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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 01:26 Uhr

Bahnchaos-Reportage : „Juchhu! Nun habe ich einen Stehplatz!“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Eine Bahnfahrt muss nicht lustig sein. Zwischen Hamburg und Sylt kann sie in diesen Tagen aber zum Horror-Trip werden. Unsere Autorin hat es erlebt – eine Reportage aus vollen Zügen.

Wir waren zu siebt, kamen von einem Messebesuch in Hamburg und wollten Sonntagmittag mit dem Zug zurück nach Hause. Als wir den belebten Bahnsteig entlang liefen, dachte ich ganz kurz: Huch, wo ist denn der Zug? Dieser stand bei genauerem Betrachten in Laufrichtung voraus, allerdings sehr weit entfernt. Und er war auch sehr klein, bestand aus lediglich zwei Waggons. Sehr voll war er dann auch, obwohl noch reichlich Zeit war bis zur Abfahrt. Die Leute strömten hinein, zwei Klappsitze an der Wand konnten wir ergattern und hatten die Idee, uns abzuwechseln. Die zerschlug sich sofort wieder, der Rest der Truppe musste weiter ziehen, denn es drängten immer mehr Leute in den Zug. Darunter bekannte Gesichter, die wir schon auf der Messe getroffen hatten und zahlreiche Reisende mit umfangreichem Gepäck.

Meter für Meter auf dem Weg zum WC

Bald waren nur noch ganz hinten im Waggon Stehplätze frei. Die Leute trauten sich zum Teil nicht, weiter durchzurücken, wer eine freie Stelle mit Festhaltemöglichkeit hatte, der gab die nur ungern auf. „Gehen Sie doch mal weiter nach hinten durch!“, brüllte ein Mann an der Zugtür, voller Sorge, Gepäck und Begleiterin würden nicht mehr in das Abteil passen. Dies war der erste und letzte „Motzer“, den ich während der nächsten Stunden zu hören bekam. Als der Zug endlich losfuhr, betrachtete ich interessiert mein Umfeld, dabei fiel mir auf, die Toilette ist vorn im anderen Wagen. Und sofort sprang dieser unselige Psychoeffekt an und meinte: Da musst du hin. Innerlich lachte ich höhnisch: Keine Chance! Doch drei Stunden lang warten? Es ging mir nicht allein so: Eine junge Sylterin kam aus dem hinteren Teil des Waggons nach vorn, bewegte sich zielstrebig in Richtung des zweiten Wagens. „Das macht sie nicht wirklich!“, dachte ich erstaunt. Doch sie kletterte unbeirrt über Koffer und quetschte sich entschuldigend durch die Menge, manchmal musste sich dazu eine ganze Gruppe umpositionieren. Meter für Meter kämpfte sie sich voran. Was ich ganz erstaunlich fand: Ich hörte keine einzige Beschwerde. Dennoch, ich würde weiterhin ausharren, vielleicht sollte ich beim nächsten Halt aussteigen und vorn wieder in den Zug steigen.

Bitte nicht „in Fahrtrichtung rechts“

Ich verwarf den Gedanken, die Zustände im Waggon vor uns waren schwer einzuschätzen, dort schien es noch viel voller zu sein als bei uns. Jemand hatte mir erst vor kurzem erzählt, dass auf der Strecke Niebüll – Westerland sogar mal die Toilettentüren geöffnet blieben, damit dort noch Stehplätze frei wurden. Als ein Mädel genau dahin musste, gab es ein großes logistisches Problem... Das gab es auch bei uns und zwar jedes Mal, wenn jemand „in Fahrtrichtung rechts“ aussteigen musste, denn eine Tür auf der rechten Seite ließ sich nicht öffnen. Mein Mann war froh, vor der verschlossenen Tür einen Sitzplatz auf dem Fußboden zu ergattern, doch Aussteigende mussten sich wirklich sehr rechtzeitig auf den Weg machen. Dann quetschten sich die Umstehenden zusammen, zogen ihren Koffer noch einen Zentimeter weiter zur Seite und brachten ihre Füße in Sicherheit. Als sich ein älterer Herr das zweite Mal bei meinem Sitznachbarn rechtsseitig entschuldigte, meinte der nur beruhigend: „Wir schaffen das schon.“ Von hinten rief jemand: „Juchhu! Nun habe ich einen Stehplatz in Fahrtrichtung! Mir war schon ganz schlecht vom Rückwärtsfahren!“ Ich schloss die Augen, doch meine Fantasie war leider aktiviert. Wenn jetzt jemand spucken muss, trifft der gleich zehn Leute, schoss es mir durch den Kopf.

Ein Hauch von Frikadellen vor Elmshorn

Und da kam er schon, dieser intensive, undefinierbare Geruch, der meinem Magen überhaupt nicht gefiel. Was würde ich machen, wenn mir schlecht wird? Eine Antwort fand ich nicht. Ich saß umringt von Menschen auf einem Klappstuhl mit einem Trolley zwischen den Beinen und konnte mich nicht rühren, geschweige denn, irgendwo hinrennen. Da registrierte ich, der Geruch kam nur von einer aufgerissenen Packung kleiner Frikadellen. In der abgestandenen Luft rochen sie offensichtlich anders als sonst. Vielleicht nahmen wir es auch nur so wahr, mein Sitznachbar zur linken war ebenfalls wenig begeistert.

Zum Glück fuhr der Zug nun langsamer, juchhu, Elmshorn nahte. Eine Handvoll Leute stieg aus. Und doppelt so viele stiegen ein, samt großer Koffer.

„Es könnte ja noch viel schlimmer kommen“

Ich hatte starken Durst, erlaubte mir aber nur einen Schluck, sonst würde mein anderes Dilemma ja noch verschlimmert. Ich verbot mir auch, auf die Uhr zu schauen und versuchte, an etwas ganz anderes zu denken. Mein Sitznachbar zur rechten wandte sich seiner Frau zu und raunte ironisch: „Was ist das hier? Ich dachte, der Krieg sei vorbei.“ Dann kam er in Fahrt: „Ach, es könnte ja noch viel schlimmer sein. Draußen 35 Grad und drinnen die Klimaanlage kaputt.“ Seine Frau schimpfte: „Hör auf damit! Ich will mir das nicht vorstellen!“ Er ließ sich nicht beirren: „Das wär’ dann eine Biosauna.“

„Nächster Halt in Fahrtrichtung rechts“, tönte es aus den Lautsprechern. Fahrtrichtung rechts, ganz schlechte Nummer. Fürsorglich rief ein Mitreisender: „Achtung, in Fahrtrichtung rechts... Wer aussteigen will, sollte sich ganz fix auf den Weg Richtung Ausgang machen!“ Koffer wurden weiter gereicht, Entschuldigungen ausgesprochen, Mitreisende beruhigt. Ein aussteigender Mann erntete Gelächter, als er rief: „Man sollte die Reise in vollen Zügen genießen!“

Endlich auf dem Hindenburgdamm

Na klar: Noch mehr als zwei Stunden Fahrt, Durst, eine unerreichbare Toilette und ein schmerzender Rücken aufgrund der starren Position... Eine Station weiter stieg eine junge Frau ein und rief grinsend: „Oh! Heute ist hier ja richtig Platz!“ Lauter erschöpfte Menschen schauten sie an, als sei sie nicht ganz bei Trost. „Im Ernst“, fügte sie hinzu. „Bei meiner letzten Fahrt konnte man die Arme nur gepresst an den Körper halten.“

Irgendwann kam er dann, der Hindenburgdamm! Ein Glücksgefühl machte sich in mir breit. Als mein Sohn uns am Bahnhof abholte, rief ich inbrünstig: „Es ist soo toll, in Westerland zu sein! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!“ Prüfend sah er mich von der Seite an: „Alles okay bei dir?“ Ich atmete die frische Luft ein und nickte: „Jetzt ja.“  

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