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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 21:39 Uhr

Interview : „Ich möchte nicht rundherum zufrieden sein“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy über Männer, Humor, Selbstzweifel und die überraschenden Erfahrungen, die sie als Kurzzeit-Blondine machte.

An einem der wenigen hochsommerlichen Tage in Hamburg treffen wir Ildikó von Kürthy zum Interview in einem Café in Eppendorf. Gerade ist sie aus dem Urlaub zurückgekehrt. Die 48-Jährige ist Bestsellerautorin, hat mittlerweile acht Bücher geschrieben, die in 30 Sprachen übersetzt wurden.

Sie bestellt Apfelschorle und ein Croissant. Croissant? Fett und Zucker hatte sie doch im Selbstversuch für ihren aktuellen Roman aus ihrem Leben verbannt! „Alles wieder in meinem Leben, herrlich“, sagt sie und genießt. So kennen sie Millionen von Frauen, die ihre Bücher lesen.

Frau von Kürthy, mehr als fünf Millionen verkaufte Bücher in 30 Sprachen seit 1999 und fast jedes Buch ein Bestseller. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Ildiko von Kürthy: Ich versuche, ihn mir nicht zu erklären, denn schon das Nachdenken darüber könnte zum Misserfolg führen. Ich glaube, meine Bücher sprechen viele Frauen an, weil sie sich darin wiederfinden. Meine Ängste, meine Emotionen, mein Empfinden sind im besten Sinne so durchschnittlich, dass ich viel mit vielen Frauen gemein habe.

Ihre Romanfiguren sind bei aller selbst empfundenen Unzulänglichkeit auch selbstironisch. Sind Sie im wahren Leben auch so souverän?
Ohne Ironie und Humor wird man zum Zombie. Wer nicht über sich selbst lachen kann, darf auch nicht über andere lachen. Man darf sich nicht von oben herab über schlechten Geschmack und schlecht sitzende Haare lustig machen. Man muss schon im selben Boot sitzen.

Ihr Vater war blind und so mussten Sie sehr früh mit Sprache Bilder entwerfen. Wie wichtig war das für Ihren Beruf als Schriftstellerin und Journalistin?
Ich bilde mir ein, dass es sehr wichtig war, weil Sprache das einzige Medium zur Verständigung mit meinem Vater war. Ich musste immer beschreiben, was ich sehe. Ich weiß nicht, wie ich mich entwickelt hätte, wenn mein Vater hätte sehen können. Es hat mich beeinflusst, aber natürlich auch beeinträchtigt. Es ist ja nicht schön, einen blinden Vater zu haben.

In Ihrem aktuellen Roman „Neuland“ setzen Sie zur großen Selbstoptimierung mit „schlanker, schöner, schicker“ an. Wie kamen Sie darauf?
Ich kenne keine Frau zwischen 45 und 55, die rundherum zufrieden ist und bis zum Lebensende nichts mehr verändern möchte. Im Gegenteil: Viele Frauen sind an einem Punkt angelangt, an dem sie sich fragen, ob jetzt noch etwas kommt oder das alles war. Dann beginnen sie, zu experimentieren und fangen an herum zu mäkeln, an ihrem Partner, an sich selbst. Dann machen sie seltsame Sachen. Einige von diesen Dingen wollte ich selbst ausprobieren. So ist das Jahr der Ich-Suche und das Buch ”Neuland“ entstanden.

Auf die Spitze treiben Sie es mit der Selbstoptimierung, indem Sie mit Hilfe von Extensions in endlosen Stunden beim Friseur zur klassischen Blondine werden. Sie brachen dann das Experiment vorzeitig ab. Was war denn so schlimm?
Schlimm waren auch das Schweigekloster oder die Nacht in der Wildnis. Aber die Verwandlung in eine Blondine war für mich unvermutet schlimm. Ich hatte gedacht: Es muss doch schön sein, schön zu sein. Mir war vorher nicht klar, wie beschwerlich und unangenehm es ist, etwas auszustrahlen, das man nicht ist. Und dabei einer Gruppe zugeordnet zu werden, zu der man unter keinen Umständen gehören möchte. Das war mir richtig unangenehm. Ich mochte nicht mehr in den Spiegel gucken. Und dass sich plötzlich Männer für mich interessierten, die sonst keine Notiz von mir nahmen, bedeutete mir nichts. Ich brauche nur einen, der mich sieht. – und zwar einen, der mir gefällt.

Wer hat mehr Humor? Frauen oder Männer?
Es gibt nicht so viele lustige Frauen, weil sie, glaube ich, Hemmungen haben. Um über sich selbst lachen können, darf man sich selbst nicht so ernst nehmen. Männer sind freier mit sich und ihren Macken. Und gnädiger. Humor kann gnadenlos sein, aber man muss sich selbst gegenüber gnädig sein, um sich darüber lustig machen zu können und es nicht verstecken zu wollen.
Am Ende des Buches kommen Sie zu dem Schluss, dass es doch am besten und erfolgreichsten ist, man selbst zu bleiben mit Schwächen. Glauben Sie das wirklich?
Nein, das glaube ich nicht. Ich schreibe ja auch, dass man bloß nicht immer authentisch sein soll. Es wäre ja schrecklich, wenn sich jeder immer so benehmen würde, wie ihm gerade zumute ist. Und ich möchte auch nicht so bleiben, wie ich bin.

Sondern?
Ich möchte aufhören zu rauchen, nächstes Jahr möchte ich wieder mehr auf meine Gesundheit achten. Ich möchte mich immer verändern, im besten Fall im Rahmen des Möglichen besser werden. An Runderneuerung habe ich noch nie geglaubt.

Das heißt, die Unzufriedenheit mit sich selbst hört tatsächlich nie auf?
Ich möchte nicht rundum zufrieden sein! Das klingt für mich nach Stillstand. Ich möchte lernen und Dinge ausprobieren.

Sie rauchen. Ein Laster?
Ja. Am 1. August habe ich wieder angefangen und am 18. September höre ich wieder auf. Weiterrauchen ist keine Option, da ich so viel rauche. Aber im Sommer zu rauchen liebe ich. Ich bin kein maßvoller Mensch. Ich rauche eine Packung und trinke eine Flasche. Niemals Schorle. Das durchgängig Gemäßigte, das Maßhalten bekomme ich nicht hin. Entweder Fressen oder Fasten. Ich mag Extreme.

Beneiden Sie Frauen, die sehr konsequent etwas verfolgen, etwa eine Ernährungsumstellung geschafft haben?
Ich möchte nicht jemand sein, der sich sein ganzes Leben lang ernährt. Ich möchte genießen und das Sahneschnitzel nicht missen, wenn es mich glücklich macht. Nein, ich beneide konsequente Frauen nicht, weil ich mein unperfektes Leben als reicher empfinde. Ich kann mich immer wieder neu entscheiden und kann mich mit anderen verbünden, die auch ihre Laster, ihre Angst und Pein haben. Ich mag das. Und Frauen, die keine Nudeln mehr essen, zahlen einen auch einen Preis. Es kommt bloß darauf an, welchen Preis man zu zahlen bereit ist.

Sind ständige Selbstzweifel eigentlich typisch weiblich?
Ja, aber ich empfinde das nicht als Fehler, sondern als Motor. Mir sind Menschen unheimlich, die nicht an sich zweifeln. Das ist doch gar nicht wünschenswert. Ich mag es, mit sich und der Welt zu hadern.

Sind Sie froh, zwei Jungs zu haben, weil sie es im Leben leichter haben als Mädchen?
Nein. Ich finde es für Jungs schwierig, ihren Platz zu finden. Frauen sind im Moment das angesagtere Geschlecht. Sie emanzipieren sich, kämpfen und wollen mehr. Mein Eindruck ist, dass Männer zurzeit eher hinterherhinken.
Und wo hapert es am meisten bei der Emanzipation?
An der sehr altmodischen Gesellschaftsstruktur. Die Arbeitswelt ist immer noch auf einen Singlemann oder einen Alleinverdiener ausgerichtet. Gleichberechtigung würde es erst geben, wenn ein Chef bei einem Mann genauso wie bei einer Mitarbeiterin fürchten müsste, dass er wegen eines Kindes die Arbeitszeiten reduzieren könnte.

In diesem Jahr haben sie Ihr erstes Theaterstück geschrieben, dass im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater uraufgeführt wurde. Wie war es für Sie, plötzlich Ihre Figuren auf der Bühne zu sehen?
Als ich diese Phantasie-Gestalten zum ersten Mal auf der Theaterbühne gesehen habe, musste ich heulen. Es war ergreifend zu sehen, wie meine Worte vom Papier plötzlich auf der Bühne lebendig und zu Fleisch und Blut werden. Eine fantastische Erfahrung.

Was haben Sie beruflich als nächstes vor?
Ich arbeite an einem neuen Theaterstück. Mehr kann ich noch nicht verraten. Ein neues Buch- oder Theaterprojekt ist für mich immer wie eine Schwangerschaft und ich habe bislang nur das erste Ultraschallbild gesehen. Die Personen, die ich mir ausgedacht habe, werden gerade erst lebendig. Es geht um zwei Frauen, um Selbstständigkeit und Freiheit.


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erstellt am 26.Sep.2016 | 11:05 Uhr

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