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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 06:05 Uhr

Alte Menschen auf Sylt : Johanniter: Pflege wird deutlich teurer

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mehraufwand für neue Pflegefachkräfte schlägt sich in höheren Kosten für die Bewohner nieder. Aufschläge bis zu 20 Prozent.

Die Bauarbeiten schreiten voran, neues Personal wurde eingestellt – doch nun kommen schlechte Nachrichten von den Johannitern: Die Pflegesätze schnellen in die Höhe, die Plätze in der stationären Pflege werden deutlich teurer. Im Sozialausschuss der Gemeinde Sylt mussten sich Geschäftsführer Voedisch und Heimleiter Merckens herbe Kritik anhören.

Wie unsere Zeitung erfuhr, soll der monatliche Beitrag für Bewohner des Johanniter-Hauses in der Steinmannstraße in einem Fall mit Pflegestufe 2 von 1913 auf 2280 Euro steigen. Insider kritisierten „unmögliche Pflegezustände“, weil zu wenig Personal zur Verfügung steht.

In seinem Bericht vor dem Sozialausschuss bestätigte Johanniter-Geschäftsführer Herbert Voedisch, dass mit den Pflegekassen neue Pflegesätze vereinbart worden seien. Ursache seien die „exorbitant gestiegenen“ Personalkosten. Die Johanniter zahlten 15 Prozent über Tariflohn, um Mitarbeiter auf die Insel zu bekommen. Das führe unausweichlich zu höheren Pflegesätzen, im Einzelfall um 20 Prozent. Bei den Verhandlungen über die Pflegesätze hätten die Kostenträger Einsicht in die Arbeitsverträge genommen.

Dennoch sei die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern nach wie vor schwierig. Zum 1. November würden weitere Mitarbeiter eingestellt, damit stabilisiere sich die Situation im Wenningstedter Weg. Der Anteil der Pflegefachkräfte erreiche mit aktuell 47 Prozent fast die geforderte Fünfzig-Prozent-Quote. Aber: „Bei der Pflegequalität sind wir weiterhin damit befasst, bestimmte Prozesse noch zu stabilisieren,“ formulierte es der Geschäftsführer. „Dabei unterstützt uns eine Schleswiger Firma, die Pflegeeinrichtungen berät.“

Allerdings würden nun nach Absprache mit der Heimaufsicht beim Kreis wieder neue Bewohner im Pflegeheim aufgenommen. Während die Prognosen für Sylt einen Bedarf von 140 Betten ergeben hätten, seien die 75 Betten der Johanniter im Wenningstedter Weg derzeit nicht ausgelastet: Sechs Plätze sind frei.

„Wir hätten gern vorher von den Preiserhöhungen erfahren,“ kritisierte Gemeindevertreter Hicham Lemssiah. „Für uns als Gemeinde, die mit ihnen zusammenarbeiten möchte, ist es sehr wichtig, solche Entscheidungen zu kennen.“ Die Gemeinde als Eigentümer der beiden Johanniter-Gebäude habe stets vermeiden wollen, dass Mitbürger im Alter auf das Festland umziehen müssen. „Nun müssen sie aufs Festland gehen, – nicht, weil die Pflegeplätze Mangelware sind, sondern weil sie zu teuer sind – und das ist empörend.“ Er sei schockiert, dass hier ein Anbieter seine Monopolstellung missbrauche.

Voedisch wurde deutlich: „Als wir vor vier Monaten hier zusammengesessen haben, hieß es, ich soll mal anständige Löhne zahlen.“ Forderungen von 5000 Euro Monatsgehalt für eine Pflegekraft seien laut geworden. „Das ist nun die Konsequenz daraus.“ Der Johanniter-Chef bat um Verständnis dafür, dass eine Information darüber vor den Pflegesatzverhandlungen nicht möglich gewesen sei. Marcus Kopplin vom Kommunalen Liegenschaftsmanagement pflichtete ihm bei: „Natürlich ist die Erhöhung ärgerlich.“ Die Gemeinde sei aber nur Vermieter der Immobilie, sie habe keinen Betreibervertrag. „Die Preise sind Sache des Betreibers.“

Auch SPD-Fraktionschef Gerd Nielsen fand moderate Töne: Die Situation im Johanniter-Haus im Wenningstedter Wege habe sich verbessert. „Es gab im Sommer schlimme Verhältnisse.“ Die Situation sei „immer noch nicht top, aber wir sollten nicht jedes Thema dramatisieren, sondern konstruktiv damit umgehen.“ Im Juni hatte die SPD-Fraktion beantragt, dass sich die Gemeinde von den Johannitern löst, wenn bis zum Jahresende keine Besserung eintritt. „Nun bin ich überzeugt, dass die Bilanz am Jahresende nicht so aussehen wird, dass wir selber ein Heim betreiben.“

Hicham Lemssiah wollte von Voedisch wissen, ob nun die Pflegeheim-Bewohner, die ihr Heim in der Steinmannstraße räumen mussten, vom Festland nach Sylt zurückkehren können, oder ob die Kostenträger die höheren Pflegesätze auf der Insel ablehnen. „Das Rückkehr-Angebot ist nicht angenommen worden,“ beschied ihm der Johanniter-Geschäftsführer.

Wie weit die Umbaumaßnahmen im Johanniter-Altenzentrum in der Steinmannstraße gediehen sind, steuerte KLM-Chef Kopplin bei. Dort werden Räumlichkeiten für zwei Wohnpflegegruppen, die Tagespflege und eine Kurzzeitpflege eingerichtet. Die Arbeiten seien zu etwa 90 Prozent abgeschlossen. Jetzt kommen noch neue Küchen für die Wohnpflegegruppen und ein neuer Bodenbelag für die Gemeinschaftsräume hinzu. Die „Krankenhausbeleuchtung“ in den ehemaligen Pflegezimmern werde durch LED-Lampen ersetzt.

Parallel läuft der Umbau von stationären Pflegeplätzen zu zwölf Seniorenwohnungen, allesamt Zweizimmerwohnungen. „Da sind wir leider auch nicht so weit, wie wir eigentlich sein wollten.“ Kopplin rechnet aber für Ende November mit der Fertigstellung. Interessenten sollten sich beim KLM-Mieterservice melden, könnten sich die Wohnungen im Dezember anschauen und zum 1. Februar einziehen.

Dritter Teil der Umbaumaßnahme sind die Sanierung der Trinkwasserleitungen und die Umstellung der Heizungsanlage auf Gasbetrieb. „Wir müssen durch alle Wohnungen durch.“ Kopplin richtete einen herzlichen Dank an die Bewohner für deren Entgegenkommen und lobte „eine ganz tolle Hausgemeinschaft“. Eineinhalb Millionen Euro investiere das KLM in das Altenzentrum. Die Arbeiten lägen vier Wochen hinter dem Zeitplan, doch „so ein Umbau birgt viele Überraschungen.“ Alle Projekte sollten zum Jahresende abgeschlossen sein. Dabei klappe die Zusammenarbeit mit den Johannitern hervorragend.

Derweil suchen die Johanniter allerdings noch nach Fachkräften – für die Tagespflege mit zunächst 15 Plätzen ebenso wie für den noch zu gründenden ambulanten Dienst. Einen verbindlichen Starttermin wollte Voedisch nach seinen Erfahrungen im Wenningstedter Weg nicht mehr nennen, nur soviel: „Wir sind dabei.“

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