zur Navigation springen

Stormarner Tageblatt

10. Dezember 2016 | 15:45 Uhr

Amtsgericht Ahrensburg : Prozess um Tod eines Demenzkranken

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

57-Jähriger verschwindet aus Pflegeheim und stirbt im Wald: Geschäftsführer, Leiterin und Betreuerin angeklagt

Drei Angeklagte müssen sich vor dem Amtsgericht verantworten: Der Geschäftsführer eines Pflegeheims im südlichen Stormarn, die Pflegedienstleiterin und die Betreuerin. Die Anklage: fahrlässige Tötung. Es geht um den Tod eines 57-jährigen Demenzkranken, der Ende 2011 aus dem Heim verschwand und zwei Monate später tot aufgefunden wurde.

Der Mann hatte einen starken Bewegungsdrang und war desorientiert. Es war nicht das erste Mal, dass der Zuckerkranke sich eigenmächtig auf einen Weg machte. Bis dato hatten ihn die Polizei oder Nachbarn aufgespürt und zurückgebracht. Diesmal nicht. Er war dünn bekleidet in einen moorigen Wald jenseits der Landesgrenze bis nach Hamburg gewandert und dort ums Leben gekommen. Die Todesursache war nicht mehr festzustellen, nur dass er nicht an Unterkühlung starb. Seine Schwester war die Nebenklägerin: „Es geht mir nicht um Bestrafung, ich möchte nur wissen was geschehen ist.“
Gegen einen Strafbefehl hatten sich die Angeklagten gewehrt. Die Richterin betont die rechtlichen Probleme: „Mehrere Personen hatten die Pflicht zu handeln, es hätte ein Netz geknüpft werden müssen.“ Das sei fahrlässig unterlassen worden. Es gehe aber auch um die ethisch schwierige Frage, wie weit eine geschlossene Unterbringung angebracht sei. In diesem Fall hätte das Betreuungsgericht sie angeordnet, ist die Richterin überzeugt. Die Hürden dafür seien heute höher, entgegnete einer der drei Anwälte.

Der Verstorbene lebte zuletzt in einem geschützten Bereich des Pflegeheims für Demenzkranke, der Ausgang war damals durch einen Zahlencode gesichert und das Gelände umfriedet. Schon das hatte die Heimaufsicht kritisiert. Der Zaun hatte den kräftigen Mann aber nicht am Übersteigen gehindert. „Seine Schwester wünschte keine geschlossene Unterbringung“, so der Geschäftsführer. Tage zuvor habe sie das im Gespräch noch erklärt.

Die Mitarbeiter des Heims gingen zunächst selbst auf die Suche. Nach zwei Stunden wurde die Polizei alarmiert. Auf Hamburger Gebiet würde nicht gesucht, hatte eine Beamtin dem Geschäftsführer erklärt. Eine Suche mit Hunden und einer Wärmebildkamera wurde erst am folgenden Tag eingeleitet und blieb vergeblich.

Wichtig war Gericht und Staatsanwältin, welche Konsequenzen daraus gezogen wurden. Aus den Akten gehe keine Reue der Angeklagten hervor, so die Staatsanwältin. „Wir haben keinen geschützten Bereich mehr, wir lehnen das heute ab“, sagte der Geschäftsführer. Die Mitarbeiter seien für solche Probleme sensibilisiert worden. Die Pflegedienstleiterin hat gekündigt und arbeitet heute als Krankenschwester.

„Wir haben erstmals erlebt, dass Verantwortung übernommen wird“, sagte die Staatsanwältin. Die Angeklagten hätten gezeigt, dass es ihnen leid tue, so die Richterin. Es habe lange gedauert, aber damit sei eine Tür für die Angeklagten aufgegangen. Das Dilemma der Betreuer sei die Abwägung zwischen Freiheit mit Risiko oder geschlossenen Türen.

Das Verfahren wurde ohne Auflagen eingestellt. Die Angeklagten sagten zu, Kosten der Nebenklage und für die Beerdigung zu tragen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen