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Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 07:03 Uhr

Hilfe für Weißrussland : Die Reise nach Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei der diesjährigen humanitären Fahrt nach Weißrussland wurde die Gruppe der Niko-Nissen-Stiftung von einem Kamerateam begleitet / Auftritt in der ZDF-Spendengala „Ein Herz für Kinder“

Der Verleger Axel Springer gründete im Jahre 1978 die Hilfsorganisation Bild hilft e. V. „Ein Herz für Kinder“; dazu gehört auch die ZDF-Spendengala, die jedes Jahr im Dezember ausgestrahlt wird. Diesmal wird dabei auch der hohe Norden vertreten sein, genauer gesagt die Niko-Nissen-Stiftung.

„Wir wurden ausgewählt, weil unsere Stiftung ein Familienprojekt ist“, berichtet Frauke Nissen. Seit zwei Jahrzehnten setzt sie sich mit ihrem Mann Paul Martin, unterstützt von weiteren Spezialisten, für hörgeschädigte Kinder in der Tschernobyl-Region in Weißrussland ein und freut sich, dass Sohn Martin in die Fußstapfen seiner Eltern tritt. Kleine hörgeschädigte Kinder werden vor Ort mit Hörgeräten versorgt und können nun auch sprechen lernen; alte Geräte werden gewartet oder neu angepasst. Außerdem wird in den Laboren in der gepeinigten Region immer wieder Hilfe zur Selbsthilfe praktiziert – und die zeigt inzwischen eine sehr positive Entwicklung.

Die Atomkatastrophe ereignete sich im April 1986, aber unter den Folgen werden noch viele weitere Generationen leiden. Die Zahl der Krebserkrankungen sowie genetischer Missbildungen bei Neugeborenen erhöht sich stetig und die Lebensbedingungen sind aufgrund der hohen Inflation mehr als dramatisch.

Ende September reiste Frauke Nissen mit einem fünfköpfigen Team nach Weißrussland, begleitet von zwei Kameraleuten des ZDF- Fernsehens. „Bis zuletzt war unklar, ob die Beiden dabei sind“, berichtet Frauke Nissen. „Doch sie erkämpften sich die Erlaubnis, sie taten alles, was man nur tun kann, vom Auswärtigen Amt bis hin zu diversen Ministerien.“ Vor Ort wurde es wiederum hart: „Man konnte die Spannung schon draußen vor der Schwergehörigenschule spüren. Diese Furcht, dass etwas Schlechtes berichtet wird und die riesige Angst vor staatlichen Repressalien sitzen dermaßen tief, dass selbst eine Atomkatastrophe nebensächlich scheint. Eigenes Handeln und Denken sind in diesem Land absolut unerwünscht.“

Mit viel Mühe konnte Frauke Nissen die Direktorin überzeugen, dass man nichts Böses im Sinn hatte, sondern eben genau das Gegenteil: „Als die Frau das begriffen hatte, hörte man die Steine poltern, so erleichtert war sie“, erinnert sich Frauke Nissen. Und schließlich fand sie auch eine Familie, die nicht ihre Türen vor dem Filmteam verschloss. Die taubstummen Eltern und deren vierjähriges Kind, ebenfalls hörgeschädigt, werden am 3. Dezember in einem Beitrag der Spendengala zu sehen sein. Für das kleine Kind ist das Hörgerät ein wertvoller Schatz, quasi der Draht in die Welt. Und die sieht düster aus in dieser gespenstischen Region: „Die vor kurzem stattgefundene Währungsreform hat alles noch verschlimmert“, so Frauke Nissen betrübt. „Arbeitslosigkeit, Alkohol, Drogen, Prostitution und häusliche Gewalt – all dies ist hier an der Tagesordnung.“ Sportler werden schon in jungen Jahren gefördert, Kinder der Randgesellschaft bekommen jedoch keine Hilfe aus dem eigenen Land. Daher gründete die Niko-Nissen-Stiftung im Jahre 2003 die „Suppenküche Pinsk“, eine Schutzburg für Kinder, die vor ihren gewalttätigen Eltern flüchten oder dringend etwas zu essen brauchen. In dieser Wohnung werden die Not leidenden Kinder von Irina Awerin und weiteren einheimischen Frauen betreut. Wenn nötig, auch nachts. Doch sie mussten schon mehrfach umziehen, weil die Nachbarschaft sie nicht haben wollte. Und dann stiehlt sich ein freudiges Funkeln in Frauke Nissens Augen: „Wenigstens diese Not ist jetzt vorbei. 15 Jahre haben wir daraufhin gespart, unser Verein konnte jetzt endlich eine Wohnung kaufen und renovieren. In einer zentralen Lage und mit eigenem Eingang.“ Trotz der großen Freude merkt man ihr die emotionale Erschöpfung an. „Es ist immer wieder hart, die vielen schwer traumatisierten Kinder zu erleben“, gibt sie zu. „Einer meiner Familienbesuche war besonders grausam. Diese verwahrloste Wohnung, die resignierten Menschen...“ Sie holt tief Luft, bevor sie fort fährt: „Der kleine Sohn hatte diesen leeren Blick, aus dem alle Hoffnungslosigkeit hervorging.“ Dieser kleine Junge wird im nächsten Sommer dabei sein, wenn eine Gruppe von 20 bis 30 Kindern einen Erholungsurlaub in unserer Region machen wird, diesmal vom 19. Juni bis 14. Juli. Die Niko-Nissen-Stiftung, Spenden und freiwillige Helfer machen es möglich. Sylt-Ausflüge sind dann immer das besondere Highlight, vor allem der Strand und die sagenhafte Zugfahrt durch das Meer! Vor allem jedoch spüren diese Kinder etwas, das sie zu Hause nicht erfahren haben: Sie erleben freundliche Zuwendung ohne Bedingungen, unabhängig von Aussehen oder Herkunft.

Familie Nissen hat trotzdem darüber nachgedacht, ob es gut ist, wenn diese junge Menschen hier sehen, wie schön das Leben sein kann und anschließend zurück in das Elend müssen. Doch Irina hat alle Zweifel im Keim erstickt: „Diese Erholungsreisen zeigen den Kindern, dass es so etwas wie Lebenslust gibt. Sie zehren nachhaltig davon. Viele gehen bei ihrer Rückkehr ganz anders auf ihr Umfeld zu. Zu Hause kannten sie nur die ständig präsente schlechte Energie und die gaben sie dann oft weiter.“ Frauke Nissen lächelt: „Jeder Mensch braucht außerdem eine Traumlinie, etwas, wo man sich gedanklich hinversetzen kann. Wir schenken diesen Kindern nicht nur ein paar Wochen Erholung, sondern eine lebenslange schöne Erinnerung.“


Spendenkonto:

Niko-Nissen-Stiftung e.V.

DE90 2176 3542 0007 8562 02

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erstellt am 14.Okt.2016 | 05:20 Uhr

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