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Sylter Rundschau

11. Dezember 2016 | 12:51 Uhr

Kersig-Siedlung in Hörnum : Diskussion um Reetdachhaus auf Sylt: Moderne prallt auf Tradition

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Debatte: Wie modern darf ein Friesenhaus sein? Wir haben bei Sylter Architekten und Bau-Experten nachgefragt

Hörnum | Ein Entwurf spaltet die Insel: Am Donnerstag veröffentlichte die Sylter Rundschau die Visualisierung einer modernen Interpretation eines Reetdach-Hauses, das in der Hörnumer Kersig-Siedlung entstehen soll: Das „Iglu mit der Reetdachmütze“, wie Bauherr Hans-Werner Maas seine zukünftige Sylter Sommerresidenz liebevoll nennt, polarisiert: Die einen schwärmen für das komplett mit Reet eingekleidete Haus des Hamburger Star-Architekten Hadi Teherani, die anderen finden es schrecklich und für die Insel gänzlich unpassend.

Der Stararchitekt Hadi Teherani

Der Architekt des modernen Reetdach-Hauses in der Hörnumuer Kersig-Siedlung, Hadi Teherani, ist kein Unbekannter.  Vor allem  in Hamburg tragen viele – weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannte –  Gebäude seine Handschrift:  die Tanzenden Türme am Eingang zur Reeperbahn,  das Dockland, ein schiffsförmiges Kontorhaus am Edgar-Engelhard-Kai,  der zehngeschossige Bürobau Deichtor-Center an der Oberbaumbrücke oder  der Berliner Bogen am Anckelmannsplatz.

Hadi Teherani, 1954 in Teheran geboren, aufgewachsen in Hamburg, ist Architekt und Designer. Der erste „grüne“ Bahnhof Deutschlands am Frankfurter Flughafen und die Kölner Kranhäuser am Rheinufer sind wie viele internationale Projekte zu weithin wirksamen Landmarken geworden.  Abu Dhabi, Berlin, Dubai, Hamburg, Istanbul, Kopenhagen, Rom und Teheran gehören zu den Metropolen, für die geplant wird, wie Moskau und Mumbai. Das E-Bike, der Konferenztisch, Ledersitzmöbel, eine modulare Küche, Leuchten, Showrooms und Flagship Stores gehören ebenso zum Werkverzeichnis des Architekten wie Hochhäuser, Unternehmenszentralen, Behörden, Einkaufswelten, Börsen, Bahnhöfe, Schulen und Universitäten.

 

Die Gegner des Hauses sind unter anderem einige der Nachbarn des künftigen Mieters und Bauherren. Eine Beschwerde beim Bauamt wurde bereits eingereicht, da das Haus den anderen Hauseigentümern der Kersig-Siedlung, einer Siedlung mit einem homogenen Ensemble reetgedeckter Häuser, vor allem optisch nicht gefällt. Doch Maas und Teherani bleiben bei ihren Plänen und auch andere Architekten schätzen den Entwurf und die geplante Ausführung.

„Wir haben hier eine große Chance erkannt“, sagt Hanno Müller-Stephan, Architekt bei „Maus Architektur“ in Kampen, der mit seinem Geschäftspartner Ralph Julius Maus seit dem ersten Aufkommen der Idee, eine moderne Umsetzung eines Friesenhauses in Hörnum zu bauen, an der Entstehung beteiligt war.

Die „Chance“, von der der Architekt spricht: Für das Grundstück existiert weder ein B-Plan noch greift hier die Ortsgestaltungssatzung (OGS). Der Neubau muss sich lediglich in „Art und Maß der baulichen Nutzung und der Bauweise in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen“. Und weil er das tut, gab der Kreis bereits 2012 die Erlaubnis, das Haus zu bauen.

So prallen im kommenden Frühjahr Moderne und Tradition in Hörnum aufeinander, ganz zur Freude vieler Sylter Architekten, die auf der Insel immer wieder gezwungen sind, sich in ihren Entwürfen an etliche Vorgaben zu halten. „Das ist natürlich auch für uns unbefriedigend“, sagt Müller-Stephan und fragt: „Ist es denn so von Nachteil, wenn – bei allem Festhalten an die alte Tradition – auch eine Weiterentwicklung erfolgt?“, und beantwortet die Frage gleich selbst: „Ganz im Gegenteil: Einen Stillstand kann es nicht geben. Man muss sich doch auch weiterentwickeln!“

Diesen Schritt sei das Unternehmen bereits 2013 gegangen: Zum hundertjährigen Geburtstag der Kampener Ortsgestaltungssatzung veranstaltete es einen Architekturwettbewerb, der nach Möglichkeiten suchte, das Thema „Reetdach-Haus“ kreativer anzugehen. Es wurden 31 Vorschläge bei dem Wettbewerb eingereicht, zu einer Umsetzung kam es nie – „da legen uns die Auflagen zu viele Steine in den Weg“, sagt Müller-Stephan.

Dass diese Auflagen durchaus Sinn machen, sagt Birgit Friese, Tourismusdirektorin von Kampen: „Ich persönlich finde das Hörnumer Haus grundsätzlich spannend und interessant – und ich bin auch für eine gewisse Vielfalt“, sagt sie und ergänzt: „Wir haben sogar in der Gemeinde mal überlegt, in wieweit man individuellere Bauweisen zulassen könnte.

Aber dabei stellt sich immer ein Problem: Wo fangen wir an, wo hören wir auf?“ Man könne dann nicht nur ein einzelnes Haus genehmigen, erklärt sie, denn dann kämen alle anderen und wollen auch etwas neues bauen. „Und das macht es sehr schwer, individuelle Lösungen zuzulassen. Ein modernes Reetdach-Haus in Kampen würde vielleicht nicht störend wirken, aber bei einem würde es nicht bleiben – und wie soll die Gemeinde das dann rechtfertigen?“, so Friese.

Auch Wolfgang Knuth macht sich über den geplanten Bau seine Gedanken. Knuth, der 27 Jahre lang Stadtbaumeister in Westerland und fünf Jahre Inselbaumeister war, vermisst, dass viele Sylter Neubauten nur selten an ihre Umgebung angepasst werden. „Es ist wichtig, dass man das Haus nie ohne den Landschaftsbezug und die Nutzung sieht – und die Nutzung der Friesenhäuser war in der Vergangenheit landwirtschaftlich. Es waren Wohnhäuser mit einem integrierten Stall“, erklärt Knuth. „Sie standen in der Marsch, also dem flachen Grünland. Weil sie aber so wunderbar anzusehen sind und für viele der Inbegriff eines Sylter Hauses sind, stehen sie heute auch auf Dünen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören – wie in der Kersig-Siedlung.“

Wer ein bisschen von Reetdächern und den uthlandefriesischen Häusern verstehe, betont Knuth, dem würde sich dabei „der Magen umdrehen“. „Wenn ein Hausbesitzer unbedingt historisch bleiben will, dann gehört auch das Umfeld dazu. Und so, wie das typische uthlandfriesische Haus in die Marsch gehört, wie etwa nach Morsum, darf auf den Dünen auch eine Weiterentwicklung des Hauses stehen“, sagt er und betont, dass er es „total zulässig und interessant“ finde, mit Modernität zu spielen.

Wichtig sei bei so einem Thema einzig, seinen persönlichen Geschmack nicht zum allein gültigen zu machen. „Es geht bei so einer Entscheidung nicht darum, dass ein individueller Geschmack überall zum Tragen kommt.“

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erstellt am 14.Okt.2016 | 05:16 Uhr

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