zur Navigation springen

Sylter Rundschau

20. Februar 2017 | 02:49 Uhr

Bahn-Chaos auf Sylt : Chaos auf allen Bahnsteigen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ausfall auf der Marschbahn: Nord-Ostsee-Bahn zieht Personenwagen aus dem Verkehr. Kritik an mangelnder Information auf den Bahnhöfen.

Jetzt auch noch defekte Personenwaggons – die Hiobsbotschaften aus dem Bahnverkehr reißen nicht ab. Zwischen Niebüll und Sylt pendelt seit gestern Morgen nur noch ein kurzer Zug, zahllose Pendler, Sylter und Urlauber mussten in der Kälte ausharren. Die Fahrgäste, die sich in die Waggons hineinzwängen konnten, fühlten sich wie im Viehtransport. „Ich bin fassungslos, wenn ich die Bilder aus den Zügen sehe“, kommentierte Bürgermeister Nikolas Häckel. „Es ist das blanke Chaos.“ (Bericht auf Seite 7)

„Nicht witzig“ findet auch Achim Bonnichsen die Situation. Der Klixbüller führt ein Unternehmen auf Sylt und hat die Facebook-Gruppe „NOB Pendler Husum-Westerland“ mitgegründet. Als er gestern morgen um 6.31 Uhr zum Niebüller Bahnhof kam, standen dort bereits knapp 800 weitere Personen, die allesamt dringend zur Insel wollten. Fast schon eine gewisse Ironie bekam die Situation an Bahnsteig 3, als schließlich nur ein Triebwagen mit drei Waggons einfuhr. „Dort wollten natürlich alle rein“, beschreibt Bonnichsen, „bis wirklich nichts mehr ging. Etliche Personen mussten draußen bleiben.“ Der Klixbüller hatte Glück und schaffte es ins Abteil, das jedoch derart voll war, dass „man seine Hände nicht mehr aus den Taschen nehmen konnte.“ Körperkontakt zu den Mitreisenden war angesagt – zwangsweise. Noch stärkere Nerven brauchten die Personen, die an der nächsten Station Klanxbüll auf den Zug warteten. „Keiner durfte rein“, so Bonnichsen. Die Lage sei katastrophal gewesen, der Frust bei den Pendlern groß. „Man fühlte sich wie in einem Viehtransport. Bei den Leuten herrschte schon eine gewisse Ohnmacht.“

Die Entscheidung der NOB, aus Sicherheitsgründen Zugwagen aus dem Verkehr zu nehmen, kritisiert Bonnichsen nicht. „Dass wir Pendler aber allein gelassen werden mit unseren Fragen, das stört uns.“

„Wir kriegen es im Moment dicke von allen Seiten“, machte der Sylter Bürgervorsteher Peter Schnittgard seinem Ärger Luft. Die Sylter hätten derzeit mit Baustellen, Zugverspätungen und Sperrungen zu kämpfen, und bei der Autoverladung komme es zu Wartezeiten, weil jetzt viele aufs Auto ausweichen. Vom Fernverkehr sei die Insel schon seit einigen Wochen abgehängt, jetzt müsse man auch den Nahverkehr abschreiben.

Schnittgard ist auch TSV-Vorsitzender – seit gestern Morgen versuchen er und seine Sportfreunde, den Spielbetrieb am Wochenende zu organisieren. Einige Mannschaften vom Festland müssen auf der Insel antreten, die Handballer zu einem Landesliga-Spiel nach Großenaspe bei Neumünster. Die Schwimmer haben ein Turnier in Heide – dort kommt nun der Kleinbus des TSV zum Einsatz. Doch der musste gestern Morgen erst noch blitzschnell auf Winterreifen umgerüstet werden.

Ausnahmezustand auch bei den Firmen, die auf Pendler vom Festland warten mussten. Zwei Mitarbeiter öffneten gestern Morgen um 7 Uhr den Hagebau-Markt in Tinnum – die komplette Frühschicht mit acht Mitarbeitern vom Festland war ausgefallen. Ungefähr 70 Prozent der Belegschaft kommt über den Hindenburgdamm zur Arbeit, erläutert stv. Marktleiter Tom Buddrus. Er selber hat die Strecke von Husum gestern in zwei Stunden geschafft, erst mit dem Ersatzbus und dann im vollbesetzten Zug ab Niebüll. Für den heutigen Sonnabend hat die Marktleitung einen Plan B vorbereitet – Buddrus nimmt den Kleinbus der Firma mit aufs Festland und sammelt die Kollegen für die Überfahrt mit dem Autozug ein.

Das blanke Chaos – davon berichteten gestern viele Fahrgäste, die sich ins Abenteuer Zugfahrt gestürzt hatten. Vor allem sind es mangelnde Informationen, die für Ratlosigkeit sorgen. In Niebüll, so berichtete uns eine Sylterin von ihrer Fahrt nach Hamburg, habe gar kein Schienenersatzverkehr bereitgestanden – sie und ihr Mann hätten in die Linienbusse nach Flensburg oder Husum umsteigen können. „Aber dass es in Husum nicht weiter geht, sagt einem keiner.“ Der Linienbus nach Flensburg war überfüllt, also bestiegen sie ein Taxi. In Niebüll stießen sie auf eine Hamburgerin, die ihren Urlaub auf Sylt verbringen wollte – und wieder zurückgefahren ist. Das größte Ärgernis: „Keiner ist da, der die Leute an die Hand nimmt.“

„Ich kann den Unmut der Reisenden gut verstehen“, meinte Sylt-Marketing-Chef Moritz Luft. Aus Sicht des Touristikers sei die Buchungssituation derzeit trotz des November-Wetters gut, viele Gäste seien also auf einen zuverlässigen Bahntransport angewiesen. Schon die Betriebspause bei der IC-Verbindung nach Hamburg sei „tragisch“. Lufts Fezit: „Jetzt fehlt nur noch ein Streik.“

Mangelnde Informationspolitik ist auch ein Punkt, den Bürgermeister Nikolas Häckel kritisiert. Der Ausfall der Personenwagen sei natürlich nicht vorhersehbar gewesen, mache aber deutlich, wie abhängig die Insel von einer funktionsfähigen Infrastruktur abhängig ist. „Hier muss unbedingt verlässlich gehandelt werden.“

Bei aller Kritik – Bürgervorsteher Schnittgard lobt die „gute und fleißige Arbeit der Gleisbauer“, die derzeit Tag und Nacht, bei jedem Wetter die Bauarbeiten in Westerland und Tinnum erledigen. „Die sind flott dabei.“ Schnittgard lobte auch, dass bei den neuen Schwierigkeiten „technische Mängel sofort erkannt und beseitigt“ werden. „Die Sicherheit geht vor.“ Nun sei ein flexibles Krisenmanagement gefordert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen