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Sylter Rundschau

31. Oktober 2014 | 23:52 Uhr

Jürgen Gosch : "Achtzig Prozent meiner Nahrung ist Fisch"

vom

Er ist bekannt wie ein bunter Hund - nicht nur auf Sylt. Im Interview spricht Jürgen Gosch über die Bedeutung des neuen "Gosch am Kliff", Überfischung und die Zukunft der Marke.

Wenningstedt | Viele Absagen hat Jürgen Gosch (71) nicht erhalten für die Einweihung seines neuen Flaggschiffes auf dem Wenningstedter Kliff. Gut 350 geladene Gäste werden es sich nicht nehmen lassen, bei der Sylter Neueröffnung des Jahres dabei zu sein. Mit dem aus dem Boden wachsenden Prachtbau setzt der 71-Jährige einmal mehr neue Akzente, wovon sich zahlenden Gäste ab der Woche nach dem Surf Worldcup überzeugen können.
Beim Richtfest für das Lister Hafendeck vor acht Jahren haben Sie gesagt, dass es Ihr letztes großes Projekt sein wird. Ein guter Prophet sind Sie nicht gerade, oder?
Nee, ich habe ja auch Maurer gelernt. Und als solcher baue ich einfach gerne (lacht). Damals konnte ich ja nicht wissen, dass die Gemeinde Wenningstedt-Braderup mal auf mich zukommt und mir einen Grundstückstausch anbietet, damit "Gosch am Kliff" dem neuen Kurhaus nicht den Blick aufs Meer nimmt. Da konnte ich als Wenningstedter nicht nein sagen. Von dem Deal haben beide Seiten etwas.
Welche Bedeutung hat der Neubau für Sie persönlich und für das Gosch-Imperium?
Wir sind alle super glücklich, dass er so toll geworden ist. Ich wollte der Insel nicht noch eine Bretterbude bescheren, sondern was mit Stil. Das Gebäude soll schließlich hundert Jahre halten. Dazu das Meer, Dünen, Sonne und Wolken als Deko - mehr geht eigentlich nicht. Davon soll auch die nächste Generation noch gut leben können. Darum haben wir hier auch keinen Cent gespart und nur mit guten Firmen von der Insel und aus Schleswig-Holstein gearbeitet. Wichtig ist mir aber auch, dass ich dadurch nicht meine anderen Läden auf der Insel schwäche. Ich hoffe, dass wir eher noch ein paar Gäste dazugewinnen. Beflügeln wird dieser Bau hoffentlich auch meinen Franchisenehmer in ganz Deutschland. Die werden sich das alle angucken und hoffentlich ein bisschen neidisch - und vielleicht motiviert, selbst was Neues zu wagen.
Was ist an dem Konzept anders als beim alten "Gosch am Kliff"?
Wir machen es genauso wie vorher. Man holt sich sein Essen am Tresen, nimmt eine Flasche Wein, setzt sich hin und genießt den Blick aufs Meer. Wir werden keine Gourmet-Schiene fahren, sondern alles ganz locker handhaben. Hier kann jeder so lange sitzen wie er will und meinetwegen können die Kinder auch mit dem Fahrrad reinfahren, Hauptsache die Leute fühlen sich wohl. Natürlich ist alles eine Klasse schöner und besser geworden, aber das kann nur zum Vorteil sein. Architektonisch ist dieser Laden einmalig.
Immer größer, immer mehr - wie viel Gosch verträgt die Insel eigentlich?
Wir wissen genau, dass es Unsinn ist, neue Läden zu bauen. Dann verteilen wir nur unseren Umsatz. Hier verbessern wir ja nur das alte Gosch am Kliff. Wir bieten drinnen mehr Platz und damit Unabhängigkeit vom Wetter, dadurch sollen die Leute ein bisschen länger bei uns verweilen. Das erhöht hoffentlich den Umsatz, ich möchte mein investiertes Geld schließlich noch zu Lebzeiten wieder raus haben.
Und wie viel Gosch verträgt die Republik?
Die Frage ist eher, was verträgt meine Fabrik in Ellingstedt noch? Da arbeiten schon über hundert Leute, um die 22 Läden auf dem Festland zu versorgen. Wir wollen schließlich Gosch bleiben und selber produzieren und darum künftig sicher langsamer wachsen, ich will nicht nach vorne puffern und hinten geht alles drunter und drüber. Wir kennen die Gefahr von Firmen, die zu schnell expandieren und sich nicht um den Altbestand gekümmert haben.
Das Wachstum bringt gelegentlich auch Kritiker auf den Plan. Auf Rügen gab es Hass-Aufkleber und der Bauzaun hier glich anfangs einer Anklagemauer. Wie sehr trifft Sie solche Kritik?
In Binz waren das ja nur zwei, drei Leute, die da ja selber ein Fischlokal hätten aufmachen können. Die haben sich am Namen "Gosch Sylt" gestört. Aber Wienerwald heißt ja auch überall Wienerwald. Die Parolen hier waren zuerst erschreckend für mich, weil ich kein schlechtes Gewissen hatte. Mit der Gemeinde war alles ganz sauber abgearbeitet. Ich habe hier ja noch nicht einmal Mitarbeiter wohnungen gebaut. Im Altbau sind acht Appartements, die ich jetzt verliere. Wir haben nichts getan, was wir nicht durften, darum habe ich mir gesagt: ruhig bleiben, die verlieren irgendwann die Lust, wenn sie keinen neuen Stoff mehr kriegen. Ich kann damit leben, habe aber keine Lust, mich mit solchen Leuten auseinander zu setzen.
Woher nehmen Sie das Gespür dafür, was bei den Gästen ankommt?
Dieses Gespür hat nix mit Intelligenz zu tun, sondern mit langjähriger Erfahrung. Ich komme von der Küste und bin ein Frontmann. Wenn ich ein gutes Produkt habe, bin ich auch sicher, dass ich es verkaufen kann. Ich könnte nie etwas verkaufen, was mir selbst nicht gefällt. Und dann bin ich ja auch Urlauber und teste mich immer selber. Wenn die Atmosphäre stimmt, die Verkäufer nett, Qualität und Preise okay sind, dann hat man immer seine Gäste.
Mögen Sie selbst noch Fisch und wenn ja, welchen am liebsten?
Achtzig Prozent meiner Nahrung ist Fisch. Die Seezunge ist mein Lieblingsfisch und wird es bleiben. Aber ich esse auch gerne Nordseekrabben und frischen Dorsch. Die Nordsee hat einfach den besten Fisch.
Vor kurzem gab es in Kampen eine Aktion gegen die Überfischung. Warum war Gosch nicht dabei?
Davon habe ich vorher gar nichts gewusst. Das viel größere Problem als die Überfischung oder irgendwelche Fangquoten ist sowieso der Fang von Fischen, bevor sie abgelaicht haben. Wenn ich sehe, wie viele Fische voller Laich bei uns landen, ist das eine Katastrophe. Klar, dass dann der Nachwuchs fehlt. Ich plädiere seit Jahren dafür, während der Laichzeit den Fang einzustellen und den Fischern einen Ausgleich zu zahlen. Warum richtet die EU nicht einen Fond-System ein, bei dem der Fischer einen Euro mehr pro Seezunge erhält und sie dafür beim Laichen in Ruhe lässt? Ich wäre der Erste, der da mitmacht. Dann kostet der Fisch auf dem Teller vielleicht 30 Cent mehr, aber die Fischer können davon leben und wir haben auch in zehn Jahren noch Fisch.
Wird Jünne Gosch künftig mehr in Wenningstedt als in List zu finden sein?
Der wird hier irgendwann den Diesel anschmeißen und wenn der warm ist und die Maschine von alleine läuft, wird er sich zeit- und arbeitsmäßig halbieren, ein paar Stunden hier und ein paar in List. Da ist die Keimzelle, da habe ich meinen Fanclub und da gehöre ich hin.
Woher nehmen Sie mit fast 72 Jahren die Energie, nicht nur den Laden am Laufen zu halten, sondern auch immer wieder neue Akzente zu setzen?
Das frage ich mich manchmal auch. Ich glaube das sind die Gene. Es gibt immer ein paar Verrückte auf der Welt. Mir macht das Spaß. Nichts zu tun wäre für mich viel mehr Stress.
Schon mal Gedanken darüber gemacht, wer das Lebenswerk fortführen soll?
Die Gedanken mache ich mir schon länger. Ich habe die Läden so organisiert, dass sie selbstständig arbeiten können und keiner von einem anderen abhängig ist. Dazu gibt’s eine funktionierende Verwaltung. Da können meine Kinder entweder mitmachen oder später einfach nur davon leben, ganz wie sie wollen. Unter Druck funktioniert das nicht, aber wir kriegen das auch so hin.
Funktioniert die Marke Gosch denn auch ohne das bekannte Gesicht von Jünne?
Vor 20 Jahren wäre das sicherlich nicht gegangen, aber wenn Jünne hier in Wenningstedt nicht selbst ist, wird der Laden garantiert genauso gut laufen. Wir gehören mittlerweile zu den 200 bekanntesten Firmen in Deutschland, da ist die Marke stark genug, auch ohne mich erfolgreich zu sein. Außerdem bin ich so alt, dass ich manchmal glaube, die Leute fragen aus Mitleid oder Sorge um mein Wohlbefinden nach mir.
Wieweit ist die Marke Gosch von Sylt abhängig?
Sylt hat Gosch erst bekannt gemacht. Gosch ohne Sylt hätte so nicht funktioniert, auch wenn der Name kurz und einprägsam ist. Mittlerweile ist es glaube ich so, dass Sylt und Gosch sich gegenseitig befruchten.

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von
erstellt am 17.Sep.2012 | 10:52 Uhr

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