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Stormarner Tageblatt

04. Dezember 2016 | 21:27 Uhr

Bad Oldesloe : Waidmanns Heil bei der Tierbeobachtung

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Jäger im Kreis stellen ihre Arbeit vor. Teil 5 der Serie zu Jagd und Wild beschäftigt sich mit dem „Ansitzen“.

Man sitzt und sitzt und sitzt.“ In dem Satz liegt aber nicht die leiseste Spur einer Klage, wenn Uwe Danger das Ansitzen auf einen Rehbock beschreibt. Gegen 20 Uhr bezieht der passionierte Oldesloer Jäger seinen Platz in der Halbkanzel, die ihm einen Rundumblick über weite Weizenfelder erlaubt. Die zweieinhalb Stunden bis zur Dunkelheit vergehen wie im Fluge. Schon nach kurzer Zeit hoppelt ein Hase durch die Fahrspur im Getreidefeld, er nimmt Kurs auf die „Hasenapotheke“. Das ist ein Blühstreifen, den die Jäger im zeitigen Frühjahr anlegen, um die Fruchtlücke für Hase und Reh zu überbrücken. Dort blühen jetzt Hafer, Luzerne und Klee. Der Hase braucht Abwechslung, um gesund zu bleiben.

 Der Ansitz steht mittendrin. Mancher denke, so Danger, dass es sich der Jäger damit leicht macht: Das Reh wird schon dahin kommen, wo das Futter wartet. „Es kommen eher die schwachen Tiere her“, sagt Uwe Danger. Es ist Rehbocksaison und es sind die alten, kranken, kümmerlichen, auf die der Jäger anlegt. Schon zeigen sich zwei Ohren über dem Weizen, kein Gehörn, auch keine kleinen Knöpfchen. Um das zu unterscheiden, greift Uwe Danger zum Spektiv, um in 40-facher Vergrößerung auch Details zu erkennen.

  Die Ricke ist gut 300 Meter weg und legt sich wieder hin. Sie hat Schonzeit. „Es ist wichtig, dass die Tiere durch das Jagdgesetz geschützt sind. Es legt unter anderem die Schonzeit fest. Die zu missachten ist eine Straftat“, erklärt der erfahrene Jäger und Geschäftsführer der Stormarner Kreisjägerschaft.

Geduldig schaut er weiter und wird belohnt: Am Himmel über den weiten Feldern zwischen Alt- und Neufresenburg ziehen drei Kraniche vorbei, wenig später kreuzt eine Kornweihe. Nach Einbruch der Dunkelheit meldet sich ein Bussard aus der dicht bewachsenen Senke an der Pulverbek. Von dort könnte – im Rücken des ansitzenden Jägers – auch Wild auftauchen, vielleicht Wildschweine, Losung wurde gesichtet. Der Wind steht günstig, auch wenn er an diesem Abend stetig seine Richtung wechselt. Uwe Danger liest das auch an den Wolkenweher Windkrafträdern ab. Dann springt der zweite Hase aus dem Feld. Uwe Danger hört ihn schon. In 40 Jahren als Jäger sind Auge und Ohr bestens geschult.

 Und plötzlich klopft es ganz leise auf dem Mobiltelefon: Der Sohn des Jägers fragt: „Habt Ihr Anblick gehabt?“ Und was für einen! Je weiter der Vollmond aufsteigt, desto lebendiger wird das Kornfeld. Zwischen der Kirchturmspitze der Peter-Paul-Kirche und der Silhouette des Ströh-Silos treibt ein Rehbock eine Ricke vor sich her. Das begeistert auch den „Alten Hasen“ auf dem Hochsitz: „Das habe ich in 40 Jahren auch nur ein Dutzend Mal gesehen.“ Es ist Brunftzeit bei den Rehen. Sichtbares Zeichen sind die so genannten Hexenringe im Getreide: durch das Treiben des Schalentier-Paars herunter getretene Halme in sich kreuzenden Windungen.

  Alle Böcke und Ricken, die Uwe Danger im Neufresenburger Revier des Jagdinhabers Martin Freiherr von Jenisch, wo er mitjagt, sieht, versprechen eine gute Nachzucht im nächsten Jahr. Ein schöner Anblick heute Abend, aber kein Wildbret. „Es geht um Nachhaltigkeit, meine Söhne wollen vielleicht auch mal den Jagdschein machen.“ Seine Frau Elke Niemeier hat ihn auch seit langem und nicht nur das: Beim Landeswettbewerb im jagdlichen Schießen hat sie Platz 3 belegt und sich damit für die Deutsche Meisterschaft 2016 qualifiziert.

Die Wettbewerbsvorbereitung dient nicht allein dem sportlichen Ehrgeiz, sondern vielmehr dem sicheren und waidgerechten Schuss bei der Jagd. „Den Finger krumm machen, kann jeder“, sagt Danger. Die Arbeit fange aber erst nach dem Jagdglück richtig an. Das Wild ist zu suchen, aufzubrechen und abzutransportieren. Bis etwa 100 Meter ist ein treffsicherer Schuss möglich. Eine Kugel fliegt fünf Kilometer weit. „Ist die Kugel aus dem Lauf, hält sie nicht einmal mehr der Teufel auf“ – eine Redewendung unter Jägern, die auch immer wieder bei den Belehrungen beim gemeinschaftliche Jagen fällt: Es geht um Sicherheit.

 Ein Geschoss ist schneller als der Schall, das erklärt eine andere Redewendung: „Er hat den Schuss nicht gehört.“ Bei einem präzisen Schuss fällt das Wild, ohne den Schuss wahrgenommen zu haben. Uwe Danger ist das in diesem Jahr schon zwei Mal geglückt: bei einem Rehbock und einem Fuchs.
Jäger müssen sich an eine Abschussquote halten, die aber auch Fallwild, Tiere, die zum Beispiel den Winter nicht überlebt haben, und verunfalltes Wild beinhaltet. Das sind an der Straße zwischen Bad Oldesloe und Bad Segeberg im Schlamersdorfer Umfeld nicht wenige. Für die rund 300 Hektar Land dieses einen Reviers von Baron von Jenisch sind das zum Beispiel zwölf bis 16 Stück Rehwild im Jahr.
 Jäger scheinen geduldige Menschen zu sein, bei Uwe Danger fällt die große Ruhe und Zufriedenheit auf. Manchmal gehe er zwei oder drei Mal die Woche zur Jagd, manchmal gar nicht. „Schön, hier zu sitzen“, sagt der pensionierte Polizist, gleich nachdem er auf dem schmalen Brett auf dem Hochsitz Stellung bezogen hat. Und nach drei Stunden, drei Ricken, zwei kerngesunden Böcken, zwei Hasen, drei Kranichen und der Kornweihe, die sich alle noch ihres Lebens in der Natur um Bad Oldesloe erfreuen, sagt der 60-Jährige: „Ich gehe glücklich nach Hause.“

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