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Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 19:12 Uhr

Welt-Aids-Tag 2016 : „Aids hat keine Lobby“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Interview mit Elke Wenning, Vorsitzende der Aidshilfe Sylt

Seit rund 21 Jahren ist Elke Wenning Herz und Seele der Sylter Aidshilfe: Als der Verein 1995 auf der Nordseeinsel gegründet wurde, stieg die Veranstaltungsleiterin des Kursaal³ auf Sylt sofort ein. Als Gründungsmitglied engagiert sich die gelernte Krankenschwester bis heute in der „Aids-Hilfe Sylt aktHIV für Nordfriesland“. Jedes Jahr organisiert sie eine Spenden-Gala auf der Insel, die zuletzt am 26. November auf Sylt gefeiert wurde. Im Oktober wurde der 61-Jährigen von Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) in Kiel das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement in der Aidshilfe Sylt verliehen.

Frau Wenning, wie viel Geld ist in diesem Jahr bei der Aids-Gala zusammengekommen?
Das kann ich noch nicht endgültig sagen. 6280 Euro haben wir mit der Tombola eingenommen. Viel ist das nicht: 10 000 wollte ich eigentlich haben, aber das hat nicht geklappt. Wie viele zusätzliche Spenden vor und während der Gala zusammengekommen sind, kann ich erst im Januar sagen.

Bereuen Sie die Entscheidung, die Aids-Gala im nächsten Jahr nicht mehr selbst zu organisieren?
Nein, das bereue ich nicht. Im Verein bleibe ich ja weiter aktiv. Diese Gala, deren Organisation ich jetzt abgebe, ist nur ein verschwindend geringer Teil meiner jährlichen Arbeit für die Aidshilfe.

Wer wird die große Veranstaltung 2017 organisieren?
Sechs bis sieben Auf-und Abbauhelfer – alles Freunde und Kommilitonen meiner Söhne – haben zugesagt, die Gala organisieren. Das läuft auch, da habe ich ein gutes Gefühl. Sie haben schon in den vergangenen Jahren bei der Veranstaltung auf Sylt mitgeholfen.

Gehört Aids noch immer in die Schmuddelecke?
Auf jeden Fall. Da hat sich gar nichts getan. Es hat nach wie vor mit Sexualität zu tun und es wird auch heute nicht gern öffentlich darüber gesprochen. Es hat auch keine Lobby.

Outen sich heute trotzdem mehr Menschen mit HIV in Deutschland?
Nein, nein absolut nicht. Dafür sind ja auch die Aidshilfen da.

Was hat sich im Laufe der Jahre bei Ihrer Arbeit in der Aidshilfe verändert?
Bei der Gründung 1995 lag das Hauptaugenmerk bei der Sterbebegleitung. Das ist heute anders: Der Fokus liegt auf Prävention und psychosozialer Beratung – bei Menschen, die sich nicht outen mögen, weil sie Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung haben.

Was sorgt denn für diese Stigmatisierung?Welche Ängste haben die Menschen heute im Umgang mit den Erkrankten?
Fehlende Aufklärung, nach wie vor. Angst davor, nicht genau zu wissen, wie zum Beispiel die Übertragungswege sind. Ein junger Mann, der gerade aus Kenia zurückgekehrt war, hat mich neulich gefragt, ob es auch HIV über Mücken übertragen werden kann. Da wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Daran sieht man, wie viel bei den Leuten ankommt. Das HI-Virus stirbt in Verbindung mit Sauerstoff sofort ab, da passiert gar nichts.

Was muss denn passieren, damit die Vorbehalte gegenüber HIV-positiven Menschen verschwinden?
Es kann nur die Aufklärung sein. Nichts anderes. Ich kann die Ängste ja nur abbauen, wenn ich gut informiert bin.

Ja,  aber das Interesse scheint eher klein: Berichte über AIDS-Erkrankungen sorgen in der Öffentlichkeit nicht mehr für besonders große Aufregung. Oder?
Auf jeden Fall. Das Thema ist nicht mehr so präsent, besonders bei den Jugendlichen. Es gibt Medikamente, die dafür sorgen, dass man mit HIV inzwischen viele Jahre gut leben kann. Man kann den Virus lange im Zaum halten, sodass die Betroffenen arbeitsfähig bleiben. Sobald es allerdings zur Erkrankung kommt, hat sich bei der Lebenserwartung nichts verändert ...

Befürchten Experten jetzt wieder einen Anstieg der Infektionsrate?
Die Infektionsrate steigt nicht, sie geht aber auch nicht runter. Das liegt an der fehlenden Prävention. Außerdem hat sich das Einstiegsalter verändert. Es sind jetzt nicht mehr die 50- bis 70-Jährigen, sondern die Neuinfizierten sind heute jünger als früher.

Woran liegt das?
Daran, dass das Thema HIV und Aids weit weg ist. Es ist nicht mehr so präsent, vor allem bei Jugendlichen. Vor rund zehn Jahren hatten wir die großen Fernsehspots: „Gib Aids keine Chance!“ An jedem Bahnhof waren große Plakate. Dadurch war die Krankheit in vielen Köpfen drin. Das ist heute nicht mehr so.

Warum wurden diese Aufklärungs-Kampagnen gestoppt?
Weil die dachten, jetzt sei jeder informiert. Sie dachten, jetzt wissen alle Bescheid.

Tun sie offenbar nicht. HIV ist unter Homosexuellen weiter verbreitet als unter Heterosexuellen. Wie stecken letztere sich an?
Wie bei den Homosexuellen auch, durch Sex. Dabei können kleine Fissuren im Intimbereich entstehen, die eine Übertragung des Virus begünstigen. Gerade Frauen stecken sich häufig bei Männern an, weil diese bei Geschäftsreisen auch immer gern andere Kontakte haben.

Das heißt, sie gehen zu Prostituierten?
Ja. Wir haben vor ein paar Jahren eine Umfrage unter Prostituierten in Hamburg gemacht. Einige Männer „kaufen“ die Frauen auch gern mal für 100 Euro mehr ohne Kondom ein.



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erstellt am 01.Dez.2016 | 05:30 Uhr

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