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Stormarner Tageblatt

08. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Anti-Terror-Razzien : Polizei zerschlägt Schläferzelle

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

200 Beamte stürmen gleichzeitig drei Flüchtlingsunterkünfte im Kreis Stormarn. Die Verdächtigen in Reinfeld, Großhansdorf und Ahrensburg besaßen gefälschte Pässe.

Ihre Pässe kamen aus der gleichen syrischen Fälscherwerkstatt wie die Ausweisdokumente der Paris-Attentäter, die 130 Menschen töteten. Und die mutmaßlichen Terroristen aus Schleswig-Holstein sind mit der gleichen Schlepperorganisation eingereist. Bundesinnenminister Thomas de Maizière spricht von einer „Schläferzelle“ mit Bezügen zu Paris.

Die große Anti-Terror-Razzia mit 200 Polizisten begann um 3.30 Uhr. Beamte der Spezialeinheit GSG  9 stürmten drei Flüchtlingsunterkünfte in Ahrensburg, Großhansdorf und Reinfeld (alle Kreis Stormarn). Die Beamten nahmen die Syrer Mohamed A. (26), Ibrahim M. (18) und Mahir Al-H. (17) fest. Smartphones, Speichermedien und Dokumente wurden beschlagnahmt.

In Großhansdorf war Nachbar Thorsten Saemisch Augenzeuge des Zugriffs. Er sagt: „Ich wurde durch den Schrei einer Frau, Lärm und Klirren wach“. Als Saemisch aus dem Fenster sieht, wird er von starken Scheinwerfern geblendet. „Ich ging dann vor die Tür, und rund um die Unterkunft standen vermummte Polizisten, das Gewehr im Anschlag.“ Die Spezialkräfte hatten Fenster im Erdgeschoss eingeschlagen, um in das Haus aus 16 weinroten Containern zu gelangen – und Ibrahim M. zu verhaften. „Überall war grelles Licht und Rufe, dass alle drin bleiben sollten“, sagt ein 24 Jahre alter Bewohner aus Syrien und erzählt in gebrochenem Deutsch, dass der Verdächtige mit drei Syrern und einem Libanesen in einem Container lebte. Nachdem Ibrahim M. in ein Fahrzeug gebracht worden ist, kommt ein Spürhund zum Einsatz – offenbar, um nach Sprengstoff zu suchen. Angelika Woge vom „Freundeskreis Flüchtlinge Großhansdorf“ berichtet schockiert: „Ich hatte ihn im Winter noch persönlich begrüßt und einer Patenfamilie übergeben, die ihn begleitete.“

In der Unterkunft in Reinfeld bei Lübeck sind Türen und Fenster unbeschädigt. Mit dem mutmaßlichen Terroristen Mahir Al-H. lebten zehn weitere Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in dem Einfamilienhaus. Alle waren zunächst überwältigt und mit Kabelbindern gefesselt worden. Beamte knackten das Schloss am Spind von Mahir Al-H., führten ihn dann ab. Auch zwei Bewohner wurden mitgenommen, um als Zeugen auszusagen. „Der Festgenommene lebte erst seit kurzer Zeit hier“, berichten die Flüchtlinge. Und: „Wir haben mit der Sache nichts zu tun.“ Albrecht Werner, Sprecher der „Initiative Asyl“ in Reinfeld, erklärte: „Die Bewohner begrüßten den Einsatz. Sie fühlen sich dadurch sicherer.“

Mohamed A. wurde in einem Mehrfamilienhaus in der Ahrensburger Innenstadt verhaftet. Er wohnte dort mit neun Landsleuten. Bürgermeister Michael Sarach (SPD) zeigte sich erschüttert: „Er war sozusagen ein Vorzeigeflüchtling, hat Deutsch gelernt und Integrationskurse besucht.“

Nach den Ermittlungen des Bundeskriminalamts sind die drei Männer dringend verdächtig, für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nach Deutschland gekommen zu sein. Mahir Al-H. soll sich laut Bundesanwaltschaft spätestens Ende September 2015 in Rakka dem IS angeschlossen haben. Er erhielt demnach eine kurze Ausbildung, die auch die Einweisung in den Umgang mit Waffen und Sprengstoff umfasste. Im Oktober 2015 soll es dann ein Treffen mit einem IS-Funktionär gegeben haben, der für Anschläge im Westen verantwortlich ist. Ihm gegenüber verpflichtete sich Mahir Al-H., gemeinsam mit Mohamed A. und Ibrahim M. nach Europa zu reisen. Die Terrormiliz stellte ihnen falsche Pässe aus (womit Mahir Al-H. auf dem Papier nicht länger minderjährig war); ein höherer vierstelliger US-Dollar-Betrag wurde übergeben, außerdem Smartphones mit der App „Telegram Messenger“, die das Versenden verschlüsselter Nachrichten ermöglicht. Über die Balkanroute kamen die Verdächtigen Mitte November 2015 nach Deutschland.

Gestern wurden die mutmaßlichen Terroristen zunächst ins Hamburger Polizeipräsidium gefahren und erkennungsdienstlich behandelt. Ein Konvoi brachte sie dann gegen 11 Uhr direkt auf das Rollfeld des Hamburger Flughafens. Mit Bundespolizeihubschraubern vom Typ Superpuma wurden die Männer zur Generalbundesanwaltschaft nach Karlsruhe geflogen. Der Vorwurf lautet auf Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung.

Ausgangspunkt dafür soll ein Hinweis des Verfassungsschutzes gewesen sein. „Die Ermittlungen des Bundeskriminalamts liefen über Monate“, erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). „Die Verdächtigen wurden in großem Umfang persönlich observiert.“ Jana Maring, Sprecherin des Kieler Landeskriminalamts (LKA), bestätigt: „Unsere Behörde war von Anfang an beteiligt.“ Ebenso wie das Hamburger Landeskriminalamt. Dortige LKA-Fahnder wurden an der Seite des Bundeskriminalamtes eingesetzt, um U-Bahn-Fahrten der drei Verdächtigen in der Hansestadt zu überwachen. Zeitweise gab es den Verdacht, die drei Männer könnten einen Anschlag auf ein EM-Fanfest in Hamburg planen, doch der verdichtete sich nicht. De Maizière betonte gestern, es sei zu keiner Zeit eine Gefahr von den Verdächtigen ausgegangen. „Konkrete Aufträge gab es nach bisherigen Ermittlungen nicht.“

In Reinfeld ist die Observation den Nachbarn schließlich aufgefallen: Sie berichten von einem Wohnmobil, das lange Zeit in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft parkte. Bürgermeister Heiko Gerstmann (SPD) war nach eigenen Angaben über die Ermittlungen informiert – und auch in den bevorstehenden Zugriff eingeweiht. „Ich bin froh, dass die Verdächtigen ermittelt worden sind, aber in Sorge, dass die Stimmung gegenüber Flüchtlingen nun umschlägt“, sagte er.

Genau darauf spekuliert die Terrormiliz nach Aussage des Bundesinnenministers. „Der IS legt es darauf an, solche Personen unter die Flüchtlinge zu mischen, damit es zu Verunsicherung kommt. Angewiesen ist der IS darauf nicht.“ Mit anderen Worten: Die Terrororganisation verfügt über die Mittel, Attentäter auch auf andere Weise nach Europa zu bringen.

Nach Angaben von Ermittlern verhielten sich die drei jungen Männer extrem konspirativ. So sollen sie etwa die SIM-Karten ihrer Handys häufig getauscht haben. Neben dem Zugriff in den Unterkünften gab es zwei weitere Durchsuchungen in Schleswig-Holstein. Möglicherweise ging es hier um geheime Depots für Waffen oder Sprengstoff. Eine Durchsuchung in Niedersachsen steht nach Informationen unserer Zeitung im Zusammenhang mit der Aussage eines Zeugen. Warum wurde erst jetzt zugegriffen? De Maizière: „Es musste der richtige Zeitpunkt ermittelt werden, damit auch ein Haftbefehl trägt.“

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