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Sylter Rundschau

11. Dezember 2016 | 07:19 Uhr

Keitums Kutscher : Mit zwei PS über Sylt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen – auch nicht, wenn sich eine lange Autoschlange hinter der Kutsche bildet: Matthias Tölke kutschiert Touristen und Insulaner durch Keitum.

Schatzi, Spatzi, Steffi und Übermut können von Keitum nicht genug bekommen. Woche für Woche zog es das Quartett seit dem Frühjahr in das Friesendorf, doch nun ist erstmal Schluss mit Sightseeing: Den Winter verbringen die vier Schleswiger Kaltblüter gemütlich auf einer Wiese, bevor es dann ab kommenden April wieder gemächlichen Schrittes durch Keitums Straßen geht.
Auf dem Kutschbock sitzt dann wie bereits seit elf Jahren Matthias Tölke, der die Rundfahrten durch das Dorf im vergangenen Jahr von Peter Störtenbecker komplett übernahm. Pferden ist Tölke bereits seit der Kindheit verbunden: „Damals habe ich im Keitumer Grünhof erst das Reiten gelernt, später dort gearbeitet.“

Dann wechselte der gebürtige Sylter einige Jahre nach Damp, wo er das Fahrabzeichen für Kutschen – quasi den Führerschein – erwarb und Urlauber zwischen Wald und Ostsee umher fuhr. Das tut er auch auf Sylt und nicht nur in Keitum: Ob Hochzeit oder Kindergeburtstag, Ringreitturnier oder Vatertag: Vielfältig sind die Anläss, für die er gebucht wird.

Das Herzstück sind jedoch die Rundfahrten durch Keitum, die zwischen April und Oktober jeden Mittwoch und Sonntag stattfinden. Tatkräftig unterstützt wird Tölke dabei von seinem Mitarbeiter Hermann Deusing, einem 84-jährigen Rentner, der noch lange nicht zum alten Eisen gehört: „Hermann ist eine Seele von Mensch mit viel Herz für Pferde und Menschen“, weiß Tölke. Und wenn mal richtig Hochbetrieb ist, springt auch Britta Clasen gerne ein.

Sobald die Kutsche durchs Friesendorf zuckelt, geht es Matthias Tölke wie seinen Beifahrern: „Es ist wirklich eine Entschleunigung. Und die wollen pro Fahrt im Durchschnitt 25 Teilnehmer genießen. Für Keitum ist das sicherlich ein schönes Ausflugsangebot, das ja auch ideal zum Dorf passt“, erzählt der 44 Jährige.

Viele Fragen gilt es für den Kutscher unterwegs zu beantworten: Wie werden Friesenwälle gebaut? Warum haben die Häuser Strohdächer? Wo kann man gut essen gehen? „Und immer wieder wollen die Leute wissen, wo welcher Prominente wohnt“, erzählt Tölke.

Mit an Bord sind alle Altersgruppen – und auch etliche Stammgäste, für die eine Kutschfahrt fester Bestandteil des Sylt-Urlaubs ist. Für die Kinder ist es stets das Highlight, vorne mit auf dem Kutschbock zu sitzen. „Manche Eltern fragen schon am Telefon, ob das möglich sei.“

Die Pferde freuen sich derweil über so manches Mitbringsel, denn manche Gäste bringen gleich auch ein paar Äpfel oder Karotten mit. Matthias Tölke mag die Kommunikation mit immer wieder neuen Menschen. Und daher sind die Touren zwar einerseits Routine, aber doch immer wieder anders. „Dass vermehrt Sylter mit mir fahren, freut mich dabei besonders“, schwärmt er.

Kutsche fahren durch Keitum, das ist bisweilen auch ein Balanceakt: Manchmal komme man nur mit wenigen Zentimetern Abstand an parkenden Autos vorbei. Das bedürfe einer guten Zügelführung und aufmerksamer Pferde. Autos und Kutsche, das ist gerade in der Hochsaison öfters ein wechselseitiges Ärgernis: Wenn Matthias Tölke vom Tinnumer Hof über die Keitumer Landstraße fährt und sich hinter ihm eine lange Schlange bildet, wird mancher Autofahrer ungeduldig. „Beim Hupen bleiben die Pferde ruhig – aber zwei Mal fuhren dieses Jahr Autos so dicht vorbei, dass sie die Pferde mit den Außenspiegeln streiften“, erzählt Tölke. Er habe durchaus Verständnis dafür, dass Autofahrer die es eilig haben durchaus mal genervt sind, lässt sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen: „Das ist nun mal die einzige Strecke nach Keitum ohne einen riesigen Umweg. Und ich kann mit der Kutsche ja schlecht rechts ran fahren.“

Eine andere Widrigkeit kann der 44-Jährige da schon besser ertragen: Da er die Kutsche gemäß Vorschrift nicht alleine lassen darf, schließt sich ein Toilettengang während der mehrstündigen Touren aus. Daher trinkt er vor und während der Fahrt nur ein paar Schlucke. Nur im Hochsommer darf es dann aber auch mal ein bisschen mehr sein – „das schwitzt man dann ja schnell wieder aus.“

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