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Sylter Rundschau

07. Dezember 2016 | 21:23 Uhr

Ferienwohnungen auf Sylt : Baurechts-Änderungen sollen Gemeinden Ablehnung von Zweit- und Ferienwohnungen erlauben

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Künftig sollen die Gemeinden selbst über „nicht störende Gewerbebetriebe“ und „kleine Beherbergungsbetriebe“ in Wohngebieten entscheiden. Immobilienbranche lehnt das ab.

Das Bundesbauministerium will der jahrzehntelangen Unklarheit bei der Vermietung von Ferienwohnungen in Wohngebieten ein Ende bereiten. Künftig sollen die Gemeinden selbst über „nicht störende Gewerbebetriebe“ und „kleine Beherbergungsbetriebe“ in Wohngebieten entscheiden, sieht ein Referentenentwurf vor. Unsere Zeitung berichtete gestern über die geplante Änderung des Baurechts, die den Gemeinden deutlich mehr Spielraum lässt. Doch der Entwurf sieht auch vor, dass Gemeinden der Umwandlung von Dauerwohnraum in Urlaubsquartiere einen Riegel vorschieben können – und das treibt die Immobilienbranche auf die Palme.

Das Problem ist nicht neu: Viele Dauerwohnungen auf Sylt werden renoviert und an solvente Interessenten verkauft, die aber nicht hier sesshaft werden. Die Folge: Gerade in den Dörfern schrumpft die Zahl der Bewohner, die hier dauerhaft leben, einkaufen, sich an der Dorfgemeinschaft beteiligen. Die Kommunalpolitik versucht, der Entwicklung mit einer Zweitwohnungssteuer und einem stärkeren öffentlichen Wohnraumbau Herr zu werden.

Zahlen aus dem Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik untermauern diese Entwicklung: Zwei Drittel der Wohnbevölkerung auf der Insel wohnt dauerhaft hier, ein Drittel zählt zur Zweitwohnbevölkerung. 40 Prozent der Wohneinheiten sind Dauerwohnungen, 23 Prozent Zweitwohnungen und 36 Prozent dienen der touristischen Vermietung. Dabei habe sich der Anteil des Dauerwohnens gegenüber 1987 mehr als halbiert, streicht das Institut heraus. Und der Bevölkerungsdurchschnitt wird immer älter: Während die Zahl der Unter-20-Jährigen bis 2025 um ein Drittel schrumpft und die 20- bis 60-Jährigen ebenfalls spürbar weniger werden, legt die Zahl der Über-60-Jährigen um rund 60 Prozent zu.

Der Berliner Referentenentwurf sieht vor, dass Gemeinden, die von Fremdenverkehr geprägt sind, „die Nutzung von Räumen als Nebenwohnung“ genehmigen müssen, „wenn die Räume insgesamt mehr als sechs Monate im Jahr unbewohnt sind.“ Dürfen Haus- und Wohnungseigentümer in Zukunft also nicht mehr frei entscheiden, wie sie ihre vier Wände nutzen?

Peter Peters schüttelt den Kopf ob so viel staatlicher Regulierungswut. „Wer will denn das am Ende des Tages kontrollieren“, fragt der Sylter Immobilienkaufmann. Ob eine Immobilie ein halbes Jahr lang leer steht, sei für eine Gemeinde kaum zu kontrollieren. An der Stromrechnung oder am Müllaufkommen sei die Nutzung nicht zu ermitteln – den Stromverbrauch könne man steuern, den Müll vom Hausmeister verteilen lassen. „Wollen sie in einer Welt leben, in der das Denunziantentum gefördert wird?“, fragt Peters. Eine Residenzklausel sei grober Unfug, heute nicht mehr zeitgemäß und gehe an der Lebenswirklichkeit vorbei, zumal immer mehr Menschen an zwei Standorten lebten, beruflich bedingt oder in Patchworkfamilien zum Beispiel. „Oder wollen Sie einem Erben vorschreiben, dass er sein Elternhaus vermieten oder verkaufen muss? Und was ist, wenn man länger krank wird und sein Haus längerfristig verlassen muss?“

Statt Zweitwohnungsbesitzer zu verteufeln, rät Peters zu einer Willkommenskultur: „Toll, dass sie hier sind!“ Seit der deutlichen Erhöhung der Zweitwohnungssteuer trügen diese Immobilienbesitzer mit fünf Millionen Euro zum Gemeindehaushalt bei – „das sind zehn bis zwölf Prozent der kommunalen Einnahmen“.

Die Folge jeder Regulierung – die Immobilienbranche findet neue Schlupflöcher, befürchtet nicht nur der Sylter Bürgermeister Nikolas Häckel. „Es ist ein ewiges Spiel“, weiß auch Makler Peters: „Der Gesetzgeber versucht, etwas zu verhindern, und Juristen suchen nach Wegen, wie man die Verbote umgehen kann.“ Er plädiert für weniger gesetzliche Regulierung, um dem „normalen Bürger“ das Leben nicht noch schwieriger zu machen – und teurer. „Die Märkte würden sich beruhigen, wenn wir nicht so viele Vorschriften hätten.“ Was auf Sylt fehlt, seien attraktive Baugebiete für junge Familien. „Man könnte Sylter Hausbesitzer mit einer höheren Grundflächenzahl unterstützen, wenn sie ihr Haus erweitern und die Nutzung für 20 Jahre festschreiben.“ Peters schlug auch eine Einmalzahlung vor: 1000 Euro pro Quadratmeter von Bauherren für die Umwandlung von Dauerwohnraum in Zweitwohnungen, aber 500 Euro Förderung von der Gemeinde für die Rückumwandlung von Zweitwohnungen in Dauerwohnraum. Sein Fazit: Architekten, Banker, Notare und Makler sollten mit am Tisch sitzen, wenn Baurecht reformiert wird – „die besitzen die größte Erfahrung.“

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