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Sylter Rundschau

09. Dezember 2016 | 16:37 Uhr

Die Kreuzfahrt meines Lebens

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Wladimir Kaminer präsentiert im Friesensaal sein neues Programm „Von Kreuzfahrten und Feuerquallen“ / Hier vorab ein exklusiver Text des Kultautors

Seit Bestehen des Vereins Kulturhaus Sylt ist er jeden Sommer zu Gast im Friesensaal: der deutsch-russische Schriftsteller und Kolumnist Wladimir Kaminer. Vor seiner diesjährigen Lesung am kommenden Freitag hat er der Sylter Rundschau exklusiv folgenden, bisher unveröffentlichten Text von der ersten Kreuzschiff-Fahrt seines Lebens geschickt.

Uns hat einmal das amerikanische Volksfest Halloween an dem denkbar ungeeignetsten Ort, in einer archaischen Gesellschaft erwischt, auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs von Barcelona nach Miami. Ein deutsches Reisebüro aus Hannover hatte mich für vier Lesungen an Bord dieses Schiffes engagiert. Ich sollte einer deutschen Reisegruppe über mein Leben im Schrebergarten, in Russland, in Berlin und sonstwo erzählen, sie auf der langen Fahrt literarisch begleiten. Ich hatte leichtsinnigerweise zugesagt, ich war noch nie in Miami. Woran ich nicht gedacht hatte, war, dass die deutsche Gruppe nicht allein auf Reise ging, im Gegenteil bildete sie eine verschwindend kleine Minderheit auf dem riesengroßen Kreuzschiff. Neben siebenhundert Deutschen, einem Dutzend Chinesen und einigen zerquetschten Franzosen fuhren 6000 Amerikaner nach Miami. Sie lebten ihren täglichen Dream of Life sehr intensiv, schrill und laut aus, auf allen siebzehn Stockwerken des Schiffes gleichzeitig. Die großen Seemänner Magellan oder Kolumbus hätten bestimmt komisch aus der Wäsche geguckt, wenn sie unserem Schiff begegnet wären: Dieser schwimmenden Shopping Mall mit eingebautem Casino, in dem alle Passagiere in fröhlicher Geschäftigkeit immer verschwitzt und besorgt unterwegs waren, als befürchteten sie, zum Rendezvous mit dem eigenen Glück zu spät zu kommen. In der Regel ging es nur darum, den Platz im Whirlpool zu sichern.

Vielleicht hätten Magellan und Kolumbus sich aber auch auf die Sonderangebote auf unserem Schiff gefreut. Die Uhren und Frauentaschen wurden jeden Tag billiger. Bereits am dritten Tag unserer Reise trugen die meisten Damen mindestens drei Frauentaschen, auch einige Männer trugen Frauentaschen und fast alle hatten mehrere Uhren am Arm, die sie ständig verglichen. Eigentlich brauchten wir nicht extra noch Halloween, um die Grausamkeit der Realität zu erkennen. Die Amerikaner tickten mit allen ihren Armbanduhren ganz anders als die Europäer. Ihre kindische, naive Art überall und immer den Kapitalismus aufs Heftigste zu betreiben, machte mich sprachlos. Gleich beim ersten Abend im Restaurant, als ich mir ein Glas Wein bestellen wollte, bot mir der Kellner sofort an, ihm gleich zehn Flaschen davon abzunehmen - mit 20 Prozent Rabatt. Er nahm meine Serviette vom Tisch und rechnete darauf aus, wie viel reinen Gewinn ich bei dem Deal machen würde. Nach diesem Gespräch traute ich mich nicht mehr, bei dem selben Kellner ein Steak zu bestellen. Ich befürchtete, er würde mir sogleich eine ganze Kuh zum halben Preis auf den Schoß setzten.

Auf diesem Narrenschiff kurz vor Florida feierten wir dennoch das kapitalistische Volksfest Halloween nach Kräften mit. Es begann natürlich mit einem großem Halloween-Kostüm-Ausverkauf, die kosmetischen Abteilungen des Schiffes beschmierten ihre Kunden mit künstlichem Blut und malten ihnen Spinnennetze in die Gesichter, im Kasino zockten Zombies am Black Jack-Tisch, viele Rollstuhlfahrer waren ganz in Weiß als Geister verkleidet und der Kapitän gab sich auf einer echten Harley Davidson als Pirat aus. Mit dem Motorrad fuhr er fünf Stockwerke rauf. Erwachsene Leute amüsierten sich wie Kinder, sie sprangen einem aus dem Fahrstuhl entgegen und schrien „Fürchte Dich!“

Mein Bekannter, ein österreichischer Tierarzt, mit dem wir immer mal wieder an der Bar bei einem Rotwein über die Amerikaner lästerten, hatte eine eigene These, warum die Grausamkeit des Festes den Amerikanern so gelegen kommt. Die Geschichte ihres Landes habe mit einem Völkermord begonnen, meinte der Veterinär. Das sitze im Unterbewusstsein fest, deswegen wollen die Amerikaner in vielen Monstermärchen, Horrorfilmen und Songs das Böse verharmlosen. Auch bei Halloween würden sie die Angst in Spaß zu verwandeln suchen.

Ich fand seine Erklärung zu umständlich, eigentlich waren es nur Leute, die nicht erwachsen werden wollten, ein wenig wie die Deutschen mit ihrem Karneval, nur ohne die ganzen Vereine und Verbände. In Deutschland hat sich der Karneval zu einer großen Bürokratie ausgewachsen, der Spaß wird dort sehr ernst das ganze Jahr über vorbereitet. Halloween lief viel anarchischer ab.
Mehr dazu dann im Friesensaal ...


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erstellt am 17.Aug.2016 | 05:30 Uhr

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