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Stormarner Tageblatt

06. Dezember 2016 | 15:17 Uhr

Was macht Prof. Dr. Gerold Rahmann in Äthiopien? : Für eine Welt ohne Hunger

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Leiter des Instituts für ökologischen Landbau hat sich für zweieinhalb Jahre freistellen lassen, um sich in der Landwirtschaft in Äthiopien zu engagieren. Stippvisite im Trenthorster Herrenhaus

Er ist wieder da – doch nur für ein paar Tage. Morgen fliegt Prof. Dr. Gerold Rahmann wieder zurück nach Äthiopien, wo er seit Juli letzten Jahres im Auftrag der Bundesregierung für die Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ in einer der ärmsten Regionen der Welt tätig ist. „Es ist eine Ehre für mich, in diesem Agrarprojekt mitarbeiten zu dürfen“, so Rahmann. Er leitet eines der 13 grünen Innovationszentren in Afrika.

„Wir gehen dahin, wo man noch produzieren kann, wo es noch Hoffnung gibt“, sagt Rahmann während seines Vortrages unter dem Motto „Was macht Rahmann in Äthiopien?“ vor vollem Haus im Foyer des Trenthorster Herrenhauses. Der Leiter des Instituts für ökologischen Landbau hat sich für zweieinhalb Jahre freistellen lassen, um sich in der Landwirtschaft in Äthiopien zu engagieren.

„Äthiopien ist eines der spannendsten Länder“, meint Rahmann. 125 Länder hat er bereist, 60 Länder sind noch offen. Die möchte der Agrarökonom im Laufe der nächsten zehn Jahren noch „voll kriegen“. Anschließend plant er die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „Bad News, good News – World of Food and Farming“.. Acht Monate ist er nun schon fern der Heimat. „Das Institut fehlt mir, mein ganzes Leben hat sich verändert“, sagt der 53-Jährige und betont, dass Trenthorst der schönste Arbeitsplatz sei, den er je gehabt habe. In Addis Abeba, der zwei Millionen-Einwohner-Hauptstadt Äthiopiens wohne er zwar „angemessen“, doch bekomme man in Afrika für viel Geld nicht das, was die Sache wirklich wert sei. Sein Büro befindet sich im German Development Coorporation Office. Sein Arbeitsgebiet liegt außerhalb der Hauptstadt – auf dem Land, wo 25  000 Kleinbauern das Leben bestimmen. Hier arbeiten Rahmann und seine Kollegen in einem Forschungszentrum, das 30 Millionen Euro an Entwicklungshilfemitteln zur Verfügung hat. Ein Team aus drei Äthiopiern unterstützt den Agrarökonomen. Er wird gefahren, eine Übersetzerin begleitet ihn. Die Region ist gefährlich, gerade gab es einen Aufstand gegen die Enteignung von Kleinbauern, eine Dürre bedroht zur Zeit die Ernte.

„Die Bauern haben Lust, mit wenig viel zu erreichen“, sagt er. Doch das Niveau sei niedrig, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. Ein Hektar Land muss für mindestens sechs Personen reichen, geerntet wird meist noch mit der Hand, Ochsen werden vor den Pflug gespannt, die Ausbildung in den Berufsschulen für Landwirtschaft sei viel zu theoretisch. Ziel sei es, eine praxisorientierte Berufsschule aufzubauen, das Einkommen der Kleinbauern zu erhöhen, die trotz guter Böden und relativ hohen Niederschlagsmengen am Existenzminimum leben. Es geht auch um die sinnvolle Mechanisierung der Landwirtschaft, den Umgang mit Maschinen und wertvollem Saatgut wie der Ackerbohne, den vernünftigen Einsatz von Spritzmitteln, das Einführen einer sinnvollen Fruchtfolge, das richtige Bearbeiten der Böden, die Installation einer ordentlichen Mühlentechnik, die Einführung einer Bühnenproduktion und darum, den Frauen einen Arbeitsplatz zu bieten.

„Den Kamelen geht es meist besser als den Frauen“, hat er vor Ort erfahren. Was nützen gespendete Mähdrescher und Traktoren, wenn sie nicht repariert oder bedient werden können? Wie kann das traditionelle „Teff“ (Grasart und Hauptnahrungsmittel) nach der Ernte sinnvoll weiterverarbeitet werden? Viel gehe von der Einsaat bis zum Mahlen verloren. „Die drei klassischen H – Hirn, Herz und Hand – fehlen in Äthiopien“, erklärt Rahmann. Egal ob öko oder nicht – es gehe ums nackte Überleben. Natürlich weiß auch Rahmann, dass er in zweieinhalb Jahren nicht „die Welt retten“ kann, er könne jedoch einen kleinen Beitrag leisten und die Herausforderung annehmen.

Für ihn sei das Entwicklungshilfeprojekt Rückkehr zu seinen Wurzeln. Denn Rahmann schrieb bereits seine Doktorarbeit zum Thema Wüstenforschung: „Wie überlebt ein Nomade die Dürre?“ Als Jugendlicher engagierte er sich für Brot für die Welt und war schockiert über die Zustände in Äthiopien. Heute – 30 Jahre später – kehrt er zurück. Es sei ein harter Job, er werde bis an seine Grenzen gefordert. Rahmann verfolgt weiter sein Ziel: „Wir müssen Lebensgrundlagen erhalten, damit die Menschen nicht flüchten müssen. Wer flüchtet, macht das nicht aus Spaß.“

Am Dienstag fliegt Gerold Rahmann als „Ferenji“ (Weißer) zurück in nach Äthiopien – zehn Stunden Flug in ein Land mit 100 Millionen Einwohnern, einer drohenden Hungersnot und jede Menge neuer Herausforderungen.



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erstellt am 08.Feb.2016 | 06:00 Uhr

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