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Stormarner Tageblatt

02. Dezember 2016 | 19:19 Uhr

Nach Ehedrama: Neun Monate auf Bewährung

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die 45-jährige Angeklagte schaut während der Plädoyers in der großen Srafkammer des Lübecker Landgerichts nach unten, hält eine Hand vor ihren Mund. Die zierliche Frau wirkt eingeschüchtert und erschöpft. Im Publikum sitzen ihre Eltern. Im Dezember 2015 hatte sie ihrem von ihr getrennt lebenden Ehemann im Streit ein Messer in den Hals gerammt. Sie soll sich mit einem Schlüssel Zutritt zum Haus des Ex-Mannes verschafft, ihn im Schlafzimmer geweckt und zur Rede gestellt haben. Beim anschließenden Streit sei die Situation eskaliert. Der Ex-Mann habe sie geschubst und im Gesicht verletzt. Der inzwischen von ihr geschiedene, damals 48-Jährige konnte sich aus dem Haus retten und die Polizei alarmieren. Die Frau schlug vor, ihn in die Klinik zu fahren, wolle sich selbst der Polizei stellen, verlor dann aber den Mut, so dass sie später vor ihrer Wohnung in einem verwirrten, abwesenden Zustand von der Polizei aufgegriffen wurde. Die Anklage lautete auf gefährliche Körperverletzung.

Die 45-Jährige gestand die Tat, konnte sich jedoch nicht mehr an alles erinnern. Das machte es Ermittlern schwer, den Tathergang akribisch nachzuvollziehen – zumal der Geschädigte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte. Der Staatsanwalt rechnet in seinem Plädoyer als strafmildernd an, dass die Frau keinerlei Vorstrafen habe, ihre Sozialprognose gut und im Vorwege bereits ein Täter-Opfer-Ausgleich erfolgt sei. Als strafverschärfend führt er das heimliche Eindringen ins Haus des Ex und das Zufügen von schwerwiegenden Verletzungen an, plädiert für ein Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung.

Der Verteidiger rekonstruiert das Leben der Angeklagten, beschreibt sie als gebildet. Sie habe studiert, sei Mutter von drei Kindern. Im Laufe der Jahre sei es zu belastenden Situation gekommen, der Mann habe immer mehr Forderungen gestellt und ihr vorgeworfen, „nichts gebacken zu bekommen“. Der Gutachter bescheinigte ihr eine extreme Belastungssituation, eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung mit depressiver Entwicklung. Dazu trug das laufende Scheidungsverfahren mehr und mehr bei. Seine Mandantin habe das Gefühl gehabt, nichts zustande zu bringen und sei in einen Erschöpfungszustand geraten – der Beginn des Verlusts der Steuerungsfähigkeit, die sich bei der Tat deutlich gezeigt habe. Der Verteidiger spricht von extrem affektiver Aufladung. Sie sei bereits genug gestraft worden, zumal sie durch ihre Tat ihre Kinder nur besuchen kann und sie nicht mehr bei ihr leben. Mit anderen Worten: Er hält sie für strafunfähig.

Beim Urteil richtet sich Richter Christian Singelmann weitgehend nach den Ausführungen des Staatsanwalts. Aufgrund ihrer Ausnahmesituation könne das Gericht ihre Tat zwar verstehen, aber nicht gutheißen. Zugute halten müsse man der Angeklagten, dass sie sehr unter ihrer Tat leide, sie gern ungeschehen machen würde und zutiefst bereue. Aber es bleibe trotzdem eine gefährliche Körperverletzung, zwar bei verminderter Schuldfähigkeit, aber ohne kompletten Verlust der Steuerungsfähigkeit. Das Urteil: Neun Monate auf Bewährung für die Großhansdorferin. Richter Singelmann: „Sie sollten mit diesem Urteil gut leben können.“

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erstellt am 25.Nov.2016 | 10:36 Uhr

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