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Sylter Rundschau

01. Oktober 2016 | 22:38 Uhr

Ausgrabungen : Antike Funde in Sylter Erde

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In Westerland werden derzeit Reste einer germanischen Siedlung ausgegraben. Die Funde sind zwischen 1800 und 1900 Jahre alt.

Burghard Behlau und Ronald Funke haben sich zum Schutz Kissen unter die Knie geschoben, während sie auf allen Vieren auf dem erdigen Boden arbeiten. Mit Archäologenkellen, die aussehen wie zugespitzte Spachtel, legen die beiden Grabungshelfer konzentriert Schicht für Schicht den Boden frei. Ab und zu nehmen sie einen Stein in die Hand und betrachten ihn genau,  dann wird das Kissen weitergeschoben und ein neuer Abschnitt bearbeitet.

Neben ihnen  steht Eric Müller. Er ist der Grabungsleiter auf dem Gelände in der Westerländer Hans-Böckler-Straße, wo seit vergangener Woche die  Reste einer germanischen Siedlung freigelegt werden.  Müller ist beim archäologischen Landesamt in Schleswig angestellt, das bei einer vorangegangenen Begehung der Baugrube  auf interessante archäologische Fundstücke stieß. Die Bauarbeiten – eigentlich sollen hier neue Dauerwohnungen entstehen – müssen nun allerdings ruhen, damit die Archäologen ihrer Arbeit nachgehen können.

Auf der etwa 15 Meter breiten und 60 Meter langen Fläche sind überall weiße Zettel und Pappteller mit handgeschriebenen Nummern im  Boden   verankert. „Jede Markierung zeigt einen  Fund“, sagt Müller. „Wir haben jetzt zwei Wochen und wollen bis dahin natürlich jede Stelle erfassen“, erklärt Müller.  Was der Archäologe und sein dreiköpfiges Team in der Westerländer Innenstadt derzeit ausgraben, sei ein typischer Ausschnitt einer germanischen  Siedlung aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert unserer Zeit. „Also etwa 1800 oder 1900 Jahre alt“, erklärt Müller. „Uns war eigentlich sehr schnell klar, dass wir uns hier zeitlich  in der Römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) befinden.“

Die Siedlung sei allerdings viel größer als der Teil, der durch die Baumaßnahme freigelegt wurde. „Hier sehen wir  nur einen kleinen Ausschnitt einer großen Streusiedlung mit vielen Einzelhöfen“, sagt Müller. Bisher hätten er und seine Mitarbeiter vor allem Pfostenstrukturen von Häusern gefunden.  Die dunklen Ringe auf dem Boden würden auf  Speichergebäude hindeuten, in denen unter anderem Getreide gelagert wurde. „Die haben wir eigentlich in jeder germanischen Siedlung auf den Inseln, aber auch auf dem nahe gelegenen Festland“, erklärt Müller. „Diese Rundspeicher standen meist in einiger Entfernung zu den Wohnhäusern und wurden von  vier Pfosten getragen, die man hier auch erkennen kann.“  Die dunklen runden Gräben, die um die Speichergebäude gegraben wurden und heute noch zu erkennen sind,  dienten dazu, Ungeziefer, Ratten und andere Tiere von dem Speicher fernzuhalten.

Für Ausgrabungsleiter Müller ist das, was in Westerland entdeckt wurde, archäologischer Alltag. Allerdings kann es in seinem Job „immer und überall Überraschungen geben“,  sagt er und lacht. „Gerade an Stellen, an denen man nichts erwartet, wird man manchmal doch fündig.“ Auf der Westerländer Grabungs-Fläche vermutet er   Funde am ehesten in der Nähe  des   ehemaligen Ofens. „Jedenfalls  interpretieren wir diese Stelle  zu diesem Zeitpunkt als Ofen, müssen das aber  natürlich noch  verifizieren.“  Direkt neben dem Ofen liegt eine Scherbe, für den Laien als solche kaum erkennbar. Eric Müller bückt sich:  „Das ist  zum Beispiel die Scherbe eines Vorratstopfs“, sagt er und betrachtet  sein Fundstück genauer: „Sekundär gebrannter Ton, grob gemacht, ohne Verzierung. Das deutet auf einen Topf hin, in dem etwas aufbewahrt wurde, wie zum Beispiel Getreide. Gefäße, aus denen getrunken wurde, waren dagegen meist verziert.“

Bei dem freigelegten Gebiet handele sich um  eine typische ländliche Siedlung aus der Eisenzeit, sagt Müller. „Wir gehen von zehn bis 15 Häusern aus sowie jeder Menge Speichergebäude und technischer Anlagen.“ Ein Haus sei allerdings damals um die 50 Meter lang gewesen. Bei einer Fläche wie in Westerland sei es sehr schwer, die gesamte Siedlung  zu erfassen.     „Diese Siedlung wird noch Hunderte von Metern weitergehen“.

In zwei Wochen werden die Mitarbeiter das Gelände für den Bau von Dauerwohnraum voraussichtlich wieder freigeben. Bis dahin ist der Bereich gesperrt und sollte nicht betreten werden.

 

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Sylter Rundschau-Redakteurin Julia Nieß von
erstellt am 20.Sep.2016 | 04:30 Uhr

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