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Sylter Rundschau

26. Mai 2016 | 02:35 Uhr

Literaturtage auf Sylt : Ein Kultureller Gewinn für die Insel: Das 2. Lange Literaturwochenende

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Das 2. Lange Literaturwochenende der Privathotels Sylt war ein voller Erfolg. Neu im Programm waren eine Kinderlesung und der Poetry Slam.

Im Fernsehen spielt er die Rolle des stahlharten Agenten oder eigenbrötlerischen Kommissars – als Schriftsteller zeigt Hanns Zischler sich zart und verletzlich. Im Rahmen des 2. Langen Literaturwochenendes hat der fast 70jährige Nürnberger neben seinem von der Kritik hochgelobten Erstlingsroman „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ auch viele seiner Fotografien, die er mit einer Camera obscura aufgenommen hat, im Gepäck. Elke Heidenreich stellt Zischler den über 100 Gäste im Foyer des Hotel Budersand deshalb als einen „Renaissance-Menschen“ vor: Ihn interessiere alles, was mit Kunst und Menschen zu tun habe. In dem folgenden Gespräch lässt die versierte Bücherliebhaberin Elke Heidenreich, die selbst am Tag mehrere hundert Seiten liest, Zischler Raum für die emotional geprägte Beschreibungen seiner Arbeitsweise.


Elke Heidenreich hakt geschickt nach


Er verwende keine biografischen Elemente in seinem Buch, könne aber nicht leugnen, dass man sich als Schriftsteller zuerst an Selbsterlebtem orientiere, um „dann davon weg zu schreiben.“ So erzählt Zischler die Geschichte des jungen Mädchens Elsa, die in der neuen Heimat an ihrer Internatsschule keine Wurzeln schlägt. Ihr ganzer Schatz sind dünne Papiere, die in der Nachkriegszeit zum Verpacken von Südfrüchten benutzt wurden. Die geschickten Nachfragen Elke Heidenreichs lassen dann doch biografische Parallelen zwischen der Romanfigur Elsa und Hanns Zischler zutage treten: auch er war Internatsschüler, auch er hielt sich „... an das Wenige, was die Schönheit hergibt.“ Nach gut einer Stunde verlassen die Zuhörer sehr berührt das Budersand.

Auch am nächsten Tag erleben die Gäste des Langen Literaturwochenendes einen Literaten, der sich als Mensch so ganz anders zeigt als es die Medien vermuten lassen. Doris Dörrie, bekannte Regisseurin, Drehbuchautorin und eben Schriftstellerin, berichtet Elke Heidenreich von ihrem Wunsch, sich eigentlich „verstecken zu wollen“. Ob sie schüchtern sei, fragt Elke Heidenreich, und Doris Dörrie öffnet sich. Sie berichtet von ihren Geschwistern und ihrer tiefgreifenden Erfahrung mit dem Land Japan. Für Doris Dörrie ist das Schreiben wie Joggen. Man müsse beständig am Ball bleiben, seinen Schreibmuskel trainieren, gleichzeitig aber auch Vampir und Dieb sein. Damit spielt die eloquente und lebenskluge Hannoveranerin auf den Titel ihres neuen Buches an: „Diebe und Vampire“, in der sie das Leben der jungen Alice beschreibt, die gerne Schriftstellerin sein möchte und in Mexiko-Urlaub auf eine bekannte Autorin trifft. Für Dörrie sind Autoren Diebe, die dem Leben mit offeneren Augen begegnen als ihre Mitmenschen und ihm deshalb Ideen für neue Film- und Buchstoffe ablauschen können. Die Vampirfähigkeit sei notwendig, um Geschichten aus seinen Mitmenschen vollständig herauszusaugen. Elke Heidenreich bietet auch Doris Dörrie den notwendigen Raum, sich zu entfalten, stellt Fragen und berichtet aus ihrem eigenen Leben. Schnell hat der Gast das Gefühl, zwei Freundinnen bei einem ganz privaten Gespräch zuhören zu dürfen.


Adriana Altaras ist eine Rampensau


Ebenfalls sehr privat aber wesentlich turbulenter präsentiert Adriana Altaras ihren zweiten Roman „Doitscha“ im Rungholt in Kampen. Die quirlige Jüdin ist eine Rampensau und Moderator Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, lässt sie es zur Freude der Zuhörer gerne sein. „Wenn sie eine langsame Geschichte wollen, kaufen sie ein anderes Buch!“ stimmt Altaras die gut einhundert Zuhörer ein, um nachzusetzen „Viele von ihnen müsste ich eigentlich aus der Hotelsauna kennen, aber jetzt sind sie ja nicht nackt und deshalb erkenne ich sie nicht wieder!“ Rasant beschreibt Adriana Altaras das Leben ihrer Hauptdarstellerin, die Frage nach biografischen Zügen stellt sich dem Zuschauer gar nicht erst. Adriana Altaras schreibt über ihr Leben als Jüdin, als Mutter und als Ehefrau eines wortkargen Westfalen. Dabei gelingt es ihr, dass Thema deutsch-jüdische Beziehung von aller Langweiligkeit und Schwere zu entlasten ohne oberflächlich zu werden. Wenn einer ihrer Söhnen jüdischer sein möchte als seine Mutter, dann aber feststellen muss, aufgrund des deutschen Vaters nur halber Jude zu sein, hat das soviel Schwung und Witz, dass sich der Leser bereitwillig mit der aktuellen Frage nach dem Umgang der deutschen Schuldfrage durch die zweite und dritte jüdische Nachkriegsgeneration konfrontieren lässt.

Zum ersten Mal gab es im Rahmen des Langen Literaturwochenendes auch eine Kinderlesung. Die Organisatoren der Privathotels Sylt luden eintrittsfrei alle großen und kleinen Sylter und Gäste in den Friesensaal, der Kulturverein Sylt stellte die Räumlichkeiten kostenfrei zur Verfügung. Spaß hatten die Kinder und Erwachsenen mit den populären Schauspielern Jasmin Wagner und Thomas Heinze, die „Geschichten vom Sams“ gelesen haben. Vor allem Jasmin Wagner war eine zauberhafte Vorleserin, die immer wieder den Dialog zu den Kindern suchte.

Den Abschluss des Langen Literaturwochenendes bildete am vergangenen Sonntag eine Podiumsdiskussion, bei der die Akteure gemeinsam der Frage nach Dichtung und Wahrheit nachspürten. Auf ihre ganz eigene Art beantwortete die Mona Harry, die kurzfristig als Special Act zu der Veranstaltung eingeladen wurde. Die junge Hamburgerin ist spätestens seit ihrem Gedicht „Liebesgedicht an den Norden“ weit über die Poetry Slam-Szene hinaus bekannt. Autobiografische Züge sind bei ihr unverkennbar, Wortwitz und pointierte Vortragsweise bemerkenswert, wenn sie schelmisch deklamiert: „Wer auch immer beschloss, dieses Land zuzubereiten, dieser Koch war so verliebt, sogar die Luft ist versalzen!“

Mit dem Langen Literaturwochenende haben die Privathotels Sylt bereits zum zweiten Mal ein kulturelles Highlight gesetzt. Sorgsam ausgewählte Autoren und Schauspieler und die verbindliche Gastgeberschaft in den Häusern haben die Veranstaltungsreihe zu einem Gewinn für Sylt werden lassen. Damit das so bleibt, wird es auch 2016 ein Langes Literaturwochenende geben. Vom 15. bis 20. November in den Privathotels Sylt.






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erstellt am 24.Nov.2015 | 04:56 Uhr

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