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Sylter Rundschau

20. April 2014 | 00:06 Uhr

Susanne Gaschke - "Ich bin sehr viel milder geworden"

vom

"Zeit"-Redakteurin Susanne Gaschke bewirbt sich um das Amt der Oberbürgermeisterin in Kiel. Im Interview spricht sie über den Wechsel vom Journalismus in die Politik.

Kiel | Vor der eigentlichen Wahl muss sich Susanne Gaschke (45) am Sonnabend in einer Mitgliederversammlung der Kieler SPD parteiintern gegen drei andere Kandidaten durchsetzen. Gaschke, die mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels verheiratet ist, spricht im Interview über ihren Perspektivenwechsel und die Erfahrungen mit dem SPD-internen Vorentscheid zur Oberbürgermeister-Wahl.
Frau Gaschke, wie hat Ihnen die Castingshow für die SPD-Kandidaten zur Wahl des Kieler Oberbürgermeisters gefallen?
Es war ein komplexer Prozess. Ich habe seit zwei Wochen jeden Tag mit einer anderen Gruppe gesprochen. Die Senioren wollten mich kennen lernen, die Jusos und die Ortsvereine auch. Dann gibt es noch die großen Veranstaltungen, wo sich alle Kandidaten vorstellen.
Das klingt anstrengend.
Gerade die großen Runden mit allen Kandidaten sind sehr anstrengend. Sie machen Spaß, aber man steht natürlich auch mit seiner ganzen Persönlichkeit und Vita auf dem Prüfstand. Und am Ende sitzen, wie in der letzten Runde, 250 Schiedsrichter vor einem. Für einen Journalisten ist das sehr lehrreich, weil es ein radikaler Perspektivwechsel ist.
Ihr persönliches Fazit dieser Runden?
Ich glaube schon, dass ich das Publikum überzeugen konnte, es wurde geklatscht und hinterher auch diskutiert. Was ich als schmerzlich und blöd empfand, war zum Teil die Art wie gefragt wurde. Das hatte so einen Talkshow-Charakter: Wer ist schlagfertig, wer gibt die lustigste Antwort oder windet sich am besten raus. Das war kein ernsthaftes politisches Gespräch.
Aber bedingt nicht die Art des Auswahlverfahrens diese Oberflächlichkeit?
Ich habe da auch keine wirkliche Lösung, aber wir reden über eine Stadt mit enormen sozialen und enormen Haushaltsproblemen. Dass es da mehr um die Kandidaten-Präsentation als um Inhalte geht - das ist schon ein bisschen frustrierend.
Und am Ende ist man nur SPD-Kandidat und muss wieder in den Wahlkampf.
Aber die Entscheidung in der Partei ist schlimmer als die draußen bei der eigentlichen Wahl.
Als schlimm haben Sie vor Ihrer Kandidatur in einem "Zeit"-Artikel auch den Zustand der SPD im Land beschrieben, ihr fehlende Beweglichkeit und intellektuelle Armut unterstellt und die Partei "einen irren Verein" genannt. Beliebt macht man sich damit nicht…
Die Kieler Partei ist anders. Viele teilen meine kritische Sicht des Landesverbandes. Und die Überschrift "Ein irrer Verein" haben Kollegen gemacht.
Trotzdem: Würden Sie die Kritik an der Landespartei wieder so formulieren?
Ich glaube schon. Das war meine Meinung. Die Frage ist natürlich, ob das in der Kandidatenrolle taktisch besonders klug wäre. Ich würde vielleicht andere Worte wählen, aber inhaltlich stehe ich zu der Aussage, dass ich etwa Ralf Stegner für einen klugen Kopf halte, mit dem die Partei kaum je eine Wahl gewinnen wird - weil die Menschen ihn nicht mögen.
Gibt es in der "Zeit"-Redaktion Themen, die Sie jetzt nicht mehr übernehmen?
Wir haben grundsätzlich eine Absprache, dass ich nichts über die SPD in Schleswig-Holstein schreibe und wenn, dann nur in sehr allgemeiner und distanzierter Form.
Das ist ja mit dem besagten Text weniger gelungen.
Das ist in dem Fall gar nicht gelungen, das muss man ehrlich sagen.
Wie haben eigentlich die Kollegen in der Hamburger "Zeit"-Redaktion auf Ihre Kandidatur reagiert?
Sehr positiv. Das liegt auch daran, dass wir diese Tradition haben. Wir haben Helmut Schmidt Sehr positiv. Das liegt auch daran, dass wir diese Tradition haben. Wir haben Helmut Schmidt an der Spitze und es sind immer wieder Leute hin und her gewechselt…
Aber der Wechsel zwischen Politik und Journalismus wird oft kritisch gesehen.
Nein, wirklich, bis jetzt habe ich da noch nichts Negatives gehört. Es stimmt allerdings, dass sich immer weniger Journalisten vorstellen können, in einer Partei zu sein. Ich persönlich finde das sehr schade, denn diese vermeintliche Neutralität des Journalisten ist doch Unfug. Auch Journalisten haben ihre Werte und Prägungen und ordnen ihr Material nach ihren Überzeugungen.
Wenn das im Stillen geschieht, machen sich Journalisten weniger angreifbar.
Ich persönlich habe bei mir den Effekt beobachtet, eher kritischer über die eigenen Leute zu schreiben, weil ich die besser kenne. Ich habe schon oft freundlicher über die CDU als über die SPD geschrieben.
Gesetzt den Fall, Sie gewinnen die Wahl. Dann stünden Sie als Oberbürgermeisterin den ehemaligen Kollegen gegenüber. Ist das nicht eine komische Konstellation?
Die Erfahrungen mache ich jetzt schon, gerade weil ich bei den "Kieler Nachrichten" volontiert habe. Da spielen dann plötzlich ganz andere Dinge in der Berichterstattung eine Rolle, etwa, ob man sich damals gemocht hat oder nicht.
Ärgern Sie sich darüber oder können Sie das nachvollziehen?
Das ist zumindest eine neue Perspektive für mich. In der kritischen Rückschau auf meine eigene Arbeit muss ich wohl zugeben, dass es bei mir nicht anders ist. Es gibt wahrscheinlich Menschen, die es schwer mit mir hatten und welche, für die es besser lief.
Falls es für Sie nicht gut läuft und Sie morgen nicht als SPD-Kandidatin für das Oberbürgermeister-Amt nominiert werden,…
...dann bin einen halben Tag wütend und enttäuscht. Am Montag sitze ich dann wieder in der "Zeit"-Redaktion.
Und wären künftig milder in der Beurteilung politischer Vorgänge.
Ganz bestimmt. Ich bin jetzt schon sehr viel milder geworden.

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von Martin Schulte
erstellt am 11.Aug.2012 | 02:29 Uhr

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