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Sylter Rundschau

04. Dezember 2016 | 19:31 Uhr

Eine Sylterin in Idomeni: „Hingehen, anschauen, helfen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Sylter Lehrerin Silke Konejung hat einige Tage im Lager von Idomeni geholfen. Was sie dort erlebt hat.

Idomeni | Frauen, die nicht wissen, wie sie ihre Babys ernähren sollen. Familien, die in endlosen Reihen anstehen, um bei provisorischen Ausgabestellen etwas Essen abzubekommen Irgendwann lösten die Bilder und Berichte in den Medien das Gefühl aus, „dass man doch etwas tun muss“. Silke Konejung denkt auch, „dass es etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat. Meine Großeltern und meine Mutter sind auch geflüchtet. Flucht war immer ein Thema in unserer Familie“. Die Lehrerin am Sylter Gymnasium nennt sich selbst eine „Kriegsenkelin“.

Wenn sie beginnt, von ihrer Fahrt nach Idomeni, ihren Erlebnissen und Begegnungen dort zu erzählen, dann spürt man schnell, dass sie auch nach Wochen ihrer Rückkehr in ihr behagliches Westerländer Reihenhaus tief bewegt ist von dem, was sie in dem griechischen Dorf an der Grenze zu Mazedonien, dem erzwungenen Aufenthaltsort tausender gestrandeter Flüchtlinge an Not und Aussichtslosigkeit gesehen, aber auch an spontaner Hilfe erlebt hat.

Wo liegt Idomeni?

 

Idomeni ist ein Dorf der Gemeinde Peonia in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien. Es bildet gemeinsam mit zwei kleineren Dörfern die gleichnamige Ortsgemeinschaft.

Viele der etwa 300 Dorfbewohner sind Mazedonier. Das Dorf hat einen Grenzbahnhof zur Republik Mazedonien an einer wichtigen europäischen Bahnstrecke. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt Gevgelija. Das Dorf liegt westlich des Flusses Axios. Vier Kilometer südöstlich des Dorfs liegen Evzoni und der Grenzübergang an der Autobahn A1.

Die Griechen wollen das Lager in Idomeni zu disem Wochenende räumen.

Gleich zu Beginn der Osterferien war Silke Konejung nach Griechenland geflogen, um sich in Idomeni einer Hilfsorganisation anzuschließen. Doch sie hatte bei ihren Vorbereitungen zu der Reise keine Organisation gefunden, der sie sich hätte anschließen können. Ihre Recherchen im Netz waren erfolglos. „Wäre ich da schon bei Facebook gewesen, hätte ich fündig werden können“, erzählt die 53-Jährige im Rückblick. Dennoch stand ihr Vorhaben unerschütterlich fest, nach Idomeni zu reisen, sich den dortigen Verhältnissen zu stellen, um dann zu sehen, „wie man helfen kann“.

„Ich fühle mich ohnmächtig gegenüber dieser Politik“

„Wir Europäer sind ein Teil der Ursachen, dass es in den Ländern der Flüchtlinge Krieg und unsägliche Not gibt. Unser Reichtum gründet sich unter anderem auf Produktionsbedingungen, die ein menschenwürdiges Leben vernichten. Unsere Waffenlieferungen in Diktaturen befördern die Kriege, die zur Flucht führen“, ist die promovierte Philologin überzeugt und wirkt bei diesen Worten nicht wie eine aufgebrachte Vertreterin einer kämpferischen Ideologie, eher wie eine Frau, die sich den Glauben an das Gute im Menschen, an die Humanität nicht nehmen lassen will. Die von sich sagt, „ich fühle mich ohnmächtig gegenüber dieser Politik“. Daraus folgte für die Mutter eines erwachsenen Sohnes der Entschluss, „direkte Hilfe zu leisten, um so Flagge zu zeigen“. Eine Reise ins Ungewisse.

Mit einem Mietwagen fuhr sie vom Flughafen Thessaloniki nach Polykastro, einem Nachbarort von Idomeni. Sie hatte gelesen, dass sich dort in einem Hotel Freiwillige treffen, die sich zu kleinen Gruppen mit unterschiedlichen Hilfsangeboten organisieren. „Es sind vor allem sehr viele, sehr junge Menschen dort, die aus ganz Europa, aber auch aus Amerika oder Australien kommen, um sich in Idomeni als Helfer zu engagieren“. Silke Konejung ist davon beeindruckt, hat „manchmal so ein Empfinden von einem anderen Europa. Einem, in dem man Hand in Hand arbeitet. Da scheint doch mal leise eine Utopie auf“. Die Zustände in dem Hotel in Polykastro sind von der allgegenwärtigen Not der gesamten Region geprägt. „Die Griechen haben ja selbst kaum etwas, sind meist sehr arm, aber von einer überraschenden Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit“. In dem Hotel der Helfer wird auf engem Raum geschlafen, werden die Aktionen zur Verteilung von Lebensmitteln, Kleidung und anderen Dingen vorbereitet.

1000 Wraps am Tag

Silke Konejung findet schnell Anschluss an eine private Dreiergruppe aus dem Ruhrgebiet, die mit Hilfsgütern und Spendengeldern angereist ist, sie lernt die „Group Bananas“ kennen, die jeden Morgen um acht in Idomeni an den Zelten, in denen Kindern leben, Bananen verteilt, sie hilft bei einer anderen Gruppe täglich einige tausend Wraps zu produzieren, die dann in Tüten mit Obst und Ei ab 10 Uhr im Lager ausgegeben werden, und sie sucht den Kontakt zu den Flüchtlingen in Idomeni. Zu den Kindern, Frauen und Männern, die nicht wissen was sie tun sollen, um ihre Situation zu verändern, „die hilflos einem Geschehen ausgeliefert sind, das sie nicht beeinflussen können. Die weiter wollen, aber nicht weiter können, weil die Grenzen geschlossen sind und sie Angst haben, in den offiziellen griechischen Flüchtlingslagern eingesperrt und in die Türkei zurückgeschickt zu werden.“

Die Zahl der Flüchtlinge, die in Idomeni festsitzen, schwankt täglich. Schätzungen sprechen von etwa 12.000 unter denen allein fast 5000 Kinder sein sollen. Sie sind sich selbst überlassen. Eine offizielle Versorgung durch die Griechen findet nicht statt. Idomeni ist kein Flüchtlingslager, sondern ein Ort der Gestrandeten, die ihre Flucht dahin fortsetzen wollen, wohin sie nicht können: In die europäischen Staaten, in denen sie sich Sicherheit und eine Zukunft ohne Angst vor Krieg und Tod versprechen.

Zur Untätigkeit verdammt

Durch die freiwilligen Helfer gibt es mittlerweile eine gewisse Grundversorgung in Idomeni, hat sich dort ein ganz eigenes Leben entwickelt. Eines, das versucht, sich mit der Not zu arrangieren. „Eine kleine Schule wurde dort aufgebaut, man sieht Frisöre, die ihre Dienste anbieten, es gibt eine Art Handel, zum Beispiel einen Grill, der Speisen anbietet, eine Nähmaschinen-Station oder Menschen, die mit einfachsten Mitteln Ideen entwickeln, wie man beispielsweise warmes Wasser erzeugen kann oder einen Sonnenschutz baut. Es hat sich eine Art Lagerkultur entwickelt“. Silke Konejung ist angesichts der Situation fast „verwundert über die Geduld und Freundlichkeit der Menschen, die uns sogar von dem wenigen, was sie hatten, noch einluden, um ihre Dankbarkeit zu zeigen“. Und doch kann dies die tief sitzende Verzweiflung über die Situation nur oberflächlich verdecken.

„Die Menschen sind zur Untätigkeit verdammt. Kein Wunder, dass da auch Wut herrscht, die sich immer mal wieder Bahn bricht“. Dann kommt es zu Unruhen, zu Aggressionen und Prügeleien. Die Helfer haben ein genaues Gespür entwickelt, solchen Situationen rechtzeitig auszuweichen, sie durch eigenes Verhalten nicht zu provozieren. „In Gefahr waren wir aber nie“.

Über Facebook bleibt der Kontakt zu Flüchtlingen

Silke Konejung bekam aber schon mit, dass sich unter die Gruppen der Helfer auch politisch motivierte Agitatoren mischen, die nicht mit Hilfsgütern, sondern mit Flugblättern und Parolen, die Flüchtlinge zum Widerstand gegen ihre Situation aufrufen. „Aber die vielen Menschen, die humanitäre Hilfe leisten, distanzieren sich von diesen Aktionen“. Silke Konejung ermutigt die Flüchtlinge, zu denen sie teilweise über Facebook immer noch Kontakt hat, eher dazu, in die Busse zu steigen, die zu den offiziellen Flüchtlingslagern fahren. Sie tut es mit einem Gefühl von tiefem Zweifel an dem Willen der europäischen Länder, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Die Sylterin fühlt sich immer noch „hilflos angesichts dessen, was dort geschieht“, ist aber überzeugt, dass es für sie selbst „wichtig war, sich mit der Not vor Ort zu konfrontieren und konkrete Hilfe zu leisten“ und fügt hinzu: „Angesichts der Dimension dieser Flüchtlingskrise müssen wir die Augen öffnen vor dem, was da an Europas Grenzen geschieht.

Wer die Tausende gesehen hat, die auf die Chance auf ein neues Leben warten, würde nicht mehr kleinlich die Ansiedlung von 80 Menschen in einem bereits freistehenden Gebäude ablehnen, wie kürzlich in Hörnum geschehen. Natürlich kann und muss nicht jeder dafür in ein Flüchtlingslager an den Grenzen Europas fahren. Aber wir alle sollten auf die eine oder andere Weise den politisch Verantwortlichen zeigen, dass wir die Größe der Aufgabe erkennen, die da auf uns zukommt - an Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, an Umgang mit Fremdenangst, an der Notwendigkeit zu teilen.

Viele Menschen setzen auch auf Sylt Zeit und Energie ein, um geflüchteten Menschen zu zeigen, dass sie als Einzelne gesehen werden. Nur so leben wir die Werte wirklich, die manch einer so vehement gegenüber dem Fremden verteidigen möchte“.

Wo kann ich spenden?
Spenden für die Versorgung geflüchteter Menschen an den Grenzen Europas können überwiesen werden auf das privates Spendenkonto von Dr. Silke Konejung bei der Nordostseesparkasse, IBAN DE73 2175 0000 0164 5875 37 - Verwendungszweck „Flüchtlinge“ - oder direkt an die Hilfsprojekte „Hummus Rights Project“ oder „Team Bananas“.

 

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erstellt am 22.Apr.2016 | 05:21 Uhr

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