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Sylter Rundschau

07. Dezember 2016 | 17:20 Uhr

Sylter Werkstätten : Für die Menschen, nicht fürs Geld

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Sylter Werkstätten ebnen Behinderten den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt.

Von den Sylter Werkstätten werden derzeit drei Menschen mit Behinderungen begleitet, die in so genannten Außenarbeitsplätzen tätig sind. Hinzu kommen vier Personen, die Erprobungspraktika in verschiedenen Berufen – zum Beispiel als Tischler oder Friedhofsgärtner – bei unterschiedlichen Firmen oder gesellschaftlichen Institutionen auf Sylt absolvieren. „Das ist für unsere Insel relativ viel, damit sind wir gut aufgestellt“, betont Michael Pade, der Betriebsleiter der Sylter Werkstätten, zur aktuellen Diskussion über die mangelnde Integration von Behinderten auf dem ersten Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein (wir berichteten).

Ein Mann arbeite im Verkauf eines großen Bau- und Handwerkermarktes, eine Frau in einer Pflegeeinrichtung und ein weiterer Mann, der von den Werkstätten seit anderthalb Jahren intensiv betreut wird, sei bei Remondis beschäftigt. „Seine Ausbildungsfähigkeit konnte so weit hergestellt werden, dass er jetzt eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer bei dem Unternehmen macht“, freut sich der Leiter der Sylter Werkstätten. „Die Zusammenarbeit mit Betrieben der Insel läuft sehr zufriedenstellend.“ Das zeige auch die Kooperation mit dem Dorfhotel in Rantum: Dort hat eine junge Frau, die wegen psychischer Erkrankung vom Reha-Bereich der Sylter Werkstätten betreut wurde, erfolgreich ein zweijähriges Praktikum sowie ihre Ausbildung zur EDV-Fachkraft absolviert. Grundsätzlich hält Pade die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zur besseren Integration für berechtigt: „Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren in der Behindertenarbeit tätig und genauso lange versuchen wir, da immer wieder Änderungen hinzukriegen.“ Allerdings sei auch festzustellen, dass es nicht viele Länder auf der Welt gäbe, in denen behinderte Menschen so gut betreut würden wie in Deutschland. Das für 2017 von der Bundesregierung geplante Teilhabegesetz jedoch wäre ein „reines Spargesetz“, das den Weg in die Berufstätigkeit nicht etwa einfacher mache, sondern ganz im Gegenteil deutlich erschwere. „Vor allem für psychisch Kranke ist das Gesetz eine einzige Katastrophe“, so der Leiter der Sylter Werkstätten. „Dabei sollte es doch in erster Linie um die Menschen gehen, nicht um die Finanzen.“ Wie ein gutes System kaputt gemacht würde, wenn es nur noch um’s Geld gehe, zeige das Ende des Jugendaufbauwerkes (JAW) in Hörnum.

Dass die Insel bei der beruflichen Integration von Behinderten vergleichsweise gut dastehe, läge an der reibungslosen Zusammenarbeit der Sylter Arbeitsassistenz mit dem Integrationsfachdienst des Kreises Nordfriesland, sei aber insbesondere dem „Sozialraumprojekt“ zu verdanken, das noch bis Ende kommenden Jahres läuft, sagt Pade. In diesem bisher landesweit einmaligen Modellprojekt der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen wurden in Nordfriesland drei Sozialräume gebildet: Nord mit Sylt, Föhr, Amrum und Südtondern, Mitte mit den Ämtern Mittleres Nordfriesland und Viöl sowie der Gemeinde Reußenköge sowie Süd mit Eiderstedt, Tönning, Friedrichstadt, Nordsee-Treene, Husum und Pellworm. Es sieht passgenaue Hilfen vor, damit Behinderte ein selbstbestimmtes Leben führen können und ihnen im Sinne der UN-Konvention eine Teilhabe in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens ermöglicht wird. Dabei arbeitet der Kreis mit insgesamt zwölf Wohlfahrtsverbänden und deren Einrichtungen, die eigene Budgets erhalten, zusammen. „Damit wurde ein langfristiges Konzept für den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt entwickelt, dass eine sehr intensive Begleitung der Betroffenen gewährleistet“, so Pade. Es gehe darum, die Arbeit an den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Die Behinderteneinrichtungen der Diakonie auf Sylt und in Husum, aber auch die Mürwiker Werkstätten in Flensburg hätten viele Möglichkeiten für Menschen geschaffen, die bisher durch die Raster gefallen oder sonst schlicht auf der Straße gelandet wären.

Sorgen um den Erhalt der Sylter Werkstätten macht sich Michael Pade nicht: „Wir sind ja ein offenes Haus, das durch attraktive Aktivitäten wie das Lichterfest oder die aktuelle Fotoausstellung Begegnungen mit Behinderten ermöglicht und damit viele Bürger ganz direkt erreicht.“


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erstellt am 08.Nov.2016 | 05:41 Uhr

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