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Sylter Rundschau

03. Dezember 2016 | 14:45 Uhr

Angst vor der Reise in die Heimat

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Eine Umfrage unter türkischstämmigen Syltern zeigt tiefe Gegensätze zwischen Erdogan-Anhängern und Gegnern auf

Angst um die Familie, Angst um Freunde und Bekannte, Angst um das Heimatland – seit dem gescheiterten Militärputsch in Ankara ist die Verunsicherung auch bei den Türken auf Sylt groß. Wir sprachen mit Insulanern, die türkische Wurzeln haben. Und mussten feststellen, dass viele sich selbst in ihrer neuen, freien Heimat nicht trauen, offen über die Verhältnisse in der Türkei zu sprechen. Durch die türkische Gemeinde geht ein tiefer Riss.

„Es ist schade für dieses Land“, sagte uns ein türkischstämmiger Kaufmann, der seit Jahrzehnten auf Sylt lebt, aber nicht namentlich genannt werden möchte. Präsident Erdogan stürze die Türkei in ein großes Chaos, sei schlimmer als das Militär. „Wenn der Putsch geglückt wäre, hätten wir die Hoffnung gehabt, eines Tages wieder zur Demokratie zurückkehren zu können.“ An eine positive Entwicklung sei mit Recep Tayyip Erdogan nicht zu denken.

Jeden Tag telefoniere oder skype er mit seinen Kindern in der Türkei, die sehr traurig seien über den Weg, den das Land eingeschlagen hat. Ein Weg der Unfreiheit: Als Alevit sei er Anhänger einer gemäßigten Glaubensrichtung des Islam, die viele Verbote aus dem Koran nicht befolgt. Bei Familienfeiern säßen Männer, Frauen und Kinder an einem Tisch, während der Islam sonst eine Trennung der Geschlechter vorschreibe. Früher kein Problem, doch heute sei es nicht mehr möglich, sich zuhause auf den Balkon zu setzen und ein Bier zu trinken, ohne mit den Nachbarn in Streit zu geraten.

Doch der Konflikt bleibt nicht auf die Republik am Bosporus beschränkt. Die Teilung der Türkei in Erdogan-Anhänger und Erdogan-Gegner setze sich auch in Deutschland fort, sagt der Unternehmer. Viele Türken würden sich ausschließlich im Fernsehprogramm von TRT informieren, dem Erdogan-gesteuerten Staatssender. Sechzig Prozent der türkischstämmigen Sylter, schätzt er, zählten zu den Befürwortern des Präsidenten. So sei ein lockeres Gespräch in der Friedrichstraße zwischen Landsleuten über Politik nicht mehr möglich. „Erdogan-Anhänger haben nur ein Ziel – mit denen kannst du nicht diskutieren.“ Sogar die eigenen Kollegen hätten kein Vertrauen mehr untereinander. „Die sehen nur die Religion und nicht, was aus diesem Land geworden ist.“ Bislang hätten er und seine Familie die Ferien jedes Jahr an der türkischen Mittelmeerküste verbracht. „Jetzt habe ich Angst, dort Urlaub zu machen.“

Ein anderer türkischstämmiger Kaufmann stellt sich hinter Präsident Erdogan: „Besser so eine Regierung als gar keine.“ Ohne den umstrittenen Präsidenten drohe das Land im Bürgerkrieg zwischen Kurden, Armeniern und Syriern zu versinken – brandgefährlich für Europa. „Ich war bisher kein Erdogan-Fan“, erläutert der Sylter Unternehmer, „aber langsam werde ich dazu.“ Der Präsident sei demokratisch gewählt worden und er hoffe, dass er „die Region weiterhin im Griff hat.“ Die Welt brauche „starke Führungspersönlichkeiten wie Merkel, Putin und Erdogan“, um nicht aus den Fugen zu geraten. Er bezweifelt, dass der Staatsstreich vom türkischen Militär betrieben worden sei. „Unsere Armee ist nicht so hinterhältig.“ Sonst hätte sich ein General als Verantwortlicher präsentiert. Doch so blieben Zweifel an der Darstellung in den Medien. Er vermutet die Drahtzieher stattdessen in den USA, im Umfeld des türkischen Predigers Fethullah Gülen.


Angst, vor die Tür zu gehen


Äußerst beunruhigt über die Situation in der Türkei ist auch Filiz Pape von der Sylter Meersalzmanufaktur in List. Ihre Schwester lebt mit ihrer Familie in Istanbul. Zu der politischen Situation möchten beide nichts sagen, sie können jedoch berichten, wie das Leben in Istanbul derzeit aussieht: „Wir telefonieren im Moment jeden Tag zwei Mal“, so Filiz Pape besorgt. „Meine Schwester hat erzählt, dass sie Angst haben, vor die Tür zu gehen. Neulich fielen in der Nähe Schüsse und ein Mann, den sie gekannt haben, wurde erschossen. Meine Schwester ist schwanger und hat sich mit ihrem kleinen Sohn vor lauter Angst unter dem Bett versteckt. Sie halten sich von den Fenstern fern und bleiben generell lieber Zuhause. Nur die Männer gehen raus zur Arbeit.“ Auch die Restaurants und Bars in der Stadt seien deutlich leerer als sonst und die Menschen decken sich mit Lebensmitteln ein, um nicht täglich einkaufen gehen zu müssen. Den alljährlichen Familien-Sommerurlaub in der Türkei hat die Sylterin abgesagt.

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