenigen Listland-Bewohner regelrecht „geerntet“ – angeblich jährlich bis zu 50.000 Eier, die zum Festland verkauft wurden. Für das Eiersammeln wurden im Mai und Juni eigens Helfer angestellt. Eine besondere Rolle spielte dabei ein kleiner, aber überaus starker Mann namens „Lille Peer“ – Kleiner Peter, der richtig Peter Hansen hieß und von 1654 bis 1718 lebte.

Aufgabe des „Eierkönigs“ war jedoch nicht nur das Sammeln der Möweneier, sondern auch zu verhüten, dass von den Nachbarinseln Schiffer landeten und als Eierdiebe durch das Gelände streiften. Bei dieser Aufgabe konnte Lille Peer mitunter sehr energisch agieren – beispielsweise wenn er die Schiffe, mit denen die fremden Eiersammler gelandet waren, von ihrer Verankerung löste und wegtreiben ließ.

Jahrhundertelang hatte das System des Eiersammelns und des Möwenschutzes Erfolg. Dann allerdings brach Unheil in das abgelegene – und übrigens nicht zur Landschaft Sylt, sondern bis 1864 zu Dänemark gehörende – Listland ein: 1908 wurden die Schienen der Inselbahn von Westerland über Wenningstedt und Kampen bis nach List verlängert. Nun konnten Kurgäste und Sylter zum Möweneiersammeln in das Listland fahren – was auch mit großem Eifer geschah, sodass die Bauern dort einen Gendarm anstellen mussten, um die Eiersammler abzuwehren. Noch schwerwiegender jedoch war die militärische Aufrüstung des Listlandes in den 1930er Jahren mit einem Seefliegerhorst und Bunkern in den Dünen, verbunden mit Schießübungen.

Sylt war in früheren Jahrhunderten die an Seevögeln reichste Nordseeinsel. Auf dem Ellenbogen bestand sogar bis 1914 noch eine Kolonie der großen Raubseeschwalbe, die heute in Deutschland ausgestorben ist. Aber dann wanderten spätestens Ende der 1930er über den 1927 vollendeten Hindenburgdamm Füchse nach Sylt ein und entwickelten im Laufe der Jahre eine beachtliche Population. Wo Füchse auftauchen, ist für fast alle Arten, insbesondere von in Kolonien brütenden Seevögeln und anderen Bodenbrütern, keine Bleibe mehr. Wie auch das Beispiel von heimlich ausgesetzten Füchsen in den 1990er Jahren auf der Nachbarinsel Amrum zeigte, ist die Vertreibung total.

Auf Sylt finden die meisten Seevögel sichere Brutplätze nur noch auf künstlichen Inseln, zum Beispiel im Rantumbecken. Denn der Fuchs scheut Wasser, obwohl er schwimmen kann. Oder die Möwen weichen, wie vielerorts an der deutschen Nord- und Ostseeküste, so auch auf Sylt, auf die Dächer hoher Gebäude aus, wo kein Fuchs oder anderes Raubwild hinaufgelangen kann.

Die Sylter Möwen haben aber nicht nur ihre Brutplätze in den Dünen von Hörnum und des Listlands verloren, sondern auch die um das Wattenmeer östlich von Sylt liegende Hallig Jordsand, die früher Tausenden von Seevögeln Brutplätze bot, aber vor wenigen Jahren von der Nordsee völlig abgebaut wurde und heute eine bei Hochwasser überflutete Sandbank bildet.

Es hat übrigens einige Zeit gedauert, ehe sich die Sylter mit dem Verschwinden der Möwen abgefunden haben. Jahrelang kamen etliche von ihnen im Mai nach Amrum, um hier auf der Odde oder in den Dünen Möweneier zu sammeln – bis es schließlich verboten wurde.

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erstellt am 23.Jul.2016 | 14:56 Uhr

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