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Sylter Rundschau

28. Juli 2016 | 16:29 Uhr

Tödlicher Streit im Sylter Flüchtlingsheim : Eine Insel unter Schock

vom

„Zutiefst fassungslos“: Ein möglicherweise verwirrter Mann hat im Streit einen anderen Menschen im Westerländer Flüchtlingsheim erstochen.

Westerland | Blutspuren auf dem Boden vor dem schmucklosen roten Klinkerbau zeugen von der Schreckenstat: Ein Mann ist nach einer Auseinandersetzung am Mittwochmorgen in der Westerländer Flüchtlingsunterkunft im Sjipwai getötet worden. Drei Personen, so die Sylter Polizei, waren in Streit geraten, dabei sei das spätere Opfer mit einem Messer attackiert und trotz eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen noch vor Ort an seinen Verletzungen gestorben.

„Blutüberströmt und mit einem Messer im Hals kam heute früh gegen acht Uhr ein Mann aus dem Haus“, beschreibt der Hausmeister des zweigeschossigen Gebäudes einen Teil des Szenarios. Anschließend sei das Opfer um das längliche Gebäude gelaufen und dort schließlich zusammengebrochen.

Der zunächst flüchtige Tatverdächtige konnte nach Auskunft der Polizei schnell gefasst werden. Bis in den Abend waren Spurensicherung, Mordkommission und Beamte der Kriminalinspektion Flensburg im Einsatz.

Anwohner zeigten sich von der Bluttat schockiert: „An so etwas hätte ich nie gedacht, sonst waren das immer friedliche Nachbarn“, sagt Reinhard Drewes, der direkt neben dem Unglücks-Haus wohnt. Von Streitigkeiten habe er nie etwas mitbekommen. Seit mehreren Jahren lebt Alice Marie Klaus, gemeinsam mit Asylsuchenden und Deutschen, in dem Haus mitten dem Wohngebiet. „Das ist keine gute Angelegenheit, ich bin sehr mitgenommen“, sagt die Seniorin. Sie hatte ihre Wohnung bereits vor acht Uhr - also vor dem Tatzeitpunkt - verlassen.  

„Diese Tat macht mich persönlich betroffen und zutiefst traurig, wie bei jedem, der Opfer von Gewalt wird“, sagte Bürgermeister Nikolas Häckel. Einen Bezug zum Thema Asyl könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht erkennen. „Das ist losgelöst von der Flüchtlingsthematik.“

Um die Polizeiarbeit nicht zu behindern durften die rund 30 Bewohner ihre Wohnungen am Vormittag zunächst nicht verlassen. Das Haus war an der Frontseite komplett mit weiß-rotem Band gesichert. „Polizeiabsperrung“ stand dort zu lesen. Raus oder rein kamen die Menschen nur in Polizeibegleitung. Auch Autos durften die Einfahrt nicht passieren, um mögliche Spuren nicht zu verwischen.

Mit ihren Fahrrädern kamen am Vormittag drei junge Männer an dem Gebäude in der Nähe des Flughafens vorbei. Sowohl Täter als auch Opfer habe er gekannt, erzählt einer von ihnen, der weder seinen Namen noch sein Bild in der Zeitung sehen möchte. „Ich habe noch gestern Fußball mit dem Täter gespielt“, sagt er, während er ungläubig den Kopf schüttelt. Der spätere Tote sei aus München und seit drei Tagen auf der Insel, um Freunde im Sjipwaj zu besuchen. Der Angreifer lebe seit vergangenem Jahr in der Unterkunft – mehrfach sei er seinen Bekannten durch ungewöhnliches Verhalten aufgefallen. „Er hat manchmal mitten am Tag seine Vorhänge zugezogen und sich eingeschlossen“, sagt einer der drei Männer. Dass er sich anderen gegenüber auffällig verhalten hätte, haben sie jedoch nie bemerkt.

Menschen auf der Insel, die den Tatverdächtigen länger kennen, berichteten, dass der Mann unter Wahnvorstellungen leidet. Zeitweise habe er kaum geschlafen sowie gegessen und sich verfolgt gefühlt.

Nationalität und Alter von Opfer und Täter machten die Ermittler zunächst nicht publik, weil sie nach eigenen Angaben Widersprüche in den Daten zu klären hatten. Auch die Hintergründe zur Tat teilte die Polizei in Absprache mit der Staatsanwaltschaft noch nicht mit. „Es gibt Widersprüchlichkeiten“, sagte der Flensburger Oberstaatsanwalt Otto Gosch. Mehrere Daten seien noch zu klären, inklusive der Herkunft. Am Nachmittag wurde der Tatverdächtige befragt. Die Vernehmung gestaltete sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft als schwierig.

Zur Frage, ob aufgrund der tödlichen Attacke in dem Haus – das früher als  Obdachlosenheim diente – die Sicherheitsvorkehrungen in den Flüchtlingsunterkünften auf der Insel verschärft werden, wollte sich das Ordnungsamt zunächst nicht äußern.

„Zutiefst fassungslos“ von der grausigen Tat zeigte sich Integrationshelfer Bernd Frühling, der die Integrations-Fußballmannschaft betreut, in der auch der Täter trainierte. „Das bedeutet, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, über ein Sicherheitskonzept in den Unterkünften nachzudenken.“ Zudem forderte er eine ständige soziale Betreuung für die Menschen, die schon im Vorfeld Konflikte lösen könne.

Rund 160 Flüchtlinge leben derzeit auf der Insel. Die Tat auf Sylt sei landesweit die erste dieser Art unter Flüchtlingen, wie die Polizeidirektion Flensburg mitteilte.

Mit dpa

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erstellt am 05.Nov.2015 | 07:01 Uhr

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