zur Navigation springen

Sylter Rundschau

02. Juli 2016 | 05:59 Uhr

FKK auf Sylt : Das Ende der Freikörper-Kultur

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Handy-Kameras, kürzere Urlaube, Strandbistros: Immer weniger Menschen trauen sich nackt an den Strand.

Sylt | Romy Schneider konnte es gar nicht haben: „In jeder Welle hängt ein nackter Arsch. . .“ soll sie 1968 nach einem Sylt-Besuch über die hiesige FKK-Kultur geklagt haben. Würde die Schauspielerin das heutige Sylt kennen, wäre sie wahrscheinlich begeistert – seit Jahren sind immer weniger Nackte am Strand zu sehen.

Sylt und die Freikörper-Kultur: Das gehört auch heute für viele zusammen. Doch während Anfang der 60er die Sylter Nacktbadestrände – besonders der an der legendären Buhne 16 – zum kultigen und medial geprägten Sehnsuchtsort wurden, gehen die Badegäste heute tendenziell lieber bekleidet ins Wasser.

Damit liegt Sylt im Trend – in den vergangenen 15 Jahren habe sich die Zahl der Nacktbader und der Mitglieder in den norddeutschen Naturisten-Vereinen um die Hälfte reduziert, schätzt Otto Griefnow. Der 62-Jährige ist Vorstandsmitglied im Verband für Familiensport und Naturismus Nord, in dem die norddeutschen Freikörper-Vereine organisiert sind.

Der Textil-Trend beschränke sich nicht nur auf Norddeutschland, erklärt der Hanerau-Hademarscher: Auch in der ehemaligen DDR – dem einstigen Nacktbade-Mekka – oder in Frankreich und Kroatien sind die Nackten auf dem Rückzug. Wer die Hüllen noch fallen lässt, ist in der Regel höheren Semesters: „Die Vereine haben große Probleme, Nachwuchs zu finden“, sagt Griefnow. Die verbleibenden FKKler haben an 42 Nacktbade-Stränden in Schleswig-Holstein also immer mehr Platz.

Einer, der die Bader, ob im Adams- oder Badekostüm, berufsbedingt jahrzehntelang beobachtet hat, ist der Lister Vorarbeiter Bernd Struve. Der 49-Jährige hat erst 17 Jahre in Kampen, dann drei Jahre in List als Rettungsschwimmer gearbeitet und dabei gesehen, wie die Nacktbader immer weniger wurden. Warum sich immer mehr nur bekleidet am Strand blicken lassen, dafür sieht Struve veschiedene Gründe:

1. Die Strandbistros

Die Zahl der Strandbistros mit direktem Blick auf Sand und Wellen hat auf Sylt immer weiter zugenommen. Direkt vor den Gästen, die auf den Aussichtsterrassen Pommes mit Currywurst genießen, mag sich kaum einer mehr nackig machen, weiß Struve aus Erfahrung. „Das beste Beispiel ist Wonnemeyer in Wenningstedt: Früher war da FKK, heute nicht mehr.“

2. Die Handy-Kameras

„Früher wäre eine Gruppe junger Leute auf Sylt am Strand natürlich nackt gewesen“, sagt Struve, selbst Vater eines 13-jährigen Sohns,„heute macht das kein Jugendlicher mehr.“ Einer der Gründe dafür, vermutet er, sei das allgegenwärtige Smartphone mit seiner Kamera. „Damals konnten die Jugendlichen nach dem Urlaub in der Schule erzählen, was sie alles zu sehen bekommen haben. Heute könnten sie auf ihren Handys Fotos zeigen. Ist doch nachvollziehbar, wenn die Jugendlichen dann lieber ihre Badehose anbehalten.“

Dass der Durchschnittsurlauber angezogen badet, sei deshalb kein Anzeichen für eine wachsende Verklemmtheit, glaubt Struve – sondern einfach ein Symptom der veränderten Strandkultur. „Früher sind die Menschen für Wochen nach Sylt gekommen, um Badeurlaub zu machen. Da ist man morgens an den Strand gegangen und bis abends dort geblieben.“ Das wachsende Unterhaltungsangebot und die kürzere Aufenthaltsdauer auf der Insel haben dafür gesorgt, dass die Menschen immer weniger Zeit am Strand verbringen – und dort immer öfter angezogen bleiben, glaubt der ehemalige Rettungsschwimmer. Denn um zum FKKler zu mutieren, brauchen Anfänger einige Tage. Heißt: Erst einmal am Strand ankommen, die anderen Nackten sehen und irgendwann die eigene Scham überwinden – dieser Prozess dauert in der Regel länger als ein paar Tage.

3. Die Erziehung

Menschen, die mit nackt badenden Eltern aufgewachsen sind, gibt es (auch aus den oben genannten Gründen) immer weniger: „Wenn die Eltern es nicht vormachen, machen es die Kinder auch nicht“, weiß Struve. Er hüpft selbst übrigens auch „ohne alles“ in die Wellen und findet es „unheimlich schade“, dass ihm das immer weniger Menschen nachmachen: „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Freikörperkultur Sylt einst groß gemacht hat“, sagt er. Und: „Die FKK-Bereiche sind im Sylter Außenbereich die schönsten Strände.“ Auch wenn sich Nackt- und Textilbereich an den Sylter Stränden mehr und mehr vermischen und es heute auch nicht mehr so verpönt ist wie früher, in Badehose zwischen Unbekleideten zu baden, versuchen die Sylter Rettungsschwimmer, den FKKlern ihr natürliches Umfeld zu erhalten: Damit sie an ihren Stränden nicht total von Textil-Trägern überrannt werden, sprechen die Rettungsschwimmer bekleidete Gäste am Nackbadestrand gelegentlich höflich darauf an, dass Bikini und Badehose hier eigentlich lieber nicht gesehen werden. „In List versuchen wir mit gut ausgestatteten FKK-Stränden die Freikörper-Kultur auf Sylt zu halten“, sagt Struve, „mehr können wir nicht machen.“ Noch sei der Lister Nacktbadestrand gut besucht – allerdings vor allem von Älteren, der nackte Nachwuchs bleibt aus. Trotzdem sorgt sich Struve nicht, dass es irgendwann gar keine FKKler mehr geben wird – zumindest ein paar „nackte Ärsche“ werden wohl auch in zwanzig Jahren in den Sylter Wellen hängen.

 

zur Startseite

von
erstellt am 24.Jul.2014 | 05:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen