zur Navigation springen

Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 13:03 Uhr

Langes Literaturwochenende auf Sylt : Die Bekenntnisse des André Heller

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit dem Wiener Multitalent und Elke Heidenreich gelang die Eröffnung vom „Langen Literaturwochenende“ als berührend unterhaltsames Event.

An ihm scheiden sich die Geister, arbeiten sich die Feuilletons ab, aber seine Wirkung und sein Wirken bleiben unvergleichlich. André Heller gehört zu den Menschen, die Räume allein dadurch beherrschen, dass sie sie betreten. Ein Blick in seine Biografie und Werkliste unterstreicht seine singuläre Position im europäischen Kulturbetrieb. Mit ihm, dem Chansonnier, Aktionskünstler, Gärtner, Kulturmanager, Autor, Dichter und Schauspieler „Das lange Literaturwochenende der Privathotels Sylt“ zu eröffnen, darf man nicht nur als selbstbewusstes Statement der Veranstalter, sondern auch als Glücksfall bewerten.

Doch dazu später mehr. Denn zunächst gilt es festzuhalten, dass sich hinter dem sperrigen und nicht mehr wirklich zutreffenden Namen (das Festival läuft fast eine Woche und nicht an einem Wochenende) ein literarisches Ereignis entwickelt hat, auf dessen herausragende Qualität und Programmatik die Insel stolz sein kann. Die Liste der Autoren, die bis zum Sonntag in den fünf Sylter Privathotels lesen, diskutieren und teilweise dozieren werden, beeindruckt nicht nur durch große und populäre Namen wie Michael Krüger oder Doris Dörrie, sondern auch durch kenntnisreich ausgewählte literarische Talente wie den auf Föhr geborenen Nis-Momme Stockmann, den es noch für viele Leser zu entdecken gilt.


Vorsicht vor zu viel „melancholischem Irrsinn“


André Heller muss sicher niemand mehr entdecken. Und doch offenbarte der irgendwie alterslos erscheinende 69-Jährige am Dienstag im dicht besetzten Foyer des Hotel Budersand Empfindungen, biografische Brüche und sympathisch-gewinnende Wesenszüge, die manchen überrascht haben dürften. Geradezu spürbar gebannt – ja, man konnte glauben, beinah verzaubert – verfolgten die gut 150 Gäste das Gespräch zwischen Elke Heidenreich und ihrem „Freund“ André. Vertraut, mit viel Witz und doch sehr persönlich bis berührend tiefgründig plauderten die beiden über Leben, Gefühle, Arbeit – und Tod.

Vor zu viel „melancholischem Irrsinn“, der sich im Gespräch hätte entwickeln können, hatte Hoteldirektor Rolf E. Brönnimann im Vorgespräch gewarnt, erzählte Elke Heidenreich auf ihre unvergleichliche Art. Es ist wohl dieser erfrischend wirkende Mix aus dem ihr eigenen rheinischen Jargon, der an ihre legendäre Figur Else Stratmann erinnert, verrührt mit der empfindsamen Klugheit der Literaturexpertin, die Elke Heidenreich als geradezu begnadete Moderatorin agieren lässt. (Ein Glücksfall für das Organisationsteam der Literaturtage um Claudia Ebert, dass Elke Heidenreich als feste Größe der Veranstaltung gesetzt ist!)

Auch wenn der „melancholische Irrsinn“ ausblieb, waren es doch gerade die Momente im Gespräch zwischen Heidenreich und Heller, in denen von Selbstzweifeln, Ängsten und schwer erträglichen Zumutungen des Lebens, der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung die Rede war, die den Grundton der kurzweiligen und doch fast zwei Stunden dauernden Unterhaltung bestimmten. Nicht zuletzt ist der für norddeutsche Ohren so betörende Sound der Österreicher eine kaum zu überschätzende Zutat für die fast süchtig machende Sprechkunst eines André Hellers. Er versteht es, als scheinbar plaudernder Gesprächspartner seine Zuhörer mit einer Melange aus unaufgeregter Dramatik, bildhaften Schilderungen und aristokratisch wirkendem Selbstbewusstsein in seine Gedanken- und Gefühlswelt zu entführen und dort zu bannen. Sicher ein Effekt, den er sich auch für seinen ersten Roman, „Das Buch vom Süden“, gewünscht haben dürfte.


Lieber plaudern statt vorlesen


Den zu bewerten, war im Budersand nur bedingt möglich. Denn obgleich Elke Heidenreich immer wieder versuchte, ihren Freund zum Vorlesen aus seinem Buch zu veranlassen, zog es Heller vor, lieber noch aus seinem ereignisreichen Leben, von seinen Begegnungen mit staunenswerten Persönlichkeiten oder seiner 103-jährigen Mutter zu berichten. „Soll ich vorlesen oder lieber weiter etwas erzählen?“ war eine eher rhetorisch gemeinte Frage an das Heller-hörige Publikum. Und doch schaffte es Elke Heidenreich, den Schriftsteller aus seinem Debütroman vorlesen zu lassen: Das Kapitel über das beinahe heitere Sterben der geliebten Mutter des Protagonisten. Eine Passage, die sicher dazu beitrug, dass die Schlange am Signiertisch des Autors sehr lang wurde.

Doch mit den vielen persönlichen Widmungen von André Heller war der poetische Abend – der von einem Pianisten in kleinen Gesprächspausen musikalisch bereichert wurde – noch nicht beendet. Schließlich hat das Budersand mehr zu bieten als ein großzügiges Foyer, das sich an diesem Abend in einen literarischen Salon verwandelt hatte. Gute Küche gehört auch mit ins Angebot des Designhotels – und zum Arrangement der Auftakt-Veranstaltung. Und so folgten auf die intellektuellen Genüsse die kulinarischen. Ohne weitere Einzelheiten dazu zu nennen, sei an dieser Stelle aber die Küche gelobt – schon wegen des logistischen Aufwands, den ein (fein abgestimmtes!) Vier-Gang-Menü für (anspruchsvolle) 150 Personen erfordert.

Nicht zu allen, aber doch zu einigen Lesungen in den Sylter Privathotels (Budersand, Rungholt, Benen-Diken-Hof, Stricker) sind Menüs geplant. An all den Orten darf man aber ein literarisch und intellektuell anspruchsvolles Programm erwarten. Unterhaltung und Genuss inklusive – denn für Elke Heidenreich sind die Tage des Literaturwochenendes Tage „der Freundschaft und Verbundenheit“, an denen man auch „ein Glas zusammen trinkt und sich zuzwinkert“.

 

Mehr zum Programm der Veranstaltung unter:

www.privathotels-sylt.de

zur Startseite

von
erstellt am 16.Nov.2016 | 18:13 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen