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Stormarner Tageblatt

06. Dezember 2016 | 09:24 Uhr

Zwischen Elend, Erholung und Hoffnungsschimmer

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Verein „Pryvit – Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ bietet jungen Gästen in Großhansdorf eine sorgenfreie Zeit / Ihre Heimat ist eine vergessene Region

Drei Wochen lang bekamen 17 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in Großhansdorf die Möglichkeit, sich intensiv medizinisch durchchecken und einzelne Erkrankungen sofort behandeln zu lassen. Ein buntes Rahmenprogramm ergänzte den Aufenthalt und bot den Kindern eine Ablenkung vom Alltag.

18 Augenpaare richteten sich bei der persönlichen Begrüßung jedes einzelnen Kindes erwartungsvoll auf Janhinnerk Voß. Diese liebgewonnene Tradition lässt sich der Bürgermeister nicht nehmen, auch wenn die Zeit knapp bemessen ist. Die Frage nach dem schönsten Ausflugsziel wurde hingegen einstimmig beantwortet: Serengeti Park, wo einem die Affen auf die Köpfe springen. Aber auch die anderen Stationen wie das Ariba-Schwimmbad in Norderstedt, ein Besuch bei der Freiwilligen Feuerwehr oder eine Fahrt an die Ostsee fanden bei den sieben- bis 17-Jährigen wieder großen Anklang. Seit 2012 ermöglicht der Verein Pryvit Kindern und Jugendlichen aus Tschernobyl einen Aufenthalt in Großhansdorf. Rund 30 Jahre ist der Reaktorunfall in der einstigen Kornkammer der Ukraine nun her. Wo sich früher moderne Städte wie Prypjat entwickelten und der Hauptarbeitgeber das Kernkraftwerk war, wohnen heute nur noch die Ärmsten der Armen. Arbeit gibt es kaum, die Nahrungsmittel sind verseucht und die Familien zerrüttet. Doch selbst in ihrer Heimat gerate diese Region langsam immer mehr in Vergessenheit, berichtet Studentin Natalie Gwosdenko (20), die in diesem Jahr als Betreuerin und Dolmetscherin dabei ist.

Ausgehend vom Schullandheim Erlenried unternehmen die Kinder aber nicht nur Ausflüge, sondern werden in der Augenabteilung der Park Klinik Manhagen sowie im Zahnschiff Ahrensburg gründlich durchgecheckt. Eine Teilnehmerin ist bereits zum zweiten Mal dabei. Dies sei eine Ausnahme weiß Wulf Garde, Vorsitzender und Begründer des Vereins: „Uns ist das Mädchen bei seinem letzten Aufenthalt wegen einer ausgeprägten Augenfehlstellung aufgefallen. In diesem Jahr bekommt sie die Möglichkeit einer Augen-Operation, bei der dieser Fehler korrigiert werden soll.“

Ebenfalls Glück hatte ein 17-jähriger Junge, bei dem eine Zyste im Kiefer entdeckt wurde. Wegen akuter Probleme erklärte sich das Bundeswehrkrankenhaus mit einer Operation einverstanden. „Der Kiefer des Jungen ist an einer Stelle nur noch wenige Millimeter dick, hier muss ein Spezialist ran“, erklärt Wulf Garde. „Die Kosten werden wir vom Verein zuerst auslegen und dann versuchen, mit einem Spendenaufruf zu decken.“ Insgesamt beläuft sich die Summe pro Jahr auf etwa 25  000 Euro.

Unersetzlich ist ebenfalls der enorme Einsatz aller Helfer und nicht zuletzt von Wulf Garde persönlich, der oft bis zu zehn Stunden täglich mit der Organisation des Aufenthaltes beschäftigt ist. Bei eigenen Besuchen in der Ukraine konnte sich der pensionierte Physiklehrer selber von der katastrophalen Situation vor Ort überzeugen. Von einem ehemaligen Verfechter der Atomenergie wurde er so für einige Kinder zu einem Hoffnungsschimmer in der Not.

Das Engagement des Vereins wurde Anfang dieses Jahres mit dem Olof-Palme-Friedenspreis ausgezeichnet, unter anderem für seinen Einsatz für die Völkerverständigung. In dem Freiwilligen-Team arbeiten Betreuer aus Russland und der Ukraine zusammen. „Es geht um die Kinder“, betont der 26-jährige Jurastudent Ivan. „Hier muss die Politik in den Hintergrund treten.“

Zum Abschied des schönen Aufenthalts und als Dankeschön veranstalten die Kinder traditionell ein buntes ukrainisches Fest. Es findet heute ab 15 Uhr im Schullandheim Erlenried statt.




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