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Stormarner Tageblatt

11. Dezember 2016 | 12:55 Uhr

Stormarns Landräte : Unterstützer und Gegner in der NS-Zeit

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Nach mehr als drei Jahren liegt die historische Einschätzung der Stormarner Landräte während der Nazizeit vor.

Die Porträts aller Landräte, die in Stormarn gewirkt haben, sind im Stormarnhaus zu besichtigen. Vor dreieinhalb Jahren stellten die Linken einen Antrag, die Porträts der Landräte aus der Zeit des Faschismus aus der „Ahnengalerie“ im Stormarnhaus zu entfernen. Der Kreistag lehnte das ab, beschloss aber, das Lebensläufe und Wirken der Landräte aus jener Zeit, aufgearbeitet werden sollten. Stefan Watzlawzik, Leiter des Kreisarchivs, hatte bereits Informationen zusammengetragen, eine wissenschaftliche Aufarbeitung wurde durch Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung möglich. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Der Historiker Henning K. Müller hat sich mit den Menschen befasst, die vor, während und nach dem Dritten Reich Landrat in Stormarn waren, einige nur für kurze zeit und/oder vertretungsweise. Dass in Zeiten der NS-Herrschaft viele Mitglieder in der NSDAP, SA, SS oder anderen Organisationen waren, überrascht nicht. Als Unterstützer des NS-Regimes hat Henning K. Müller aber lediglich zwei ausgemacht: Wilhelm Paasche der im Mai 1945 von den Briten eingesetzt worden war, ohne dass seine Vergangenheit überprüft worden war und 1946 des Amts enthoben wurde, sowie Constantin Bock von Wülfingen. Der Jurist, der 1932  in die Deutschnationale Volkspartei eingetreten war, wurde im April 1933 Landrat. Seine vierjährige Amtszeit war von finanzieller Misswirtschaft und Auseinandersetzungen mit dem NSDAP-Kreisleiter Erich Friedrich geprägt, so das Gutachten.

Im Mai 1937 wurde Bock von Wülfingen abgesetzt. Im Juni trat er in die NSDAP ein und kam im Staatsdienst in Hamburg unter. „Trotz vieler Auseinandersetzungen mit NS-Funktionären, trotz seines sporadischen Einsatzes für NS-Gegner und für die kampflose Übergabe Hamburgs an die britischen Truppen ist Bock von Wülfingen als Unterstützer des Regimes einzustufen“, so das Fazit von Henning K. Müller.

Auf ihn folgte Erich Keßler, zu dem es keine biografischen Informationen gibt und dessen Personalakte sich vermutlich im Bundesarchiv in Koblenz befindet. Nach Kriegsende war Keßler in leitender Position im Innenministerium tätig.

Mitglied in NS-Organisationen wurde später auch Friedrich Knutzen, der von 1920 bis zu seiner Absetzung 1933 Stormarner Landrat war und als Mitglied demokratischer Parteien einen eher linksliberalen Kurs vertrat. Er habe aber nie eine opportunistische Haltung eingenommen und seine Mitgliedschaften seien seiner Stellung im Staatsdienst geschuldet gewesen, so das Fazit.

Ein ähnliches Urteil gibt Historiker Müller zu Friedrich Karl von Lamprecht ab, der als Steinburger Landrat von August 1942 bis Juni 1943 zusätzlich Stormarn übernahm.

Die kommissarischen Landräte hatte es gegeben, weil Rolf Breusing im August 1942, zwei Jahre nach seiner Ernennung, wieder zur Wehrmacht eingezogen wurde, offiziell aber Stormarner Landrat blieb. Breusing war bereits 1930 als Student in die NSDAP eingetreten. Als Landrat ließ er sich als Berichterstatter für den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS anwerben, legte sich aber auch mit der NSDAP-Kreisleitung an. Müller sieht Breusing, der von 1956 bis 1975 Geschäftsführer des Landkreistags war, als Technokraten, der sich strikt dafür einsetzte, dass der staatliche Verwaltungsapparat möglichst unabhängig von den Parteifunktionären blieb, der aber auch NS-Führungsoffizier war auch auch 1947 noch nichts Verwerfliches an seiner SS-Zugehörigkeit sah.

Kommissarisch war auch Rolf Carls von Juni 1943 bis April 1945 in Stormarn eingesetzt. Der Generaladmiral hatte im Mai 1943 die Dienstaltersgrenze erreicht und um die Versetzung in den Ruhestand gebeten. Erst danach trat er in die NSDAP ein. 1944 wurde er wegen Unterlassung des Deutschen Grußes im Schriftverkehr gemaßregelt. Als Mitglied des Generalstabs habe sich Carls, der beim Bombenangriff auf Bad Oldesloe ums Leben kam, aber an der operativen Planung von Angriffskriegen beteiligt, schreibt Müller.

Der erste, ehrenamtliche Landrat nach dem Krieg war Heinrich Eckholdt, der 1933 als Senator in Lübeck abgesetzt worden war und der wegen weitere Repressalien in die Nähe von Berlin gezogen war. 1945 kehrte er zurück, trat in die CDU und wurde von den Briten als Kreistagsmitglied ernannt.

Bei den ersten freien Wahlen verloren die Bürgerlichen aber ihre Mehrheit, und der Kreistag wählte den Sozialdemokrat en und Pädagogen Wilhelm Siegel. 1950 wurde Siegel, der Anfang der 1920er Jahre Mitglied der KPD war, wurde zum ersten hauptamtlichen Stormarner Landrat nach dem Krieg gewählt, was er bis 1956 blieb. Von 1947 bis 1967 gehörte Siegel dem Landtag an und war 1949/50 Minister für Volksbildung. 1965 ernannte Großhansdorf Wilhelm Siegel zum Ehrenbürger.

1956 wurde Claus von der Groeben (CDU) zum Landrat gewählt, wurde gut ein Jahr später aber bereits als Ministerialdirektor ans Innenministerium berufen. Von der Groeben war 1932 in die NDSAP eingetreten. Als Referent im Hauptstab in der Ukraine erfuhr er von Massenexekutionen an Juden, die er scharf verurteilte und seine Versetzung beantragte. Nach dem Krieg setzten sich NS-Gegner für von der Groeben ein. Marion Gräfin von Dönhoff gab an, dass sie ihn im Auftrag Stauffenbergs wegen des Umsturzversuchs gefragt habe und er sich sofort zur Verfügung gestellt habe. Von jemanden, der Hoffnungen in die NSDAP setzt, habe sich von der Groeben zum NS-Gegner mit Beteiligung am aktiven Widerstand entwickelt.

18 Jahre – von 1957 bis 1975 – agierte Wennemar Haarmann als Landrat in Stormarn. Er war formelles Mitglied in der NSDAP, ohne sich als Unterstützer des Regimes hervorzutun, aber auch ohne Gegnerschaft, wie Historiker Müller in seiner Beurteilung feststellte.

 

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erstellt am 10.Okt.2016 | 06:00 Uhr

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