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Stormarner Tageblatt

03. Dezember 2016 | 20:52 Uhr

Bad Oldesloe : Ostküstenleitung: „Pest oder Masern“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Schleswig-Holsteins Umweltminister Habeck präsentiert in Bad Oldesloe mit Netzbetreiber Tennet die Ergebnisse des Dialogverfahrens.

Die stetig ansteigenden Produktionsmengen an Strom aus erneuerbaren Energien benötigen ein entsprechendes Stromnetz. Das machte Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck bei der Bürgerbeteiligungs-Ergebniskonferenz zur Ostküstenleitung in der Oldesloer Festhalle deutlich. „Die gesamte Energiewende – die wir ja alle wollen – kann nur funktionieren, wenn wir die logistischen Rahmenbedingungen dafür schaffen“, so der Grünen-Politiker.

Die dafür benötigte neue 380-kV-Leitung, die durch den Netzebetreiber Tennet gebaut werden soll, werde nach den aktuellen Plänen Stormarn allerdings nur im Norden tangieren und von dort ist in diesem Fall trotz überirdischer, freier Leitungen kein Widerstand aus der Bevölkerung zu erwarten. Der Grund: Die neue Stromautobahn wird auf der bestehenden Trasse bei Mönkhagen und Travenbrück eingerichtet und rückt dabei sogar weiter von der Wohnbebauung ab, als die bestehende 220-kV-Leitung, die zurückgebaut wird.

Dort, wo Anwohner entlang der neuen Trasse zu sehr belastet werden könnten, hat Tennet insgesamt fünf Streckenabschnitte geprüft, in denen Erdkabel verlegt werden könnten. Der Stormarner Bereich kam dafür nicht in Frage. Anders sieht es allerdings im Kisdorferwohld und in Henstedt-Ulzburg aus. In diesen beiden Bereichen soll auf vier beziehungsweise fünf Kilometern ein Erdkabel gelegt und auf oberirdische, freie Kabel verzichtet werden.

„Wir haben in Berlin dafür gekämpft. Ich denke, dass damit die Option gefunden wurde, die der Gemeinde die erhoffte Entlastung bringen wird“, sagte Habeck. „Nach allen Abwägungen empfehle ich mit Nachdruck, dass die Gemeindevertretung in Henstedt-Ulzburg diesen Vorschlag annimmt“, so der Minister weiter. Er wisse allerdings, dass es dazu einer Bauplanänderung bedarf. „Es ist durchaus eine konmplizierte Situation.“ Allerdings habe er wenig Verständnis für manchen Protest. „Wenn es nun manche gibt, die gegen Erdkabel protestieren und auf der anderen Seite die Bewegung, die gegen freie Kabel protestiert, kommen wir auch nicht weiter. Die Frage ist ja nicht, ob wir diese Ostküstenleitung bauen, sondern nur wie“, stellte er klar.

Da man das in Schleswig-Holstein in dieser Form noch nicht gemacht habe, müsse er zugeben, dass es noch „sehr wenig Fakten über mögliche Auswirkungen gibt“. Aus dem Publikum kam daher die Beschwerde, dass man als „Versuchskaninchen“ missbraucht werde. Jens-Walter Bohnenkamp, Vorsitzender des Segeberger Bauernverbands, führte aus, dass man gehört habe, dass über Erdkabeln keine Tiere mehr gehalten werden können.

Eine Gemeindevertreterin aus Hennstedt-Ulzburg befürchtet die Zerstörung von Biotopen. „Und wenn der Eisvogel dann weg ist, was machen sie dann? Dann sind wir die Gelackmeierten oder wie?“, schimpfte sie. Tennet-Projektleiter Till Klages betonte immer wieder, dass man Landwirte zehn Jahre lang entschädigen würde, sollte es zu Problemen kommen. Auch für sonstige Schäden werde Tennet aufkommen. „Wir haben gar kein Interesse in Streit zu geraten“, so Klages. „Wir werden nach dem Ende dieses Dialogverfahrens mit den konkreten Planungen beginnen. Dann müssen wir prüfen, was geht oder eben nicht“, stellte Uwe Herrmann von Tennet klar.

„Für uns wirkt es wie die Wahl zwischen Pest und Cholera“, blieb Hennstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer verstimmt. „Wir sind die Verlierer dieses Prozesses.“ Eine Aussage, die Habeck nicht so stehen lassen wollte. „Ich erwarte keinen Applaus, aber die Bezeichnung Pest oder Cholera ist unpassend. Nennen wir es Pest und Masern. Ich weiß, dass das ein Moll-Schlusswort ist: Aber es wird keine optimale Lösung für alle geben. Vielleicht sollten wir jetzt alle einfach nach Hause gehen, es ist alles gesagt“, beendete er die Veranstaltung nach zwei Stunden.  

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erstellt am 04.Jun.2016 | 06:00 Uhr

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