zur Navigation springen

Stormarner Tageblatt

10. Dezember 2016 | 17:42 Uhr

Bad Oldesloe : „Ich bin an diesem Ort geboren“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Stadtarchivarin Dr. Sylvina Zander hat ein Buch über die Geschichte der Oldesloer Juden geschrieben und stellt es demnächst vor.

Henry Hirsch ist der Hauptprotagonist des neuen Buches von Dr. Sylvina Zander, in dem es um das jüdische Leben in Oldesloe geht. Der Stadtarchivarin liegt das Thema schon lange am Herzen, jetzt erscheint „Die Geschichte der Oldesloer Juden“ auf 300 Seiten und reich bebildert. Das Buch ist noch nicht gedruckt, erscheint aber Ende November beim Wachholtz Verlag und wird dann von der Autorin am 29. November im Kub öffentlich vorgestellt.

Der Titel „Ich bin an diesem Ort geboren“ deutet schon an, dass die jüdischen Mitbürger, die rund 250 Jahre lang in Oldesloe ansässig waren, sich zuallererst als Oldesloer gefühlt haben müssen. Ganz besonders besagter Henry Hirsch, der nicht nur Mitglied im Oldesloer Turnverein und der Bürgerschützengilde war, sondern sich sogar bis in die Oldesloer „Oberschicht“ hoch arbeitete und sich taufen ließ. „Mich haben schon immer Randgruppen interessiert und Personen, die nicht zum so genannten Mainstream gehören“, sagt Sylvina Zander, die sich mit dem Thema Oldesloer Juden bereits seit fast 20 Jahren beschäftigt und in alten Archiven stöberte.

Die Archivarin wurde fündig in Steuer- und Armenregistern, im Spendenregister für Notfälle und im Oldesloer Landboten, dem Vorläufer des Stormarner Tageblatts. Die wenigen Juden haben in Oldesloe viele Spuren hinterlassen, und zwar seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Der erste Oldesloer Jude war Israel Israel, der mit seiner Familie von Moisling nach Oldesloe kam, und 1738 vor dem Oldesloer Magistrat seinen Bürgereid ablegte. Damit erhielt er als so genannter Schutzjude das Wohnrecht in der Stadt. „Er ließ sich hier als Kaufmann und Hausierer nieder, das war zu dieser Zeit typisch für Juden, denn sie waren Bürger mit eingeschränkten Rechten“, erzählt Sylvina Zander. So durften sie keinen eigenen Friedhof und keine Gemeinde gründen und hatten nur einen Gebetsraum in ihrem Wohnhaus. Auch durften sie nicht am Bürgerscheibenschießen teilnehmen. In Oldesloe habe man das allerdings alles nicht so genau genommen, und die jüdischen Familien konnten sich rasch integrieren, so Zander.

Die Geschichte der Großfamilie von Henry Hirsch, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Oldesloe geboren wurde, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. „Ich habe lange überlegt, wie ich das Buch gliedern soll. Schließlich habe ich es komplett biografisch geschrieben“, sagt Sylvina Zander, die unzählige Archivseiten sichtete.

Das Kaufhaus Hirsch in der Langen Straße – in dem Gebäude ist heute Delikatessen Peters ansässig - war bis Ende der 1920er Jahre ein Begriff in Oldesloe. Hier verkaufte Henry Hirsch Textilwaren, wie Bekleidung, Stoffe, Bänder und Spitzen, die es sonst nirgends in Oldesloe gab. Zugute kam den jüdischen Bürgern das 1863 erlassene Emanzipationsgesetz, das ihnen fast alle Bürgerrechte verlieh. „Das veränderte fast alles. Die Oldesloer Juden haben ihre Chance in Windeseile ergriffen“, sagt die Archivarin, in deren Buch man gut verfolgen kann, wie sich mit den Zeitläufen auch das Leben für die Juden veränderte.

In den Blick gerät auch Heinrich Heine, der seinem Vater, der für kurze Zeit wahrscheinlich als Kurgast in Oldesloe lebte, hier einen Besuch abstattete. Erwähnt wird auch der gebürtige Oldesloer Hermann Levy, der nach Brasilien auswanderte und dort ein berühmter Künstler wurde. Die Artistenfamilie Goldkette trat ebenfalls häufiger in Oldesloe auf. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten rund 30 Juden in Oldesloe, davon viele auch illegal. Einige zogen später nach Hamburg, wie die Schwestern Friederike und Helene Oppenheim (geb. Hirsch), die später in Theresienstadt und Minsk ermordet wurden. Manche wanderten auch in die USA und nach Shanghai aus.

Große Einschnitte brachte der Erste Weltkrieg, in dem nicht nur Henrys Neffe Julius Hirsch sein Leben verlor. „In den 1930er Jahren lebten nur noch wenige Juden in Oldesloe, deshalb wurden auch keine aus der Stadt deportiert“, weiß Sylvina Zander. Henry Hirsch starb 1927, da war der Antisemitismus in der Stadt schon mit Händen zu greifen. 1928 erscheint im Landboten die erste Anzeige der NSDAP mit dem Zusatz „Juden haben keinen Zutritt“.

Es ist erschreckend, dass auch eine Jahrhunderte alte Assimilation nichts genützt hat. Die Juden hatten deutsche Namen und waren zum Teil getauft“, so Sylvina Zander. Dennoch geht es in ihrem Buch nicht nur um die jüdische Leidensgeschichte, sondern vor allem auch um das reiche Leben vor den antisemitischen Exzessen.

Dr. Sylvina Zander wird ihr Buch „Ich bin an diesem Ort geboren“ am Dienstag, 29. November, ab 19 Uhr öffentlich im Kultur- und Bildungszentrum (Kub) präsentieren. Für die musikalische Begleitung sorgen die Brüder Ivo und Ilja Ruf, zwei junge Musikstudenten aus Lübeck, die traditionelle Klezmermusik spielen werden. Der Eintritt ist frei.
 

zur Startseite

von
erstellt am 17.Nov.2016 | 15:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen