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Sylter Rundschau

09. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Leerstand in Westerland : Der schöne Schandfleck

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Vor drei Jahren ist der letzte Mieter aus der Boysenstraße 3 ausgezogen, seitdem liegt das Haus im Dornröschenschlaf.

Ein Haus im Dornröschenschlaf, nur ein Steinwurf von der Friedrichstraße entfernt – das ist das Gebäude Boysenstraße 3 in Westerland. Ein paar Meter rechts neben dem Bistro und dem Shop von Gosch herrscht Tristesse, das ehemals schöne Haus mit dem Hof davor steht seit drei Jahren leer. Wer durch die Fenster schaut, sieht nur verwaiste Räume, einen Stapel alter Post, sonst nichts. Ein Kleinod am Rande der Fußgängerzone, das vor sich hin gammelt. Warum kümmert sich da keiner? Wieso unternimmt die Gemeinde nichts? Die Sylter Rundschau ging auf Spurensuche.

Ein italienisches Restaurant namens „Il Ristorante“, ein Modegeschäft namens „Ambiente“ und eine Zahnarztpraxis – das waren die letzten drei Gewerbeunternehmen in dem Objekt. „Il Ristorante“ ist mittlerweile wieder in Kampen zuhause, dort, wo Wirt Antonio Kabbani 1989 schon sein erstes Restaurant auf der Insel eröffnet hat.

Im Jahre 2000, erzählt Kabbani, habe er 1,3 Millionen Euro in sein Restaurant in der Boysenstraße investiert. Der Hausteil wurde entkernt, die Toiletten und die Lüftung wurden erneuert, der Außenbereich nach den Regeln des Denkmalschutzes hergerichtet. Doch wenig später sei das Haus im Paket mit anderen Häusern verkauft worden – von einem hiesigen Eigentümer an ein Immobilienunternehmen. Eigentümer und Ansprechpartner hätten mehrfach gewechselt, Kabbani zählt eine Reihe englischer Limited-Gesellschaften auf. Irgendwann sei Feuchtigkeit in den Keller eingedrungen, vom Dachbereich aus breitete sich Schimmel in die Räume aus. Als sich keiner um den Schaden kümmerte, habe er den Eigentümer verklagt. Kurz vor dem zweiten Gerichtstermin in Schleswig habe das Unternehmen dann Insolvenz angemeldet – seitdem liege die Klage auf Eis, sein Restaurant ist am 5. Januar 2011 ausgezogen. Das Gebäude sei doppelt beliehen, jede der beiden Großbanken aus London und Frankfurt verlange den vollen Gebäudewert, der bei 1,9 Millionen Euro liegen dürfte. 3,8 Millionen Euro – für weniger könne der Insolvenzverwalter das Anwesen nicht verkaufen.

Auch Bärbel Sager ist nicht gut auf die Hauseigentümer zu sprechen. Ende 2013 verließ die Betreiberin des Modegeschäftes als letzte Mieterin das Gebäude, „Ambiente“ zog nach Keitum um. Die Kaution habe sie bis heute nicht zurückerhalten. Mal war ein Londoner Immobilienfonds zuständig, dann eine dubiose Investmentfirma in Amsterdam – „da wissen sie gar nicht, wen sie ansprechen sollen.“ Fast dreißig Jahre habe sie ihr Geschäft in der Boysenstraße 3 gehabt und in dieser Zeit sieben Eigentümerwechsel erlebt. Alle hätten nur die Pacht kassiert, aber keiner habe in das Gebäude investiert.

Doch der Gemeinde sind die Hände gebunden. Bürgermeister Häckel lehnt eine Stellungnahme ab – das Gebäude sei Privatbesitz. Von einem „Schandfleck“ spricht Kay Abeling, Ortsbeirats-Vorsitzender von Westerland. Das Gebäude sei „in einem beklagenswerten Zustand“, verfalle immer weiter. Als Westerländer Kommunalpolitiker ärgere er sich über so ein ungepflegtes Anwesen in Nachbarschaft zur Friedrichstraße. Doch solange von dem Gebäude keine Gefahr ausgeht, könne die Gemeinde nicht eingreifen. „Der Staat hat sich aus dem Geschäftsleben herauszuhalten.“ Abeling ärgert sich auch über das seit dem Frühjahr leerstehende Geschäft im Haus Friedrichstraße 11, zwischen „Adenauer & Co.“ und „Golfino“. Eigentümer sei in beiden Fällen ein Immobilienfonds – „das sind keine Insulaner.“

Nach einigen Telefonaten mit Hausverwaltungen und Immobilienmanagern in Hamburg und Berlin steht fest, wer der Eigentümer ist – es ist die CR Investment Management mit Sitz in Berlin, laut Homepage ein „führender paneuropäischer Anlage- und Investment-Manager“ mit Niederlassungen in acht EU-Ländern. Die Pressearbeit erledigt eine Agentur mit Hauptsitz in London. Auf unsere Anfrage meldet sich eine Mitarbeiterin aus Köln.

Sowohl das Haus Boysenstraße 3 als auch das ums Eck gelegene Gebäude Friedrichstraße 11/13 gehörten der CR Investment Management, erklärt Nora Bartha-Hecking. In den leerstehenden Laden in der Friedrichstraße werde ein „namhafter Mieter aus der Textilbranche“ einziehen. Ein Bauantrag für den Umbau der Ladenlokale und der oberhalb gelegenen Wohnungen sei gestellt.

Und das Haus in der Boysenstraße? Ihre Stellungnahme weckt Hoffnung: „CR führt Gespräche mit potenziellen zukünftigen Mietern aus den Bereichen Gastronomie und Einzelhandel.“ Das Gebäude stehe nicht zum Verkauf, bekräftigt Nora Bartha-Hecking. Allerdings bittet die Pressesprecherin um Verständnis, dass „wir uns zu den laufenden Verhandlungen nicht äußern können.“

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erstellt am 08.Nov.2016 | 05:55 Uhr

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