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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 06:11 Uhr

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

  Morgens um 4.30 Uhr in der Nordmarkstraße. Eine Stunde vor Sonnenaufgang verstaut Hans Jessel sein altes Stativ auf dem Gepäckträger, den Rucksack mit der Kamera auf dem Rücken, und fährt mit dem Rad raus in Richtung List. Zwei Stunden später hat er das Bild im Kasten, das am Abend zuvor in seinem Kopf entstanden ist: eine Friesenfahne flattert im Wind, bunt leuchtender Mittelpunkt zwischen der Brandung, dem Weststrand und dem sich im Wind wiegenden Strandhafer. Am Horizont ein Regenbogen, der alle Farben des Bildes wie in einem Pinselstrich zusammenfasst. Doch das eigentliche Motiv sind weder Wasser, Sand noch Strandhafer – es ist der Himmel. Tiefhängende Wolken, die im frühen Morgenlicht der Landschaft ihre Prägung und dem Foto seine Dramatik geben.

Wolken – im Werk des Inselfotografen Hans Jessel nur auf den ersten Blick nebensächliches Detail seiner Landschaftsaufnahmen. Tatsächlich sind Wolken für Jessel das zentrale Motiv, und daher sind seine Aufnahmen so nur auf Sylt möglich. Wolkengebilde, scharf abgegrenzt wie die Sprossen eines Blumenkohls. „Im Zusammenprall von Meer und Land bilden sich ganz besonders konturierte Wolken aus“, sagt der 60-jährige. „Mus-Wolken gehen gar nicht!“

Die Begeisterung für das Spiel am Himmel hat der Fotograf mit dem verschmitzten Lächeln und den wachen blauen Augen von seinem Vater geerbt. Prof. Dr. med. Uwe Jessel war Mediziner am Institut für Bioklimatologie in Westerland, hat das Wechselspiel von jodhaltiger Luft, Salzwasser, Wolken und Sonne studiert und unter anderem für die Heilung von Patienten mit Haut- und Atemwegskrankheiten genutzt. Schon als kleiner Junge habe er ein Wettertagebuch geführt, erinnert sich der Sylter. „Für mich ist es entscheidend, was sich am Himmel tut.“ So jagt er Lichtsituationen hinterher, versucht zu ahnen, wo und wann der Himmel aufreißt, „um dort zu sein, wenn die Wolken am schönsten sind.“ Die Vorbereitung mit Hilfe einer Wetter-App im Smartphone macht sich bezahlt: „Bei meinen besten Fotos“, sagt Jessel, „spielt sich alles am Himmel ab.“ Bei starkem Wind sucht er seine Motive an der Westküste der Insel, an ruhigen Tagen zieht es ihn mit dem ersten Sonnenlicht des Tages an die Ostküste. „Das massenweise Produzieren guter Fotos erfordert eine professionelle Herangehensweise“, sagt der Experte, „und man muss massenweise produzieren, um in die schwarzen Zahlen zu kommen.“

Die Faszination von den Kräften der Natur war schon 1962 sein Motiv, als der kleine Hans die Zerstörungen der großen Sturmflut an der Promenade mit Hilfe einer „Box“ auf Rollfilm festhielt. 1978, als Zivi bei der Schutzstation Wattenmeer, entdeckte Jessel die Fotografie als seine Leidenschaft und investierte das Ersparte in eine Minolta SRT-100X. Im August 1980 entstand das erste Foto, mit dem er Geld verdient hat – das Schwarzweißbild einer mannsgroßen „Sylter Welle“. Fortan konnte der Insulaner sein Geografie-Studium in Kiel mit der Fotografie finanzieren, mit Vorträgen und Wattführungen. An der Uni hat Jessel auch seine spätere Frau kennengelernt. Silke von Bremen ist wie ihr Mann von Beruf Diplom-Geograf und auf Sylt als Gästeführerin bekannt und geschätzt.

Nach dem Studium hat Jessel weiter auf Sylt fotografiert, ging aber auch als Fotolektor mit der MS Hanseatic auf Kreuzfahrten und lernte dabei so abgelegene Orte wie die Teufelsinseln im Pazifik kennen – mit einem Schlauchboot inmitten von Hammerhaien. In den 90er Jahren entstanden dann zahlreiche Kalender, Bücher und Bildbände mit Fotos von den europäischen Küstenregionen. Mit den großen Reisen in alle Welt hat Jessel abgeschlossen, heute reichen ihm ein paar Tage in Hamburg, um mal von Sylt wegzukommen. „Wenn man hier groß wird, empfindet man die Insel als normal“, weiß der Fotoprofi. „Erst wenn man viel gereist ist, merkt man, wie toll Sylt ist.“

Jessels Kompromisslosigkeit wird auch bei seiner Fotoausrüstung deutlich. „Vom ersten Fotohonorar hab’ ich mir gleich eine Leica gekauft,“ erinnert sich der 60-Jährige, „und hab dafür wochenlang nur von Kartoffelpuffer gelebt.“ Der Inselfotograf ist stets auf der Suche nach dem besten Motiv und will dann auch die beste Kamera dabei haben. Für analoge Fotos im 9x12cm-Großformat kommt eine Arca Swiss in den großen Rucksack, für Digitalfotos die neue Mittelformat-Spiegelreflex Leica S.

Das Ergebnis gibt Jessel Recht: Wenn es um großformatige Bilder von der Insel in gestochen scharfer Auflösung geht, kommt man um die Jessel-Optik nicht herum.


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erstellt am 23.Jul.2016 | 05:05 Uhr

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