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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 02:11 Uhr

Hallen 25 & 28 auf Sylt : Das Gezerre an den Hallen geht weiter

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Sind die Sanierungskosten für die Hallen 25 und 28 zu hoch kalkuliert? Kann der Bürgerentscheid rückgängig gemacht werden? Wir haben nachgefragt

Die Nachricht sorgt auf der Insel für Aufsehen: Wie die Sylter Rundschau gestern berichtete, wird die Instandsetzung der Hallen 25 und 28 auf knapp fünf Millionen Euro geschätzt – Geld, das die Gemeinde im Haushaltsjahr 2018 aufbringen müsste. Auf die hohe Summe kommt ein Gutachten des Sylter Architekturbüros Volquardsen und des Schleswiger Ingenieurbüros Korsch und d’Aubert. Zahlreiche Mängel und Schäden werden darin detailliert aufgelistet: vom massiven Schimmelbefall beider Hallen, der Sanierung und Reparatur der Dächer bis hin zu Statik-Problemen, vor allem in der Halle 25.

Auch wenn vielen bereits im Vorfeld klar war, dass die Instandsetzung Kosten verursachen wird, äußern Fachleute durchaus Zweifel an der hohen Summe. Auf Nachfrage bei Statikern heißt es, dass man sich zu den im Gutachten beschriebenen Mängeln zwar nicht detailliert äußern könne, aber doch Zweifel hege, ob eine Halle, die viele Jahrzehnte keine erkennbaren Baumängel aufgewiesen hat, nun keine Standsicherheit mehr gewährleiste. Klar sei auch, dass eine fast 80 Jahre alte Halle nicht alle heutigen Vorschriften zu 100 Prozent erfülle. Aber man könne natürlich mit übertriebenen Forderungen oder Wunschvorstellungen alles zum Kippen bringen. Mit einem Gutachten ließe sich schließlich auch Politik machen und die Stimmung erzeugen, die man braucht.

Genau das ärgert auch den Sylter Immobilienmakler Peter Peters. „Nun können die Abrissbefürworter alles wieder ins Negative ziehen“, sagte er gestern gegenüber unserer Zeitung. Außerdem rege ihn „die unsachliche Bewertung der Zahlen auf, die die Kompetenz unserer Politiker zeigt“, so Peters. Mit den in dem Gutachten angesprochenen Maßnahmen könnten die Hallen die nächsten 30 bis 35 Jahre halten, erklärt er. „Wenn wir die Summe von fünf Millionen Euro auf die entsprechenden Jahre verteilen, dann reden wir über sieben Euro pro Insel-Bewohner pro Jahr. Das sollte es doch nun wirklich jedem Wert sein.“

Darauf, dass in Bezug auf die Hallen schon viel früher etwas hätte geschehen müssen, weist Karl Max Hellner, Vorsitzender der Sylter Unternehmer, hin. Der Verein setzte sich in der Vergangenheit für den Erhalt der Hallen ein, nun sei die Beschaffung des Geldes „eine Gemeinschaftsaufgabe für alle, die dazu beitragen wollen, dass die Hallen erhalten bleiben.“

Dennoch kritisiert er den Umgang der Gemeinde mit den Hallen: „Sie wurden jahrelang nicht instand gehalten – das Dach der Halle 28 ist ja schon seit Jahren kaputt, die Fenster offensichtlich zerschlagen, das alles hätte schon lange gemacht werden können.“ Die Gemeinde sei, gerade weil es sich um ein Denkmal handele, ihrer Erhaltungspflicht nicht nachgekommen, so Hellner. „Aber weil man die Hallen ja eh abreißen wollte, kümmerte man sich nicht weiter darum. Hätte man die ganze Zeit bewusst diese Hallen instand gehalten, müssten wir jetzt nicht mal die Hälfte dieser hohen Summe aufbringen. Und jetzt haben wir die Quittung dafür, und die tut weh.“

Der Verein sei dennoch weiter für den Erhalt der Hallen: Die Gemeinde habe einen klaren Auftrag bekommen – und die Instandsetzung müsse jetzt auch nicht über Nacht geschehen, sagt Hellner. „Ich glaube außerdem, dass man vieles durch Eigeninitiative machen kann und so die Kosten im Rahmen bleiben – was immer der Rahmen ist.“

Karl Max Hellners Verweis auf die Erhaltungspflicht eines Denkmals durch eine Gemeinde ist durchaus berechtigt. Das bestätigt auch Hans-Martin Slopianka, Sprecher des Kreises Nordfriesland.


Der Denkmalschutz


Beide Hallen stehen seit 2007 unter Denkmalschutz. Mit dem Erwerb der schon damals instandsetzungsbedürftigen Gebäude übernahm die Gemeinde das Risiko der Erhaltungspflicht. „Für Privatleute gibt es eine Grenze der wirtschaftlichen Zumutbarkeit für die Erhaltung eines Kulturdenkmals“, erklärt Slopianka, „doch Gemeinden trifft eine gesteigerte denkmalrechtliche Erhaltungspflicht: Da Denkmalschutz und Denkmalpflege im öffentlichen Interesse liegen, hat sich die Gemeinde Sylt ihrer Denkmäler in besonderem Maße anzunehmen und diese vorbildlich zu pflegen“. Auch ein höherer Investitionsaufwand sei ihnen nach Angaben von Slopianke zuzumuten. Selbst eine Nicht-Nutzung sei durchaus in Betracht zu ziehen, eine solche ist schließlich auch bei „Nur-Denkmälern“ (Ruinen, Bodendenkmäler, Parks, usw.) denkbar, ohne dass deren Erhaltung aus diesem Grund zwingend unzumutbar wäre.

Grundsätzlich wäre es jedoch möglich, den Denkmalschutz aufheben zu lassen. „Das ist allerdings eine Einzelfallentscheidung, die gründlich geprüft werden muss“, so Slopianka. „Wenn eine Gemeinde mit der Aufrechterhaltung und Pflege des Denkmals wirtschaftlich überfordert ist, kann die Aufsichtsbehörde entscheiden, dass man das der Gemeinde nicht zumuten kann.“ In diesem Stadium sei die Gemeinde allerdings noch lange nicht, sagt er, „der Kreis hat keine genaue Zahlen, es handelt sich bei dem Gutachten ja lediglich um eine Kostenschätzung. Außerdem wissen wir nicht, was die Gemeinde vorhat – und es ist ja deren Denkmal.“


Der Bürgerentscheid


Neben dem Denkmalschutz ist der Bürgerentscheid eines der Hauptargumente der Abrissgegner. Seit Bekanntwerden der hohen Sanierungskosten werden jedoch Stimmen laut, die die Legitimation des Bürgerentscheids anzweifeln. „Die Bürger wurden getäuscht!“, mutmaßt unter anderem Gerd Nielsen (SPD) gegenüber der Sylter Rundschau. Im vergangenen Juni stimmten die Bürger über den Erhalt der Hallen ab: Mit 3201 Ja-Stimmen (77,4 Prozent) und 934 Nein-Stimmen (22,6 Prozent) war der Bürgerentscheid zugunsten der Hallen-Befürworter ausgegangen. Obwohl es das aktuelle Gutachten damals noch nicht gab, hat der Bürgerentscheid zunächst Bestand. Er kann innerhalb von zwei Jahren nur durch einen weiteren Bürgerentscheid abgeändert werden. Dies bestätigt Anne Dänner vom Bundesverband „Mehr Demokratie“. Das liege vor allem daran, dass ein anderes Gutachten bereits vor dem Bürgerbegehren die Instandsetzungskosten der Hallen auf knapp fünf Millionen Euro schätzte. Diese Zahl war sogar auf dem Informationszettel aufgeführt, der mit der Wahlbenachrichtigung verschickt wurde. „Wenn sich, wie in diesem Fall, die deutliche Mehrheit trotzdem für den Erhalt der Hallen entscheidet, dann bleibt die Entscheidung bestehen“, so Dänner.

Zwei Möglichkeiten, die Entscheidung aufzuheben, gibt es nach Angaben von Dänner trotzdem: „Die Gemeindevertreter können den bestehenden Entscheid zwar nicht kippen, sie können aber mit einfacher Mehrheit einen ‚Bürgerentscheid von oben‘ – ein so genanntes Ratsreferendum ansetzen und die Bevölkerung nochmal darüber abstimmen lassen.“ Genauso hätten auch die Bürger die Möglichkeit, Unterschriften zu sammeln, um ein weiteres Bürgerbegehren auf den Weg zu bringen.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 05:22 Uhr

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