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Sylter Rundschau

05. Dezember 2016 | 09:38 Uhr

Offener Brief von Petra Reiber : „Ich mache mir Sorgen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die ehemalige Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt appelliert an die Sylter Bürger, sich für einen Erhalt der Halle 28 einzusetzen.

Liebe Sylterinnen und Sylter,

Bevölkerungsschutz und Gefahrenabwehr hatten auf Sylt schon immer oberste Priorität und müssen es vor dem Hintergrund der Insellage und der Sturmfluten auch in Zukunft haben. Neben Katastrophenfällen, für die der Landrat zuständig ist, zum Beispiel bei einer drohenden Überflutung der Insel, gibt es Großschadenslagen, bei denen die Gemeinde mit ihrer Feuerwehr, dem Rettungsdienst, Polizei und weiteren Hilfsorganisationen auf sich selbst gestellt ist. Solche Großschadenslagen liegen vor, wenn ein großer, aber einzugrenzender Personenkreis in Gefahr gerät. Ein Beispiel hierfür war der Großbrand im Klappholtal vor sechs Jahren, bei dem über 400 Menschen evakuiert werden mussten. Oder die Sturmschäden am Gebäude der Mutter-Kind-Klinik, wo ebenfalls die Patienten in großer Zahl anderweitig untergebracht werden mussten. Ich kann mich noch erinnern an den nächtlichen Brand im Hochhaus der Danziger Straße 4, als mitten aus dem Schlaf gerissen, die Bewohner wegen Rauchvergiftung aus ihren Betten heraus in Bussen abtransportiert werden mussten. In all diesen Fällen habe ich mich als damalige Bürgermeisterin hundertprozentig auf Feuerwehr, Ordnungsamt, DRK und Polizei verlassen können. Je nach Anzahl der gefährdeten Personen haben Ordnungsamt und DRK die Menschen in Hotels, gemeinnützigen Institutionen oder in der Halle 28 untergebracht. Wir wussten, dass wir mit noch so großen Schadensereignissen professionell umgehen können, weil wir die Halle 28 hatten. Dort war jegliches Evakuierungs- und Katastrophenschutzmaterial gelagert. Die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfer von DRK, Ordnungsamt und Feuerwehr waren ein eingespieltes Team, wenn es beispielsweise darum ging, mehreren Hundert Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Essen und Trinken, Betten, Schlafutensilien, Waschgelegenheit, Spielzeug für die Kinder und vieles mehr innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung zu stellen. Menschen, die urplötzlich ihr Zuhause verlassen müssen und nicht wissen, wann sie wieder zurückkehren dürfen, sind schockiert, hilflos und dankbar für Zuwendung, vor allem aber zeitnahe Informationen. Auch das haben die Helferinnen und Helfer vom DRK leisten können, weil alle zu Evakuierenden zentral, nämlich in der Halle 28, untergebracht waren. Hätte die Halle 28 nicht existiert, wäre eine dezentrale Unterbringung in Betracht zu ziehen gewesen, beispielsweise in Sporthallen der Schulen. Eine angemessene Versorgung hätte jedoch nicht stattfinden können, weil bei dezentraler Evakuierung viele Transportfahrten – zum Beispiel Betten von einem Lager zu den Sporthallen – für die Gebrauchsgüter des täglichen Lebens erforderlich gewesen wären. Viele Transportwege bedeuten mehr Fahrzeuge und mehr Personal. Dieses war und ist nicht vorhanden. Die zu evakuierenden Menschen wären viel auf sich allein gestellt gewesen. Sie können sich sicher vorstellen, was dies in solch einer Ausnahmesituation und bei großen Menschenansammlungen bedeutet.

Anders bei der zentralen Evakuierung in der Halle 28. Die Gemeinde Sylt und ihre Fachdienste haben damals bei der Großbrandserie viel Lob von übergeordneten Fachämtern und den überregionalen Medien für die erfolgreiche und effektive Gefahrenabwehr und die menschenwürdige Evakuierung erhalten. All das hätten wir ohne die Halle 28 nicht leisten können.

Liebe Sylterinnen und Sylter, ich stimme mit vielen von Ihnen darin überein, dass die Halle 28 nicht schön ist. Für die Entwicklung der Natur wäre es sowieso besser, sie abzureißen. Aber es gibt derzeit für den Bevölkerungsschutz keine Alternative. Schon in meiner Amtszeit haben wir nach Alternativstandorten gesucht, aber keine im Gemeindegebiet gefunden, die auch nur annähernd von der Lage, Erreichbarkeit und Größe mit der Halle 28 vergleichbar gewesen wären.

Dass der Kreis Nordfriesland der Gemeinde neuerdings die Nutzung der Halle 28 untersagt, ist das Ergebnis eines Prozesses, der bei richtiger Prioritätensetzung hätte verhindert werden können. Die Gefahrenabwehr liegt nach dem Gesetz allein in der Verantwortung des Bürgermeisters. In Erfüllung dieser Verantwortung sollte die Politik ihn unterstützen, indem sie die zur Bewältigung der Gefahrenabwehr notwendigen Haushaltsmittel zur Verfügung stellt. Wenn der Bevölkerungsschutz noch oberste Priorität hat, dann dürfte einer Instandsetzung der Halle nach den neuen Brandschutzvorschriften eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Aber schon allein der Wille scheint zu fehlen.

Wegen der Nutzungsuntersagung, die sich auch an das DRK richtet, müssen die Evakuierungs- und Katastrophenschutzmittel des DRK anderweitig untergebracht werden. Dies wird sich eindeutig nachteilig auf den Einsatz des DRK im Katastrophenfall oder Großschadenslagen auswirken. Als Vorstandsmitglied des DRK und als ehemalige Bürgermeisterin mache ich mir deshalb Sorgen um die Zukunft der Insel, besonders aber um die reibungslose Bewältigung von Großschadensereignissen.

Liebe Sylterinnen und Sylter, lassen Sie es in ihrem eigenen Interesse nicht so weit kommen. Nutzen Sie die Möglichkeiten, die Ihnen als Bürger zur Verfügung stehen, um die Gemeinde Sylt zu einer Erhaltung der Halle 28 zu bewegen.

Ihre Petra Reiber

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erstellt am 08.Jun.2016 | 05:25 Uhr

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