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Stormarner Tageblatt

28. September 2016 | 15:41 Uhr

Ahrensburg : Patenschaft mit neuem Gesicht

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Vor 60 Jahren übernahm Stormarn die Patenschaft für den pommerschen Kreis Kolberg-Körlin. Gedenken im Kreistag.

Vor 60 Jahren, am 19. Juni 1956, beschloss der Stormarner Kreistag, eine Patenschaft für den pommerschen Kreis Kolberg-Körlin zu übernehmen. In der Kreistagssitzung heute um 16 Uhr wird Kreispräsident Hans-Werner Harmuth auf das Jubiläum eingehen. Im Foyer gibt es zudem eine kleine Ausstellung mit Bildern, Schriften, Karten und mehr.

Mit der Vertreibung waren 1945 mehr als eine Million Menschen aus dem deutschen Osten nach Schleswig-Holstein gekommen. Ingo Pittelkow war damals fünf Jahre und hat nur noch schemenhafte Erinnerungen an die Flucht. Er kam zunächst mit seiner Mutter in Husum unter. Als der Vater 1947 aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, kam er nach Bad Oldesloe. „Hier bin ich zur Schule gegangen und groß geworden“, sagt der heute 76-Jährige. Und mehr als das. Von 1966 bis zu seiner Pensionierung 2004 arbeitete er im Kreisgesundheitsamt.

1970 wurde Ingo Pittelkow Heimatkreisbeauftragter. Der büroleitende Beamte der Verwaltung Bad Oldesloe-Land, der 1956 die Anregung für die Patenschaft mit dem pommerschen Kreis gestellt hatte, kannte die Eltern von Ingo Pittelkow und hatte ihn vorgeschlagen. „Ich bin damals ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Pittelkow, „bei uns zu Hause der Verlust der Heimat war kein Thema.“

Noch heute ist er Vorsitzendes des Heimatkreises Kolberg-Körlin und tritt dem Eindruck entgegen, dass die Luft raus sei aus der Patenschaft. 1961 hatte es in der Oldesloer Freilichtbühne das erste große Patenschaftstreffen mit über 1000 Teilnehmern gegeben. In dem Jahr wurde auch der Gedenkstein am Stormarnhaus aufgestellt. „Das letzte Treffen in dieser Form fand 2011 mit rund 200 Teilnehmern statt“, sagt Ingo Pittelkow, „das ist aber ganz normal.“ Die Patenschaft sei heute Teil der Geschichte: „Sie ist da, aber sie muss sich immer wieder neu erfinden.“

1975 gab es die erste gemeinsame Fahrt des Heimatkreises mit Vertretern aus Kreistag und Verwaltung nach Polen. „Wir haben alle Dörfer besucht, aus denen Teilnehmer kamen“, erinnert sich Ingo Pittelkow, „nicht einmal ist ein böses Wort gefallen. Im Gegenteil: Wir wurden sofort eingeladen. In acht der zehn Gemeinden haben wir später gemeinsam Gedenksteine aufgestellt.“

In den 80er Jahren, nach den Streiks auf der Danziger Werft und dem Verbot von Solidarnosc, organisierten die Stormarner Hilfslieferungen nach Polen. „Das ging über Jahre“, sagt Ingo Pittelkow, und es vertiefte die Kontakte weiter. Heute ist es kein Problem mehr, als Tourist nach Polen zu reisen, aber es ist etwas anders, wenn man mit dem Heimatkreis unterwegs ist. „Alle die mit uns mitgefahren sind, haben danach ein ganz anderes Bild von Polen“, sagt Ingo Pittelkow.

1999 erschien das Kolberg-Körlin Buch in Stormarn, „Das Kolberger Land“. „Darin sind alle Gemeinden, die gesamt Bevölkerung nach der Volkszählung 1937 aufgeführt. Es ist das einziger Werk dieser Art für Hinterpommern. Das haben wir der Patenschaft zu verdanken“, so Pittelkow. Und es ist nicht nur ein Nachschlagewerk für die Nachkommen wie Kirsten Pittelkow (45), auch die Polen wollten wissen, wer vor ihnen dort gelebt hat. „Oft fängt erst die zweite oder dritte Generation an zu fragen, woher die Vorfahren kamen. Das kann man nur aufarbeiten, wenn es ein Archiv, Bücher gibt“, sagt die 45-Jährige.

Das entspricht dem Beschluss des Kreistags aus dem Jahr 1956, die geistigen und kulturellen Werte zu bewahren. Davon, die „Bevölkerung des Patenkreises in ihrem Bemühen um die Anerkennung ihres Rechts auf die Heimat zu unterstützen“, ist keine Rede mehr. „Ich bin dankbar dafür, wie es jetzt ist“, sagt Ingo Pittelkow. „Die Patenschaft ist erwachsen geworden“, so der Kreispräsident und der Landrat.

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erstellt am 23.Sep.2016 | 06:00 Uhr

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