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Sylter Rundschau

09. Dezember 2016 | 16:33 Uhr

15 Jahre Reisende Riesen im Wind : Als Sylt vor lauter Grün rotsah

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Reisenden Riesen im Wind vor dem Westerländer Bahnhof feiern ihren 15. Geburtstag.

Begeisterung und bodenlose Ablehnung: Vor 15 Jahren diskutierte Sylt derartig emotional über Kunst, wie es die Insel seither nicht wieder getan hat.

Er habe gelegentlich das Gefühl, er bräuchte einen Bodyguard an seiner Seite, sagte der damals 30-jährige Künstler Martin Wolke im Interview mit der Sylter Rundschau. Zuvor hatten in der Leserbrief-Ecke der Zeitung Urlauber und Gäste giftgrüne Galle gegen sein Werk gespuckt: An seiner Skulpturengruppe Reisende Riesen im Wind schieden sich die Geister. „Bei einigen Insulanern und Gästen hatte man den Eindruck, sie fühlten sich durch das Kunstwerk bis aufs Blut provoziert“, fasste die Sylter Rundschau die Stimmung zusammen.

Wie konnte es dazu kommen? Martin Wolke hatte nach einer landesweiten Ausschreibung mit seinem Entwurf den Auftrag gewonnen, den Westerländer Bahnhofsvorplatz für 200  000 Mark künstlerisch zu beleben. Dass es die Reisenden Riesen werden, hatte damals eine von der Politik beauftragte Jury entschieden. Doch nach einem Blick auf den knallgrünen Entwurf sah der eine oder andere Stadtvertreter rot. Johann Frank, Mitglied der damaligen Wählergemeinschaft Unabhängige Bürger Westerland, war, wie auch einige Mitglieder des SSW bereit, lieber eine Konventionalstrafe an den Künstler zu zahlen, als die bis zu vier Meter hohen Figuren Realität werden zu lassen. „Eine Konventionalstrafe ist immer noch besser, als ein Leben lang auf solche riesigen Dinger zu gucken“, fasste Peter Erichsen (SSW) diese politische Haltung zusammen. Seine Fraktion überlegte gar, die Westerländer in einem Bürgerbegehren über die Legitimation der Riesen entscheiden zu lassen. Dazu kam es allerdings nicht, die Politik entschied mehrheitlich, dass Wolke zu Werke schreiten dürfe.

Peter Erichsen hat sich mit den Riesen auch heute nicht richtig angefreundet: „Mich stören sie nicht mehr, aber schön ist was anderes. Gerade diese umgedrehten Gesichter finde ich wirklich schrecklich.“

Das sieht Riesen-Fan Petra Reiber anders: „Das ist ein Kunstwerk, das seiner Zeit schlicht voraus war. Sehr avantgardistisch. Viele Gäste und Bürger waren damals noch nicht so weit“, findet die ehemalige Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt. Reiber erlebte die gesellschaftlichen und politischen Debatten 2001 auf Einwohnerversammlungen, in Ausschüssen und in der überquellenden Leserbrief-Ecke der Sylter Rundschau aus nächster Nähe mit. Die Riesen und Künstler Wolke hat sie immer verteidigt: „Martin Wolke ist ein genialer Bildhauer“, sagt Reiber. Und: „Die Riesen sind in all den Jahren nie mit Graffiti beschmiert worden – auch das zeigt, dass sie akzeptiert sind.“ Vor allem aber hätte die grüne Kunst für Aufmerksamkeit gesorgt und bundesweit Abhilfe gegen das überalterte Image Westerlands geschaffen.

Und was sagt der Künstler heute? „ Es ging damals darum, dass der Bahnhofsplatz zur Kommunikation anregen sollte, dass auf dem Platz Leben stattfindet“, erinnert Wolke. Aus den Rückmeldungen, die er in den vergangenen Jahren erfahren habe, schließe er, dass dieses Konzept aufgegangen sei.

Für ihn, der bei der Ausschreibung 72 Mitbewerber hinter sich ließ, bedeuten die Reisenden Riesen damals und heute viel: „Ich habe in dieses Projekt sehr viel Herzblut gesteckt, es war eine spannende, wilde Zeit.“ Erschaffen wurde die Kunststoff-Familie von ihm in einem dafür angemieteten Lok-Schuppen in Kiel. Die Produktion dauerte allerdings länger als gedacht - letztendlich musste der Enthüllungstermin vom Sommer auf Oktober 2001 verschoben werden.

Die feierliche Enthüllung wurde von zahlreichen Schaulustigen beobachtet - und heute zählt die grüne Familie zu den beliebtesten Fotomotiven der Sylter Urlauber. Das ist es auch, was der heutige Sylter Bürgermeister Nikolas Häckel an ihnen schätzt: „Sie sind das Wahrzeichen am Bahnhof.“ Schön, findet er, müsse man die Riesen nicht finden. Ihren Zweck – zum Nachdenken anzuregen, zu polarisieren, erfülle die grüne Truppe trotzdem. Und hinsichtlich der einstigen Kontroversen um sie erinnert Häckel daran, dass auch die Nacktheit der Wilhelminen-Figur in der Westerländer Fußgängerzone die Sylter Gemüter einst schwer beschäftigt habe. Auch das ging vorbei.

Und nun? Sollte es zum Geburtstag der Familie nicht eigentlich Nachwuchs geben? Vielleicht ein grünes Riesen-Baby? Martin Wolke könnte sich mit der Idee anfreunden, sagt er. Vor allen Dingen aber würde er sich wünschen, dass seine Kernfamilie mal wieder in dem Knallgrün erstrahlt, in dem sie vor 15 Jahren das Licht der Welt erblickten. Dazu würde der Stadt seit drei Jahren ein Kostenvoranschlag vorliegen. Von dem weiß Häckel, seit einem Jahr im Amt, nichts. „Ich weiß, früher waren die grüner“, so der Bürgermeister. Er habe das allmähliche Verblassen allerdings immer eher als Teil des Konzeptes gesehen.

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erstellt am 19.Apr.2016 | 05:54 Uhr

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