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Sylter Rundschau

11. Dezember 2016 | 09:11 Uhr

Sylter Original : Käpt’n Corl und sein Seemannsgarn

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Anfang des 20. Jahrhunderts tummelte sich ein Sylter Kapitän auf den Weltmeeren, den alle nur Käpt’n Corl riefen. Wer dieser Mann war, erklärt unser Autor.

Jeden Tag begegnen Sie ihm in unserer Zeitung: Seit mittlerweile 18 Jahren gibt Käpt’n Corl seinen Senf zu den unterschiedlichsten Themen – und zu seiner Holden. Welche historische Figur sich hinter diesem Sylter Urgestein tatsächlich verbirgt, wollen wir Ihnen an dieser Stelle verraten: Er war das, was man gemeinhin ein Unikat nennt – Carl Christiansen, von seinen Landsleuten nur „Käpt’n Corl“ gerufen. Als Carl Nicolai Christiansen erblickte er 1864 in Westerland das Licht der Welt. Im zarten Alter von 15 Jahren ging der junge Carl an Bord eines Schiffes und diente sich von der Pike auf hoch, brachte es bereits mit 27 Jahren zum Kapitän bei der Ost-Afrika-Linie.

1902 kehrte Christiansen auf seine Heimatinsel zurück und trat in die Dienste der Sylter Dampfschiffahrts-Gesellschaft. 25 Jahre lang steuerte Käpt’n Corl die Raddampfer zwischen Højer und Munkmarsch – während dieser langen Zeit gab es so gut wie keinen Sylter, der nicht zumindest einmal mit Käpt’n Corl gefahren wäre.

Die vom Kapitän geschriebenen Logbücher aus den Jahren 1904 bis 1924 sind erhalten geblieben – hier zwei kleine Auszüge aus den Aufzeichnungen: „29. Oktober 1904: Stürmischer Nordwestwind, diesige Luft, ziemlich hohes Wasser. Das Eisboot versuchte nach Sylt zu kommen, musste jedoch des heftigen Windes wegen wieder umkehren. Es wurde deswegen beschlossen, planmäßig die Tour mit der ‚Freya‘ für morgen aufzunehmen.

5. April 1905: Mäßiger Wind, schönes Wetter. Ca. 8000 kg Ladung. Von einem Ofen die Herdtür gebrochen. 1 Fass Fußbodenöl leck, das selbige zurückgewiesen. Beförderten außerdem 2 Esel in Käfigen.“

Dem erfahrenen Seemann war eine besondere Gemütsruhe zu eigen. So saß er 1922 mit dem Dampfschiff sechs Wochen lang im vereisten Wattenmeer vor dem dänischen Festland fest und harrte dennoch unverdrossen aus.

Und wenn er in schöner Regelmäßigkeit von den Badegästen gefragt wurde, wann das Schiff denn wohl ablegen würde, lehnte sich Christiansen gelassen zurück und sagte: „Wenn der Mond kommt, dann kommt auch die Flut, und wenn mit der Flut das Wasser kommt, dann kommt der Brötchenjunge, und wenn die Brötchen an Bord sind, dann können wir ablegen.“

Überhaupt war Käpt’n Corl stets zu Scherzen aufgelegt. Schon in jungen Jahren hatte er in Westerland in einer Silvesternacht mit einem Verwandten einen Leiterwagen auseinander genommen, die Teile auf das Dach eines Hauses geschleppt und den Wagen dort wieder zusammengebaut. Am nächsten Morgen staunten die Leute nicht schlecht, wie wohl ein kompletter Wagen auf ein Hausdach gelangen könne.

Auf seinen Schiffsfahrten spann Käpt’n Corl gern Seemannsgarn und band den unwissenden Gästen so manchen Bären auf. Einmal zeigte er im Vorbeifahren zu einem kleinen Dorf hinüber und sagte wie beiläufig: „Und dort wurde Nansen geboren.“

Die Reisenden staunten: Wer hätte geahnt, dass der berühmte Polarforscher Fridtjof Nansen in diesem trostlosen Nest das Licht der Welt erblickt hätte? Tatsächlich war ein Nansen in dem Dorf geboren – doch der hieß mit Vornamen Sören und was von Beruf Gemüsehändler.

Ein anderes Mal blickte ein Badegast versonnen von der Westerländer Promenade auf das weite Meer und fragte: „Ist das bis zum Horizont wirklich alles Wasser?“ Da entgegnete Käpt’n Corl trocken: „Nee, da sind auch 'n paar Fische drin.“

Als 1927 der Hindenburgdamm eingeweiht und damit eine neue zentrale Verbindung nach Sylt erschlossen wurde, stellten die Schiffe den Verkehr ein. Käpt’n Corl wurde notgedrungen zur „Landratte“ und von der Kurverwaltung Westerland als Fremdenführer übernommen.

Seine Führungen durch Westerland und über die Insel fanden bei den Sommerfrischlern großen Zuspruch. So nahmen am 20. Juli 1931 sage und schreibe 515 Gäste an einem Ausflug nach List teil. Vorneweg Carl Christiansen, der mit seiner Signalpfeife das Kommando führte wie einst auf der Brücke seines Schiffes.

Obligatorisch war unterwegs der Besuch des Westerländer Heimatlosen-Friedhofs. Dort warf Käpt’n Corl jedes Mal demonstrativ ein Fünf-Markstück in den Spendenkasten, so dass sich auch die Gäste nicht lange bitten ließen. Was natürlich keiner wusste: Am Abend holte er sich sein Geldstück klammheimlich wieder ab.

Das Sylter Original verstarb im Jahre 1937 im Alter von 72 Jahren auf dem nahen Festland in Niebüll. Die Straße, in der er in Westerland lange Zeit gewohnt hatte, wurde ihm zu Ehren später Käpt’n-Christiansen-Straße benannt.


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