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Thermenruine auf Sylt : Chronologie: Vom Meerwasser-Schwimmbad über Thermen-Träume zum Schandmal

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Chronologie des vielleicht größten Bauskandals auf Sylt, der mit großen Illusionen begann und jetzt mit dem Abrissbagger endet.

Seit Mitte dieser Woche geschieht etwas nahezu Unglaubliches am Keitumer Kliff, worauf viele Einheimische und Insel-Urlauber fast zehn Jahre lang zwar sehnsüchtig gewartet haben, aber kaum jemand ernsthaft damit gerechnet hat, dass es tatsächlich passieren wird: der Abriss der maroden Thermenruine, des „Schandmals der Insel Sylt“.

Pünktlich um acht Uhr am Mittwochmorgen rollte ein Abbruchbagger langsam in Richtung derjenigen Gebäude auf dem unteren Teil des weitläufigen Areals, in dem einst die Saunalandschaft der exklusiven Wellness-Oase „Keitum Therme Sylt“ entstehen sollte. Mit seiner überdimensionalen Kneifzange begann das Spezialgerät der Hamburger Abrissfirma, sich wie eine archaische Urzeitechse in den Beton und den Stahl hineinzufressen. Stück für Stück zerbröckelten binnen kurzer Zeit symbolhaft die ersten Überreste eines ambitionierten Bauvorhabens, das seit den ersten Planungen in den Jahren 2003/ 2004 über den Baubeginn im Sommer 2007 bis hin zum Baustopp nur ein Jahr später die Bürger und Politiker der Insel in regelrecht verfeindete Lager spaltete wie kaum ein Sylter Bauvorhaben zuvor seit dem Westerländer Großprojekt „Atlantis“ in den 1970er Jahren.

Der Ursprung allen Übels und aller Streitigkeiten sowie der Grund für bis in die Gegenwart anhaltende gerichtliche Auseinandersetzungen über das gescheiterte Projekt Keitum-Therme liegen in einem im Jahr 2004 gefassten Beschluss der damaligen Gemeindevertretung. Die Politiker aus Sylt-Ost hatten die Entscheidung getroffen, das Meerwasser-Freibad mit seinem außergewöhnlichen Standort inklusive direktem Blick auf das Wattenmeer – eben dort, wo sich jetzt noch die Bauruine befindet – nicht länger zu betreiben.

 

Ein aktuelles Foto aus Zeiten des Abrisses – ein Bagger mit Greifzange bricht den Beton der maroden Bauruine.
Ein aktuelles Foto aus Zeiten des Abrisses – ein Bagger mit Greifzange bricht den Beton der maroden Bauruine. Foto: Boom

Fassungslos standen im Frühjahr 2005 zahlreiche Fans des beliebten Keitumer Schwimmbades vor den für immer verschlossenen Türen. Ob Außen- und Innenwasserbecken, Umkleidekabinen, Duschräume, Sprungturm oder Wasserrutsche – alles leer, verwaist und teilweise bereits ausgeräumt. Auf einem Hinweis an der Kasse stand nur nüchtern-sachlich „Letzter Öffnungstag 2004, Sonnabend 2. Oktober“. Sarkastisch jedoch der Eintrag auf dem Schild daneben mit dem Temperaturen: „Wasser 27 Grad“ und „Die Luft ist raus – der letzte Tag!“

Wann immer in der Vergangenheit zum Beispiel in den sozialen Netzwerken ein historisches Foto des Meerwasser-Schwimmbades veröffentlicht wurde, aber insbesondere, seit diese Woche zahlreiche Medien deutschlandweit über den beginnenden Abriss der Thermenruine berichten, erinnern sich Insulaner ebenso wie langjährige Syltgäste wehmütig an die „goldenen Zeiten“, als sie selbst oder ihre Kinder und Enkel in Keitum schwimmen gelernt haben oder als sie auf der großen Liegewiese zum Wattenmeer hin einfach nur in der Sonne dösten.

Dass der damals unter vielen Sylt-Liebhabern noch als „Geheimtipp“ gehandelte Inselort Keitum überhaupt ein Schwimmbad bekam, verdankte das Dorf Dr. Bernhard Beyschlag. Der rührige Unternehmer war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Berlin nach Sylt übergesiedelt und errichtete hier ein Unternehmen für die Elektronik-Industrie, das in seiner Blütezeit bis zu 600 Menschen Lohn und Brot gab. Für knapp 1,4 Millionen Mark ließ Beyschlag auf dem ehemaligen Sportplatz der Keitumer Schule das im Jahr 1969 feierlich eröffnete Meereswasser-Schwimmbad bauen, welches er später allerdings an die Gemeinde Sylt-Ost veräußerte.

Schon die idyllische Lage an der Keitumer Bucht machte das Bad damals einmalig. Das Wasser für die Becken wurde dabei direkt aus dem Watt gepumpt und dann für das Schwimmbad aufbereitet. Dabei musste die gesamte Wassermenge – immerhin zirka 2,5 Millionen Liter – am Tag mehrmals umgewälzt werden. Fast 20.000 Liter Heizöl im Jahr waren notwendig, um das Meerwasser pünktlich zur alljährlichen Saisoneröffnung auf die wohligen 27 Grad zu erwärmen. Zuletzt jedoch bereiteten nicht nur die steigenden Betriebskosten der Gemeinde Sylt-Ost wachsende Sorgen – auch die Besucherzahlen hielten sich zunehmend in Grenzen und die Bausubstanz der mittlerweile knapp 40 Jahre alten Badelandschaft wurde immer maroder. Alleine in seiner letzten Saison 2004 bescherte das Keitumer Schwimmbad der Gemeinde einen Verlust von mehreren zehntausend Euro.

Nach der offiziell verordneten Schließung im Oktober 2004 folgte im Sommer darauf ein kurzes kulturelles Intermezzo: Von Anfang Juli bis Mitte September 2005 verwandelte sich das Schwimmbad in ein „Kunstbad Keitum“. In dem gemeinsamen Projekt der Kurverwaltung Sylt-Ost und der Galerie ART Scheel aus Morsum wurden die Gebäude und Außenanlagen von mehr als 20 Akteuren als Kulisse für Kunstobjekte, Klanginstallationen sowie diverse Veranstaltungen genutzt. Zum ersten Mal kam damals der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer auf die Insel. Seine Lesung fand unter freiem Himmel auf einer Bühne in dem großen, allerdings leeren Wasserbecken des ehemaligen Schwimmbads statt.

Ein Jahr später stehen zwar alle Zeichen auf Abriss, aber es gibt erste Widerstände: Auf einer turbulente Sitzung der Sylt-Oster Gemeindevertreter im Juli 2006 stellt der Stuttgarter Investor Uwe Deyle öffentlich seine Pläne für den Bau der Keitum-Therme vor. Brisante Punkte zur Finanzierung wurden allerdings auf CDU-Antrag in den nicht-öffentlichen Teil verbannt. Für Anfang Dezember 2006 sei der Baubeginn vorgesehen, so Deyle damals, im März 2008 könnte Einweihung gefeiert werden.

Die Bietergemeinschaft Deyle und Müller-Altvatter will die Therme mit einem Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro planen, realisieren und auch betreiben. Die Gemeinde Sylt-Ost tritt der Projektgesellschaft bei und will sich jährlich mit 185.000 Euro an den Betriebskosten für das Freibad beteiligen. Der Eigenanteil der Gemeinde für den Bau beträgt vier Millionen Euro. Für das Schwimmbad kommen 2,7 Millionen als Zuschuss vom Land, weitere sechs Millionen als zinsgünstiges Darlehen aus dem kommunalen Investitionsfonds. Den Rest trägt die Deyle-Gruppe. Die Vertragsunterzeichnung sei laut Bürgermeister Christoph Schmatloch „ein historischer Moment“. Eine überwiegende Mehrheit des Dorfes wünsche sich dieses Bad, „sie traut sich nur nicht, sich dazu zu bekennen“. Anfang 2007 rücken die Bagger an und reißen in den folgenden drei Monaten das Meerwasser-Schwimmbad sowie die in den Gebäuden befindliche Kurverwaltung ab.

Im Sommer des Jahres ist Keitum eine einzige Baustelle. Es kommt jedoch zu ersten Verzögerungen beim Thermenbau – und zu Streitigkeiten zwischen der Gemeinde und den Bauunternehmen. Außerdem gibt es erste außergerichtliche Forderungen: Die Gemeinde soll Schadensersatz in Millionenhöhe zahlen. Im Dezember 2007 verhängt Deyle einen Baustopp, danach will die Gemeinde nicht weiterbauen. 2008 geht es dann Schlag auf Schlag: Auf der Baustelle der mittlerweile 15,5 Millionen Euro teuren Wellness-Oase wird nicht mehr gearbeitet. Ende Juli kündigten die Gemeindevertreter sämtliche Verträge mit dem beauftragten Bauunternehmen und trennen sich von Thermenplaner Uwe Deyle. Die Bauarbeiten werden nicht wieder aufgenommen, stattdessen verklagt die Sylt-Oster Gemeindevertretung Deyles Betriebs-KG auf Herausgabe des Grundstücks am Keitumer Kliff.

Mehr als acht Millionen Euro sind verbaut, die Baustelle liegt brach, Gerichte werden eingeschaltet – der Skandal nimmt seinen Lauf, das Thermendesaster schafft es erstmals in die überregionalen Medien. Nach der Fusion der Stadt Westerland mit der Gemeinde Sylt-Ost „erbt“ Bürgermeisterin Petra Reiber die Streitigkeiten und erklärt im Mai 2009: „Trotz Kündigung aller Verträge verweigert Deyle die Rückgabe des Grundstücks. Zugleich lässt er alles verfallen und sichert nicht einmal die Baustelle ordentlich.“ Gerichte entscheiden, dass die Gemeinde für die Verzögerungen Schadensersatz an die Bauunternehmen Arge und BAM zahlen soll. Involviert ist auch Bauunternehmer Kurt Zech, der auf Drängen der Gemeinde den Bau zunächst übernommen hatte.

Das Grundstück mit der Bauruine am Keitumer Tipkenhoog fällt später ins Eigentum der Gemeinde Sylt zurück. Was die Gemeinde damit machen darf und wird, bleibt aber lange Zeit unklar. Vor allem, weil die Gebäudereste noch als Beweismittel in Gerichtsverfahren dienen. In den Jahren des Stillstands gibt es immer wieder Protestaktion von Keitumern, die einen sofortigen Abriss des „Schandmals der Insel“ fordern. Bürgermeisterin Petra Reiber und auch ihr Nachfolger Nikolas Häckel jedoch verhandeln mehrfach mit Unternehmer Kurt Zech über den Verzicht seiner Forderungen und Gegenleistungen der Gemeinde Sylt wie zum Beispiel weiteres Baurecht für seine Hotelanlage in Keitum. Die Politik allerdings lehnt jeden dieser „Deals“ ab und beschließt Ende 2015, die Keitum-Therme 2017 auf eigene Kosten und in eigener Verantwortung entfernen zu lassen. Seit Mittwoch dieser Woche rollen die Abrissbagger, der millionenschwere Beton soll zerschreddert und das Gelände zunächst grob modelliert werden – was danach kommt, bleibt ungewiss ...

Linktipps: Eine Webcam zum Thermenabriss finden Sie auf klm-sylterwohnen.de/webcam-abriss-keitum-therme/ - sowie weitere Fotos und Infos auf Facebook unter www.facebook.com/sylterrundschau/

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erstellt am 18.Mär.2017 | 05:33 Uhr

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