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Sylter Rundschau

02. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Interview mit Sebastian Küchler-Blessing : „Frau Musica ist eine eifersüchtige Frau“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am Freitag konzertiert der junge Essener Dom-Organist zum 11. Mal beim Keitumer Sommerkonzert.

Salzige Luft, eine Sagen umwobene alte Seefahrerkirche, der erfrischende Esprit des Sylter Sommers und die Rising Stars der Deutschen Klassik – diese außergewöhnliche Komposition macht die Einzigartigkeit des Sommerkonzertes der Deutschen Stiftung Musikleben aus. Immer Ende Juli machen sich bekannte Förderer und Klassikfans wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Moderator Günther Jauch oder Unternehmer wie Michael Otto und Hendrik Hertz auf den Weg nach Sylt, um sich diesen Kulturgenuss nicht entgehen zu lassen. Die hoch begabten Stipendiaten sind jedes Jahr andere, jedes Mal spielt ein einmaliges Ensemble aus Streichern, Bläsern und anderen Solisten. „Jedes Jahr wird Tradition, wird Musik aus mehreren Jahrhunderten ganz neu und überraschend inszeniert“, sagt Keitums Pastorin Susanne Zingel. Neben Irene Schulte-Hillen, Stiftungs-Präsidentin und Moderatorin des Abends, gibt es eine weitere feste Größe. Ohne den noch immer jungen Organisten Sebastian Küchler-Blessing ist für viele ein Sommerkonzert nicht mehr denkbar. Auch beim 16. Konzert am Freitag, 29. Juli, ab 18 Uhr will er das Publikum mit seinen Interpretationen an der imposanten Mühleisen-Orgel begeistern – zum elften Mal in Folge. Auch als mittlerweile angesehener Profi-Musiker möchte er sich dieses Erlebnis zusammen mit jungen Klassik-Talenten nicht nehmen lassen. Denn: „Dieses Konzert ist mehr als ein Geschenk – es ist die reinste Motivation.“

Lieber Sebastian Küchler-Blessing, seit wann sitzen Sie an der Orgel, wann waren Sie das erste Mal auf Sylt? Welche Erinnerungen haben Sie an beide Ereignisse?
Meine Liebe zur Orgel habe ich im Alter von zweieinhalb Jahren entdeckt. Damals setzte mich der damalige Rottweiler Münsterorganist im Gottesdienst neben sich an den Spieltisch der großen Klais-Orgel, und von da an war klar: Das und nichts anderes möchte ich machen. Von da an habe ich auf dieses Ziel, Organist zu werden und selbst einmal diese herrlichen Instrumente zum Klingen zu bringen, hingestrebt. Zum ersten Mal auf Sylt war ich 2005 – anlässlich des Sommerkonzerts der Deutschen Stiftung Musikleben. Auf der CD, die ich ein Jahr zuvor als Mitschnitt des Sommerkonzerts zu Weihnachten bekommen habe, waren in Bildern St. Severin, das Publikum, die Atmosphäre und Insel so gut eingefangen, dass ich mir gesagt habe: Da möchtest du unbedingt einmal spielen – ein knappes halbes Jahr später kam die Einladung.


Zum elften Mal wirken Sie in diesem Jahr beim Sommerkonzert mit. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Auftritt?
Sehr viele, sehr vielfältige – das Publikum beim Konzert ist ein sehr besonderes. Durch Gespräche nach dem Konzert haben sich einige gute Freundschaften entwickelt. Aus einer ergab sich vor zwei Jahren, dass ich in Essen die Wohnung gefunden habe, in der ich nun lebe. So etwas ist einfach Sylt, das ist für mich das Sommerkonzert.


Was macht für Sie die besondere Faszination und Stimmung des Sylter Sommerkonzertes aus?
Alles. Ich antworte einmal in Schlagworten: St. Severin, die Nähe zu einem besonderen Publikum – selten einmal spielt man mit nur anderthalb, zwei Meter Abstand zu den Zuhörern. Dazu das vielfältige Programm, die Atmosphäre der Insel: Gerade in dieser letzten Juliwoche, in der ich in zehn Jahren eigentlich nie schlechtes Wetter erlebt habe.


Wie ist die Deutsche Stiftung Musikleben auf Sie aufmerksam geworden und was zählte alles zur Förderung?
Bundespreisträger von „Jugend musiziert“, die die höchste Punktzahl des jeweiligen Instrumentes erringen, werden mit einem Sonderpreis der Stiftung ausgezeichnet. Das geschah 2003 an der Orgel, da kamen wir zum ersten Mal in Kontakt. Als ich dann auch 2005 in der Solowertung Klavier die Höchstpunktzahl errungen hatte, kamen wir nach dem Preisträgerkonzert ins Gespräch, und Ende Juli spielte ich dann zum ersten Mal auf Sylt. Zur Förderung zählen Konzerte – sowohl „stiftungseigene“ wie auf Sylt als auch Konzerte auf Einladung von großzügigen Freunden und Förderern der Stiftung. Weiterhin ermöglicht sie durch Stipendien, dass Konzerte, die an und für sich nicht gut dotiert wären, machbar sind, da dann beispielsweise die Reisekosten dorthin abgedeckt sind. Darüber hinaus hat Irene Schulte-Hillen mit dem damaligen Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Sebastian Nordmann, über mich gesprochen. Daraus wurden wiederum unzählige Konzerte und 2010 dann der erstmals an einen Organisten vergebene Publikumspreis. Es ist wunderschön, dass der Kontakt zur Stiftung nun auch in meiner Essener Tätigkeit weiterbesteht.

Wo wären Sie heute ohne die Stiftung? In wie weit hat Sie ihre berufliche Entwicklung positiv beeinflusst?
Sicherlich nicht dort, wo ich jetzt bin. Die Zusammenarbeit mit all den hervorragenden Musikern, die Konzerte, die Vermittlung zu weiteren Festivals bis hin zum Arthur-Waser-Preis des Luzerner Sinfonieorchesters – all das gäbe es ohne Stiftung nicht. Wenn Sie als junger Organist von gerade 18 Jahren vor einem Publikum wie in der Kirche St. Severin stehen und eine kurze Einführung in die nun erklingende Orgelmusik geben sollen ich sage Ihnen: Da lernt man, im Feuer zu stehen.


Welchen Tipp möchten Sie jungen Talenten geben, die davon träumen, die Musik zu ihrem Beruf zu machen?
Es ist ein harter Job, der alles von einem verlangt. Als Musiker muss man bedingungslose und höchsten Ansprüchen genügende Qualität haben. Mittelmaß ist der Feind allen musikalischen Schaffens, eine gewisse Unverbindlichkeit im Arbeiten Verschwendung von Lebenszeit. Meinen Studenten predige ich beständig: Ein Zuhörer wird nie en detail mitbekommen, welche Feinheiten wir in vielen Stunden herausarbeiten, aber er wird immer spüren, wenn wir diese Arbeit nicht leisten. Dann „singt“ die Orgel nicht, dann spricht die Musik nicht, dann hat man ein Konzert eben nur „besucht“. Das Ziel muss es sein, möglichst oft jene einmaligen Momente mit seiner Musik heraufzubeschwören, in denen die Zeit stehen bleibt, die das Leben verändern.

Wie viele Stunden widmen Sie täglich der Musik?
Alle. Das klingt merkwürdig, aber es ist ein Fakt: Ob beim Kochen, Autofahren, in der Büroarbeit und natürlich beim Schlafen – beständig läuft Musik in mir ab, beständig beschäftige ich mich damit. Es ist eine Form der Obsession, die sicherlich nicht die schlechteste ist – ohne das würde mir sehr, sehr viel fehlen.

Könnten Sie sich ein Jahr ohne das Keitumer Sommerkonzert überhaupt noch vorstellen?
Es ist schon einmalig – das herrliche Wetter auf der Insel, die Stimmung von St. Severin, gleichzeitig das Bewusstsein, etwas zu tun und nicht „einfach nur“ Urlaub zu haben, die Begegnungen bei den Proben, nach dem Konzert, bei manchem „Geheimkonzert“, in der Bar des Benen-Diken-Hofes. Von daher habe ich mich sehr gefreut, als Irene Schulte-Hillen mich anrief und eingeladen hat, nunmehr zum elften Mal dabei zu sein.


Wie entsteht das Programm für das Sommerkonzert? Wissen Sie schon, was Sie in diesem Jahr spielen werden?
Das ist ganz unterschiedlich – mal schlagen die Musiker vor, was sie spielen können und gerne würden, mal gibt es Vorgaben, was gewünscht wird. Es hat sich einige Male ergeben, dass ich ziemlich viel Einfluss auf Ablauf und Programm nehmen konnte – das ist natürlich immer sehr schön. Konkret für dieses Jahr aber weiß ich noch nichts. Vielleicht kommt ja einmal eine schöne Improvisation, bei der ich der Orgel den Wind abdrehe ...


Haben Sie das Gefühl, für die Musik auf etwas verzichtet zu haben im Leben?
Wie oben geschrieben: Frau Musica ist eine eifersüchtige Frau. Gewiss hätte ich in meiner Schulzeit mehr auf diverse Partys gehen können, im Studium mehr mit Kommilitonen im Urlaub sein können. Man hat nie Sicherheit, dass sich alles zum Erfolg wendet, auch wenn man alle Kraft aufwendet – daran kann man zerbrechen. Allerdings hatte ich die Gewissheit, keine Zufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit zu haben, wenn ich nicht alle Kraft für die Musik aufwende. Ich bin nun Domorganist, unterrichte an Hochschulen, konzertiere an den schönsten Orgeln, die es gibt. Da war sehr viel Glück und Schicksal dabei, aber eben auch viel Arbeit. Die habe ich immer gerne und mit Liebe gemacht, und so möchte ich es auch weiterhin halten.



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